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Queerfeindlichkeit | Wessen Familie ist sicher?

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Protest vor der türkischen Botschaft gegen die Razzia in der Türkei gegen queere Menschen. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire »Wessen Familie ist vor wem und wie sicher?« Die Frage fällt in der Eröffnungsrede einer Solidaritätskundgebung vor der türkischen Botschaft in Berlin. Sie richtet sich gegen das Vorgehen der türkischen Behörden im Rahmen der Operation »Meine Familie ist sicher«. Dabei wurden Wohnungen und Vereinsräume durchsucht und queere Menschen festgenommen. Die Initiativen »Queers for Turkey« und »Pride Rebellion« haben zum Protest aufgerufen.

Am vergangenen Wochenende fanden in 15 Provinzen Polizeieinsätze statt. Gegen 162 Personen sowie neun Vereine und 13 Unternehmen wurden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Internetseiten und Social-Media-Konten queerer Organisationen wurden gesperrt. Im Verfahren gegen den Verein Kaos GL wurden sieben Mitglieder von Vorstand und Kontrollrat sowie die Journalistin Tuğba Tekerek in Untersuchungshaft genommen. Sieben weitere Personen wurden unter Auflagen freigelassen. Vorgeworfen werden ihnen unter anderem Verstöße gegen das Vereinsgesetz und die Beihilfe zur Veröffentlichung »obszöner« Inhalte. 

Für die Demonstrierenden in Berlin ist das eine Kriminalisierung queeren Lebens. »Weder LGBTİ+ zu sein noch sich zu organisieren ist ein Verbrechen«, heißt es in der Eröffnungsrede. Die Angriffe richteten sich auch gegen Vereine, die materielle, rechtliche und psychologische Hilfe leisteten. Damit gerieten gerade jene Strukturen ins Visier, die Menschen nach Ausgrenzung, Gewalt oder dem Verlust ihrer Arbeit auffingen.

Olcay Atık lebt in Berlin und sucht hier Asyl. In der Türkei war er in verschiedenen Widerstandsbewegungen aktiv. Heute gehe es darum, gegen »die willkürlichen Inhaftierungen und die Kriminalisierung queerer Identitäten« zu protestieren, sagt er im Gespräch mit dem »nd«.

Die Situation habe sich über Jahre verschärft. Als Kind sei Atık bereits mit zwölf Jahren offen queer gewesen. Viele Menschen hätten damals wenig über queere Identitäten gewusst oder sich kaum dafür interessiert. Inzwischen hätten Hetzkampagnen und staatliche Repression den Alltag verändert. Atık berichtet von zunehmenden Übergriffen und von Protesten, die mit massiver Polizeipräsenz und Festnahmen beantwortet würden.

Ist das vor allem ein Problem des Islam? Auf die Frage, was Atık Menschen entgegnet, die Muslim*innen als alleinige Bedrohung für Queers darstellen, verweist er auf Deutschland: auf rechte Mobilisierung gegen Pride-Veranstaltungen und den Aufstieg der AfD. Zugleich gebe es solidarische Verbindungen zwischen queeren Menschen und muslimischen Communitys. Wer Muslim*innen insgesamt verantwortlich macht, blendet sowohl andere Täter*innen als auch mögliche Verbündete aus.

Atık will deshalb auch keinen einfachen Vergleich zwischen einer repressiven Türkei und einem freien Deutschland ziehen. »Als queere Menschen müssen wir überall füreinander einstehen.« Solche Gegenüberstellungen ließen häufig außer Acht, was hinter verschlossenen Türen mit den arbeitenden Menschen beider Länder geschehe.

Für Atık gehört die soziale Lage ins Zentrum der Debatte. »Immer wieder sehen wir, dass die verletzlichsten queeren Menschen in der Türkei diejenigen sind, die angegriffen werden.« Trans* Beschäftigte würden besonders zu Sündenböcken gemacht. Dieser Zusammenhang zwischen queerer Identität und Klassenverhältnissen lasse sich nicht ausblenden.

Auch in der Eröffnungsrede wird diese Verbindung deutlich. Trans* Frauen würden in der Türkei aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen und anschließend für ihren Kampf um ihre eigene Existenz als unmoralisch angegriffen. Zugleich entzögen die Razzien den Betroffenen Unterstützung. Ein Verein, dessen Arbeit unterbunden wird, fehlt auch als Anlaufstelle bei Gewalt, Geldnot oder rechtlichen Problemen.

Diejenigen, die vor der türkischen Botschaft zusammengekommen sind, fordern dagegen sichtbaren Protest. »Angesichts dieser Angriffe werden wir nicht schweigen«, heißt es in der Eröffnungsrede. »Wir werden keine Frau, keine trans* Person und keine LGBTİ+-Person allein lassen.«

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Source: nd