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Politisches Theater | »InsideBundestag« am Ballhaus Prinzen­allee: Freundlicher Eingriff

Das Virus erforschen: Am Ballhaus Prinzenallee macht man die unwürdigen Spektakel im Bundestag mit Mitteln von Brechts epischem Theater begreifbar.

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Wenn im Bundestag die Debatten so enthemmt verlaufen, müssen sie woanders versachlicht werden, zum Beispiel am Ballhaus Prin­zen­allee. Foto: Dominik Maringer In der vierten Episode von »InsideBundestag« am Ballhaus Prinzenallee bleibt man sich selbst treu. Das Doku-Spektakel widmet sich ausgewählten Debatten aus der Sitzungswoche vom 12. bis 16. Oktober. Darunter ist die Regierungserklärung des Bundeskanzlers, die in der Regie von Lukas David Schmidt zum Aufhänger des Abends wird. »Politik«, so Friedrich Merz in seiner an Papst Benedikt XVI. angelehnten Rede, »muss Mühen um Gerechtigkeit sein.«

Roxana Safarabadis augenzwinkerndes Spiel des um staatstragende Performance bemühten Kanzlers genügt, um die durch seine Koalition betriebene Sozialstaatsdemontage ins Gedächtnis zu rufen. Auch in dieser Sitzungswoche also mangelt es am Mühen um Gerechtigkeit nicht.

Nicht allein in der Parlamentsdebatte setzt sich eine parteienübergreifende Grunduneinigkeit darüber fort, welche und wessen Gerechtigkeit das sein soll. Im so nüchternen Tagesordnungspunkt 7a und b, in dem Die Linke die vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den Ovaherero und Nama anstrebt, treten die Differenzen hervor.

Den überwiegend detailgetreuen Ablauf dieser Diskussion hören viele Zuschauende an diesem Abend wohl zum ersten Mal, und das ist nur ein Verdienst dieses Ensembles, ebenso aber die Sachlichkeit bei größtmöglicher Unsachlichkeit. Es geht um Reparation, Entschuldigung, um Rückgabe geraubter Gebeine und Kulturgüter während der zwischen 1904 und 1908 von der deutschen Kolonialmacht verübten systematischen Tötung, Vertreibung, Enteignung und Zwangsarbeit mehrerer Zehntausend Ovaherero und Nama.

Vertreter Letzterer sind als Ehrengäste, als Blick von außen auf die inneren Verhältnisse anwesend. Das wiegt angesichts der Geschichtsklitterung der AfD umso schwerer. Deren Abgeordneter Alexander Wolf, der nur »links-grüne Ideologie« am Werk sieht, geht es in der Debatte vor allem um »deutschen Selbsthass« und »Schuldkult«. In der Empörung über seine Auslassungen sind sich alle anderen Parteien immerhin einig.

Wenn im Bundestag die Debatten so enthemmt verlaufen, müssen sie woanders versachlicht werden. Am Ballhaus Prinzenallee ist dafür eine simple Methode entwickelt worden. Durch den Wechsel nämlich vom Bundestag ins wirkliche Theater findet eine Verfremdung statt. Der Schock über das Gesagte versiegt nicht, er bleibt erhalten, hält die Geister wach. Durch die Vermittlung von dem, was im Hohen Haus geschieht, nimmt das Publikum Distanz zum Gesagten ein. Es wird als Dokument, als Material greifbar, das gedeutet werden kann. Es ist das Prinzip des epischen Theaters. Die Zuschauenden blicken auf die zersetzenden Debatten wie Forscher auf ein Virus.

Das ist der dokumentarische Aspekt. Das Spektakel folgt sogleich, und es beruht auf der Gegenüberstellung, dem Widerspruch oder, um bei Brecht zu bleiben, dem Eingriff. Dieser bleibt hingegen freundlich. The Darvish, ein bezirzender Bauchtänzer mit Fluchterfahrung, ist das lebendige Gegenmittel zum AfD-Antrag zu »Kosten und Nutzen der Zuwanderung«. Und der Zorn über den rechten Drang? Der entlädt sich einmal mehr in Lisa Uebels bebend-drängenden Songs.

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