Germany · nd · · 1h
Rassismus | Schulen mit und ohne Rassismus
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Schulen ohne Rassismus sind eher ein Ziel als die Realität. Foto: dpa/Philip Dulian »Nie wieder Krieg«, singt Rapper Matondo Castlo am Mittwoch im brandenburgischen Landtag. Er singt: »Wer ein Menschenleben rettet, rettet die Welt.« So ähnlich heißt es im jüdischen Talmud. Matondo Castlos Auftritt im Plenarsaal des Parlaments gehört zum Landestreffen des Netzwerks »Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage«.
Beim Treffen vertreten sind beispielsweise das Pistorius-Gymnasium aus Bernau, das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium aus Forst, die Freie Grundschule aus Fürstenwalde und besonders viele Schulen aus Potsdam, die keine weite Anreise haben. Insgesamt sind rund 300 Kinder und Jugendliche aus 73 Schulen gekommen. Ein Schild »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« für die Fassade erhält jede Bildungsstätte, in der sich mindestens 70 Prozent der Schüler, der Lehrkräfte und des sonstigen Personals in geheimer Abstimmung dafür aussprechen. Sie verpflichten sich dann, aktiv gegen Diskriminierung vorzugehen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen.
Neu dazugestoßen sind seit dem letzten Brandenburger Netzwerktreffen die Schule für Gesundheitsberufe aus Perleberg, das Bülow-Gymnasium aus Stahnsdorf, die Otfried-Preußler-Schule aus Großbeeren, die Grund- und Oberschule Schwanebeck und die Geschwister-Scholl-Schule aus Bad Belzig – letztere war die 5000. Schule ohne Rassismus bundesweit. In Brandenburg machen inzwischen 122 von 859 Schulen mit.
»Da müssen wir doch noch etwas tun«, meint Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD). Das lasse sich noch ausweiten. Die Teilnahme ist aber freiwillig. Liedke rattert am Mittwoch die Antirassismusklausel in der Landesverfassung herunter und fügt an: »Wie normal ist das denn?«
Aber im Alltag ist es leider nicht normal. »Courage kann man nicht verordnen. Man muss sich selbst dafür entscheiden«, sagt Liedtke. Auch an den Schulen ohne Rassismus kann es zu Beleidigungen und Gewalt kommen. Das Schild an der Fassade ist aber ein Versprechen, dann nicht wegzusehen. In einer Demokratie müsse auch gestritten werden, weiß Liedtke. Aber es dürfte dabei niemand herabgesetzt werden. »Das ist keine Frage von rechts oder links.«
Von rechts, von der AfD, kam ein Antrag, dem Courage-Netzwerk die Fördermittel zu streichen. Das Land Brandenburg sollte seine Zahlungen einstellen und den Schulen verbieten, dabei mitzumachen, verlangte der Landtagsabgeordnete Dominik Kaufner (AfD). Es gehe hier nur um den Kampf gegen Andersdenkende, um einen Blankoscheck, hemmungslos gegen die AfD zu argumentieren, schimpfte er. Als linksextremistisch bewertete Kaufner einen Aufkleber »Rassismus erkennen«. Er sagte: »Wir brauchen diesen Bekenntniszwang nicht, und wir brauchen keine Indoktrination an unseren Schulen.«
Der Landtag hat das Ansinnen der AfD in der vergangenen Wochen abgelehnt. Dafür dankt Carsten Völtzke, Geschäftsführer des Netzwerks auf Bundesebene, der SPD, der CDU und der BSW-Abspaltung »Wir für Brandenburg«. Völtzke erinnert an seine Jugend in Ostdeutschland. »Wir sind oft weggerannt«, sagt er. In den 1990er Jahren zogen Neonazis mit Baseballschlägern durch die Straßen und verprügelten Flüchtlinge, Punks und Obdachlose. Damals und später haben sie solche Menschen auch erschlagen oder erschossen. Für Brandenburg sind 23 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 offiziell anerkannt. Völtzke bedankt sich für die in der Parlamentsdebatte erfolgte Ansage: »Es gibt keine Neutralität gegenüber Rassismus.«
»Unsere Unterschiede machen unsere Schulen und unsere Gesellschaft vielfältig und stark.«
Die AfD hatte sich an einer Netzwerk-Kampagne »Wir sind nicht neutral« gestört. Das BSW hat den Antrag der AfD zwar ebenfalls abgelehnt. Doch in seiner Rede teilte der BSW-Abgeordnete Falk Peschel die Einschätzung der AfD, die Kampagne sei nicht akzeptabel, da sie sich in Landtagswahlen einmische. Wenn jemand Fördermittel vom Staat bekomme, sei schon der Anschein schädlich, dass damit Vorfeldarbeit für oder gegen bestimmte politische Parteien gemacht werde. Peschel forderte Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) auf, dergleichen zu unterbinden.
Beim Netzwerktreffen am Mittwoch sind außer Landtagspräsidentin Liedtke von der SPD noch ihre Stellvertreterin Jouleen Gruhn, SPD-Fraktionschef Björn Lüttmann und die Abgeordnete Elske Hildebrandt anwesend, von der CDU die Abgeordnete Kristy Augustin. Andere Parlamentarier lassen sich nicht blicken. Zu sehen sind neben Rapper Matondo im Saal noch acht andere schwarze Menschen und vier junge Frauen mit einem muslimischen Kopftuch. Kinder stellen ihr Projekt zur Verschönerung des Flurs in ihrer Grundschule vor. Eine gebastelte Weltkarte zeigt dort an, woher die Eltern verschiedener Mitschüler stammen.
»Unsere Unterschiede machen unsere Schulen und unsere Gesellschaft vielfältig und stark«, sagt Landesschülersprecher Jakob Stamm. »Es sollte selbstverständlich sein, dass Schule ein Ort ohne Rassismus, ohne Diskriminierung ist.« Leider sei es nicht so. Stamm fordert dazu auf, nicht mitzulachen, wenn Menschen auf dem Schulhof verächtlich gemacht werden, Freunden dann zu widersprechen. Dies mache nicht gleich die ganze Welt besser, aber den Tag des Betroffenen, wenn er gesagt bekomme: »Du bist nicht schlechter als andere.« Vielleicht werde es in den nächsten Jahren mehr Fälle von Rassismus geben, befürchtet Stamm. Doch man solle sich nicht entmutigen lassen.
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen
Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd