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Rechtssein als Lifestyle | Warum werden immer mehr Jugendliche rechts?
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Klischee? Na ja, die Bushaltestelle gibt es ja wirklich in der Uckermark. Foto: IMAGO/serienlicht Was bedeutet es, wenn Jugendliche sagen, sie seien rechts?
Das kommt natürlich auf die Einzelperson an, aber bei mir im Buch geht es um die, bei denen es keinen wirklichen politischen Hintergrund gibt. Das sind Jugendliche, die in der Findungsphase sind und sich an den coolen Älteren orientieren. Cool sind leider im Sinne der Jüngeren die starken, rechten Jungs. In solche Cliquen wird man schnell aufgenommen. Dann beginnt es meiner Wahrnehmung nach nicht mit Politik, sondern mit einem Style – mit einer Bomberjacke, einem T-Shirt, einer Frisur. Dann geht es weiter mit einer Pöbelei und Provokationen.
Darüber haben Sie ein Buch gemacht. Wann haben Sie gedacht, dass es nötig ist?
Vor zwei Jahren, als in Sachsen Landtagswahlen waren, habe ich den Text »die Hakenkreuze von nebenan« geschrieben. Darin ging es um Hakenkreuzschmierereien in meiner Nachbarschaft, die zwei Jahre später immer noch regelmäßig an derselben Stelle zu sehen sind. Als sie mir damals aufgefallen sind, habe ich darüber nachgedacht, wie ich damit umgehe. Ich beobachtete auch, dass sich unter Jugendlichen immer mehr die Frage stellt: »Bist du rechts oder links?« Jugendliche scannen die Instagram-Accounts im Freundeskreis und gucken, wem sie folgen und welche Emojis sie benutzen. Jede Woche demonstrierten rechte Gruppen in der Innenstadt, ohne dass es Gegenwehr gab. Es veränderte sich etwas. Wir hatten nicht mehr diese harten Radikalen wie vor Corona, sondern das war so eine Art Lifestyle geworden. Davon ausgehend habe ich den Text geschrieben, der Ausgangspunkt für dieses Buch war.
Manuela Müller arbeitet seit den Nullerjahren als Reporterin bei der »Freien Presse« in Chemnitz – früher als Lokaljournalistin in Plauen, heute als Reporterin. Für ihre Gesellschaftsreportagen wurde sie mehrfach mit dem Deutschen-Reporter*innen-Preis ausgezeichnet, 2024 in der Kategorie »Bester Essay« und 2025 für die »Beste Lokalreportage«. Außerdem war sie für den Theodor-Wolff-Preis nominiert.
Die Jugendlichen in Ihrem Buch identifizieren sich als rechts und lehnen es gleichzeitig ab, als Nazis bezeichnet zu werden. Wie verstehen Sie diese Begrifflichkeiten?
Was ich mitgenommen habe, ist, dass Nazi-Sein eine negative Konnotation hat – auch in rechten Kreisen. Dabei weiß niemand so wirklich, was das bedeutet. »Ich möchte kein Nazi sein, aber ich like menschenverachtende Videos«. »Rechtssein« ist hingegen wirklich in der Gesellschaft angekommen, auch durch die AfD.
Was ist mit Nazi-Symbolen wie dem Hakenkreuz?
Das bringen die Jugendlichen, glaube ich, nicht mit dem Nationalsozialismus zusammen. Das ist Provokation – was natürlich auch heißt, dass die Auseinandersetzung und das Wissen über diese Zeit fehlen. Es kursieren unter Jugendlichen Geschichten über Adolf Hitler, in denen er verharmlost wird. Darin ist er kein Massenmörder, sondern der Mann, der die Wirtschaft vorangebracht und Autobahnen gebaut hat. Das sind absolut irre Geschichten.
Ist die Schule zu spät dran? Sie schreiben, dass Jugendliche rechts werden, bevor Sie etwas über den Nationalsozialismus gelernt haben.
Absolut. Denn das beginnt in der Phase, in der man guckt: »Wo gehöre ich hin und wer bin ich?«. Während sich die Jugendlichen schon an auffälligen rechten Gruppierungen orientieren, beschäftigen sie sich im Geschichtsunterricht noch mit der Steinzeit. Hier geht es um einen leisen, schleichenden Prozess, den wir alle zu übersehen scheinen. Die Jugendlichen haben noch kein Wissen über diesen schlimmen Teil der deutschen Geschichte. Ich sehe es auch als großes Problem, dass man die Kinder im Bildungssystem spaltet und sagt: Du gehst aufs Gymnasium und du nicht. Man sieht an den U18-Wahlen, dass es an den Oberschulen eine viel stärkere Entwicklung nach rechts gibt. Das ist ein hausgemachtes Thema.
Ich bin keine Sozialwissenschaftlerin, aber ich glaube schon, dass es Dinge gibt, die sich ändern sollten. Es ist schade, dass Schule kein Raum ist, in den Schüler*innen in der Regel gerne gehen. Dabei ist es eigentlich ein toller Ort, wo Begegnungen stattfinden. Ich denke, es muss darüber nachgedacht werden, wie Schule zu einem Ort wird, an dem ich Bildung bekomme, die mich zu einem guten Menschen macht. Dazu braucht es genug Personal. Oft geht es aktuell einfach nur darum, den Stundenplan abzudecken. Man kann Schulen nicht für alles verantwortlich machen. Aber es ist ein Ort, den jeder Mensch irgendwann besucht. In Sachsen hat der ehemalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich 2017 gesagt, dass es ein Fehler war, die politische Bildung aus den Schulen herauszuhalten. Das finde ich richtig – obwohl es natürlich ein schmaler Grat ist. Es darf nicht passieren, dass wir wieder eine politische Bestrahlung haben wie früher in der DDR.
Wie kann man mit Jugendlichen umgehen, die sich schon radikalisiert haben?
Das ist sehr ambivalent. Schule ist einerseits ein geschützter Raum, aber wenn jemand auf dem Schulhof aus Stöckchen ein Hakenkreuz legt, muss das natürlich aufgegriffen werden. Aber wie kann ich ein zehnjähriges Kind sanktionieren? Ein zehnjähriges Kind kann kein Nazi sein. Was muss also passieren, um Kinder kindgerecht aufzuklären, um zu sagen: »Mensch, weißt du, was das bedeutet? Und weißt du, wann das benutzt worden ist?« Das wäre für mich wünschenswert. Ich glaube, dass es für Lehrkräfte sehr schwer ist, mit so etwas konfrontiert zu werden. Dafür braucht es eine Sprache und einen guten, sachlichen Umgang.
Ihr Buch gibt auch Einblicke ins Justizsystem. Was haben Sie beobachtet?
Ich habe zum Beispiel mit einem 17-jährigen Mädchen gesprochen, das zusammen mit Beate Zschäpe im Chemnitzer Frauengefängnis saß – nicht in einer Zelle, aber sie hatten zusammen Arbeitstherapie. Dort haben sie gemeinsam Kerzenleuchter gebastelt – sechs Stunden am Tag. Dieses junge, ihre eigene Identität suchende Mädchen kam mit einer hochmanipulativen Terroristin zusammen. Der Grund ist, dass es viel weniger straffällige Frauen als Männer gibt und deshalb nicht zwischen Jugendstrafanstalt und Frauengefängnis getrennt wird. Aber ich frage mich: Wieso stört sich niemand daran? Ein junges Mädchen sitzt mit einer Terroristin zusammen und sie finden sich sympathisch. Das ist wie bei den Hakenkreuzschmierereien. Das wird halt hingenommen. Mir selbst ist es passiert, dass ich solche Schmierereien bei der Polizei gemeldet habe und mit einem unfassbar bürokratischen Akt konfrontiert war. Die Frau hat gelacht, weil ich das am Telefon melden wollte. Die fand das absurd.
Welche Rolle kann Lokaljournalismus spielen?
Im Lokaljournalismus sind wir wahnsinnig nah dran. Das macht es schwer, damit umzugehen. Wenn man über eine Situation schreibt, kann es sein, dass manche Menschen danach nicht mehr mit einem reden. In dem Buch berichte ich zum Beispiel über ein Simson-Treffen, bei dem Kids den Hitlergruß zeigten und mit aufgemaltem Hakenkreuz rumrannten. Darüber habe ich eine Reportage geschrieben, die bei dem Veranstalter nicht gut ankam. Aber ich habe auch erzählt, was er vorher unternommen hat, damit das nicht passiert. Ich halte es für unfassbar wichtig, über solche Beobachtungen zu schreiben und auch zu erzählen, was vorher passiert ist. Wir brauchen gerade im Lokaljournalismus Reportagen und Porträts. So können wir mehr Verständnis entwickeln als in einer harten Nachricht. Wir brauchen mehr Hintergründe, mehr Zusammenhänge, mehr Tiefe. Leider haben wir als Lokaljournalist*innen eine recht leise Stimme. Und es gibt wirtschaftliche Notwendigkeiten. Was geklickt wird, sind halt Schlagzeilen. Es klicken nicht die Zwischentöne.
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Source: nd