Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 3h

Regierungsbeteiligung | Zwischen Kinder- und Regierungswunsch

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Stimmt schon. Aber heißt das gleichzeitig, dass man sie nicht zum Besseren ändern kann? Foto: Unsplash/Stephan Ruckert In linksqueeren Kreisen war das Thema Kinderwunsch schon längst höchst umstritten. Es ist ja kaum zu leugnen, dass die Entscheidung, sich genetisch zu reproduzieren, egoistisch motiviert, von konservativen Geschlechtervorstellungen geprägt und extrem klimaschädlich ist. In meinem Heimatland Israel, Spitzenreiter der Geburtenrate im OECD-Vergleich, spielte auch Antimilitarismus eine Rolle. Am radikalen Block beim CSD riefen manche sogar: »Ich schieße nicht, ich gebäre nicht, ich bin eine Landesverräter*in.« Auf Hebräisch reimt es sich.

Solche Überlegungen waren sicherlich nicht unbedeutend für meine bisherige Entscheidung, kinderlos zu bleiben. Zugegeben, als schwuler Mann liegt die Sache ohnehin nicht so auf der Hand wie bei meinen Hetero-Freunden. Aber irgendeine Konstellation hätte sich sicher gefunden, hätte ich es wirklich gewollt – auch ohne, wie zuletzt einige CDU-Männer, einen outgesourcten Uterus im Ausland zu benutzen. Neben der Politik steckte aber auch einiges Persönliches dahinter: Kinder großzuziehen ist, selbst in einem weniger desolaten Weltzustand, alles andere als einfach.

Yossi Bartal ist seit 2006 ein begeisterter Wahl-Neuköllner. Aufgewachsen in West-Jerusalem lernte er früh, dass Selbsthass die edelste Form des Hasses ist. Mit einer gesunden Dosis Skepsis gegenüber Staat und Gesetz schreibt er für nd.Digital jeden dritten Montag im Monat über Parallelgesellschaften, (Ersatz-) Nationalismus und den Kampf für eine bessere Welt.

Es ist nicht nur verdammt viel Arbeit, die anscheinend nie endet, selbst wenn Großeltern und Freunde einem zur Seite stehen. Mutter oder Vater zu werden bedeutet eine Verantwortung, der ich mich – ehrlich gesagt – nicht gewachsen fühle. Diese Aufgabe mit einem Partner oder mehreren Menschen zu teilen, stelle ich mir noch schwieriger vor, mit all den programmierten Konflikten über die richtige Erziehung. Und das sind nicht meine einzigen Ängste: Was, wenn das Kind nicht so perfekt, klug oder liebenswert ist, wie man es sich erträumt? Was, wenn es Polizistin werden will, oder schlimmer noch, Investor? Vor allem aber fürchte ich, den Job zu verkacken und ein schlechter Vater zu sein.

In den letzten Tagen musste ich mir eingestehen, dass meine Gefühle angesichts des grassierenden Kinderwunschs in meinem Freundeskreis komischerweise denen ähneln, die mich beim Wahlerfolg der Linken in Berlin und dem damit verbundenen Regierungsauftrag an die Spitzenkandidatin Elif Eralp beschleichen. Denn so sehr ich mich über die starken Ergebnisse der Linken in der Stadt, vor allem in meinem Bezirk Neukölln, freue: Die Vorstellung, dass dieser wunderbare, bunte Haufen von Parteiaktivist*innen – der die herrschende Politik so überzeugend herausfordert – plötzlich eine ganze Stadt, ein einzelnes Bundesland regieren soll, noch dazu unter einer nach rechts rückenden und alles kaputt sparenden Bundesregierung, kostet mich auch den Schlaf.

Denn auf die wirklich großen Probleme der Bundespolitik kann eine Stadtregierung kaum eine Antwort liefern – finanziell ist ihr Spielraum mehr als begrenzt, außenpolitisch bleibt sie kaum mehr als symbolisch. Das erkannten auch einige Aktivist*innen schon vor der Wahl und veröffentlichten ein Statement, in dem sie jede Regierungsbeteiligung ablehnten und fragten: »Wollen wir gemeinsam mit SPD und Grünen das Elend dieser Regierung mitverwalten, wie es in der Vergangenheit der Fall war – oder machen wir Berlin zur Herzkammer des Widerstands?«

Zwar wirkt diese Entweder-Oder-Fragestellung auf mich etwas verkürzt: Zahlreiche linke Experimente weltweit zeigen, dass es für linke Bürgermeister*innen – von Ada Colau in Barcelona bis Zohran Mamdani in New York – durchaus möglich war und ist, spürbare Verbesserungen für ihre Bevölkerung durchzusetzen und dabei immer wieder auch ihre Rolle für Proteste zu nutzen, sei es gegen den Genozid in Gaza oder im Kampf gegen Big Tech, allen voran Airbnb. Zugleich stimmt aber auch: Um überhaupt regieren zu können, mussten sie schmerzhafte Kompromisse eingehen. Das NYPD wurde nicht defunded und betreibt weiterhin Racial Profiling, auch Kapitalismus und Massentourismus wurden in Barcelona nicht besiegt, und die Bewegungen, die jene Bürgermeister*innen ins Amt brachten, wurden selbst weniger rebellisch und konfrontativ, sobald ehemalige Mitaktivist*innen Posten übernahmen.

Inzwischen, und das mag völlig projektiv sein, erkenne ich dennoch in solchen Total-Opposition-Positionen vieler Linken, selbst wenn man die Wahlen eindeutig gewinnt, etwas von meiner eigenen Angst vor Verantwortung und die Sorge, es noch schlechter zu machen, als sonst jemand. Soll die Linke es aber trotzdem wagen zu führen? In diesen düsteren Zeiten doch Insel der Hoffnung gegen alle Widerstände sein zu wollen? 

Wie die kanadischen Autorinnen Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem neuen Buch »Endzeitfaschismus« beschreiben, sind die unterschiedlichen rechten Reaktionen auf die Multikrisen unserer Welt nicht mehr der Versuch, sie zu bewältigen, auf welch autoritären Wegen auch immer, sondern sich auf die Endzeit der Menschheit vorzubereiten, sie sogar zu beschleunigen, um ein extrem ausgrenzendes Überleben der wenigen Auserwählten zu erzwingen. Das vereint religiöse Extremisten mit ihren messianischen Armageddon-Visionen, Tech-Faschisten, die uns durch Maschinen ersetzen wollen, und Ethnonationalisten, die einzig ihr Lieblingsvolk vor den kommenden Katastrophen wappnen möchten. 

Wie sollen wir uns gegen diese massenmörderischen Pläne der derzeit mächtigsten Menschen der Welt behaupten und gleichzeitig durch den bereits eintretenden Kollaps navigieren? Klein und Taylor sprechen von der Notwendigkeit einer lebensbejahenden Politik, die das unperfekte Bestehende noch zu retten versucht und gleichzeitig revolutionär und militant gegen die Menschheitsfeinde vorgeht. Eine Pro-Life-Politik, doch ganz anders als was Abtreibungsgegner mit dem Branding meinen. Dass globale Auftauchen von rebellisch regierten Städten gegen mediale Hetzkampagnen und faschistische Bedrohungen, zeigt dabei einen Weg. 

Was das für uns in Berlin konkret heißt, weiß ich nicht. Aber vielleicht ist die Antwort auf Regierungsverantwortung und Kinderwunsch am Ende die gleiche: Solange ich weiß, wohin es geht, und bereit bin standzuhalten – will ich es doch irgendwann wagen. Oder, wie es der Mystiker Rabbi Nachman von Breslev schöner formulierte: »Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, und die Hauptsache ist, sich überhaupt nicht zu fürchten.«

Die »nd.Genossenschaft« gehört den Menschen, die sie ermöglichen: unseren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die mit ihrem Beitrag linken Journalismus für alle sichern: ohne Gewinnmaximierung, Medienkonzern oder Tech-Milliardär.

→ unabhängig und kritisch berichten → Themen sichtbar machen, die sonst untergehen → Stimmen Gehör verschaffen, die oft überhört werden → Desinformation Fakten entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und vertiefen

Jetzt »Freiwillig zahlen« und die Finanzierung unserer solidarischen Zeitung unterstützen. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd