Faultline Faultline Kommando 161

World · nd · · 3h

Polen | Białystok: Auf den Spuren von Esperanto und jüdischem Leben

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Bieten podlachische Spezialitäten und traditionelle jüdische Gerichte an: Anna und Mariusz Ciołko Foto: Carsten Heinke »Truskawki! Polunitzi! Braškės! Klubnitzy!« preist der Früchtehändler seine Erdbeeren an – auf Polnisch, Ukrainisch, Litauisch und Belarussisch. Die Kunden auf dem Bauernmarkt am Stadtrand von Białystok sind vorwiegend Einheimische. Doch nicht für alle Bürger Polens im heutigen Dreiländereck zu Litauen und Belarus ist Polnisch Muttersprache.

Seit Jahrhunderten ist die Vielvölkerregion Podlasie – deutsch: Podlachien – mehrsprachig. Der von Natur und Landwirtschaft geprägte Landstrich im Nordosten Polens gehörte einst zum Großfürstentum Litauen und später zum Kernland der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Traditionell teilen sich ihn Polen, Ostslawen und Juden, Balten und Tataren. Für deren Glaubensvielfalt stehen die katholischen und orthodoxen Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Allein in der Regionalhauptstadt Białystok gab es einst über 80 jüdische Gebetshäuser. Nur drei blieben erhalten, werden aber nicht mehr religiös genutzt. Die meisten anderen wurden von den deutschen Besatzern zerstört, einige erst in der Nachkriegszeit. Ende des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung der ostpolnischen Stadt zu drei Vierteln »israelitisch«.

200 Jahre früher hatte die polnische Adelsfamilie Branicki den Grundstein für die Entwicklung einer so großen jüdischen Gemeinde gelegt. Um das damalige Gut Białystok zu einer Stadt zu machen, siedelten die königlichen Würdenträger – selber streng katholisch – vorzugsweise Juden an: Kaufleute, Handwerker und Unternehmer.

Während der Barockpalast der Branickis immer noch von deren Macht und Reichtum kündet, blieb vom jüdischen Leben Białystoks seit dem Holocaust fast nur Erinnerungskultur. Der »Pfad des Jüdischen Erbes« verbindet 36 Gedenkorte.

Drei davon sind Ludwik Zamenhof gewidmet. Als der spätere Mediziner und geniale Hobby-Linguist 1859 als Sohn aschkenasischer Juden geboren wurde, gehörte seine Heimatstadt zum Russischen Reich, geografisch wie auch kulturell aber zu Polen. Polnisch war die Sprache seines Alltags. Jiddisch redete der junge Zamenhof mit seiner Mutter, Russisch in der Schule und mit seinem Vater, der ihn auch Deutsch sowie Französisch lehrte.

Oft führte das Verständigungsgewirr, in dem er aufwuchs, zu Konflikten. Früh erkannte Zamenhof, dass es Konflikte gibt, wenn man einander »nicht versteht«. Bereits als Gymnasiast begann er, eine leicht zu lernende und kulturell neutrale Sprache zu erschaffen. Sie sollte die Menschen einen und nicht trennen. Das erste Lehrbuch dazu gab der inzwischen 27-jährige Augenarzt 1887 heraus.

Sein Pseudonym »Doktoro Esperanto« (der hoffende Doktor) verlieh der Sprache ihren Namen. In Windeseile verbreitete sie sich in der Welt. Anlässlich des 94. Esperanto-Weltkongresses, der 2009 in Białystok stattfand, richtete die Stadt im ehemaligen Wohnhaus eines jüdischen Fabrikanten das Ludwik-Zamenhof-Zentrum ein. Die Dauerschau dort dokumentiert Białystok zur Zeit des jungen Zamenhof. Familiäre Spuren des Esperanto-Erfinders führen auch ins nahe Tykocin.

Mit Storchennestern auf den Dächern empfängt die Stadt am Narew ihre Gäste. Zwischen Burgtürmen und Kirchenkuppeln schmiegen sich rotbedachte Häuschen aneinander. Mittendrin: zwei akkurat sanierte Synagogen, jetzt Museum. Die Große – von Barock und Renaissance gezeichnet – zählt zu den schönsten in Europa. Im Inneren der Großen Synagoge ist die prächtige Bima nahezu unverändert erhalten: eine erhöhte Plattform, von der aus der Tora vorgelesen wurde. Die Kleine diente als Lehr- und Bethaus.

»Das Haus der Zamenhofs befand sich vis-à-vis«, sagt Mariusz Ciołko und zeigt auf eine Tafel, gewidmet Ludwiks Vater Marek, der 1837 hier geboren wurde. Juden leben keine mehr in Tykocin. Doch heutige Bewohner pflegen ihr Erbe – so wie Mariusz und Anna Ciołko. Seit 2000 betreibt das Ehepaar das Hotel und Restaurant »Villa Regent« hinter der Großen Synagoge. Auf der Speisekarte stehen podlachische Spezialitäten und traditionelle jüdische Gerichte.

»Nach vorheriger Anmeldung ist auch koschere Bewirtung möglich«, sagt Anna. Besonders stolz sind die Besitzer auf die von einem Geistlichen aus Israel geweihte Mikwe im Keller ihres Hauses. »Gläubigen Gästen steht sie für rituelle Bäder zur Verfügung«, so Mariusz.

Vom jüdischen Friedhof sind nur rund 70 Grabsteine erhalten. Angelegt hatte man ihn 1522, nachdem der damalige Besitzer der Stadt, der litauische Adlige Albertas Goštautas, die ersten zehn jüdischen Familien nach Tykocin geholt hatte. Es folgten immer mehr. Das Schtetl wuchs. Bald war es Polens zweitwichtigste jüdische Gemeinde – nach Kraków.

Mit dem Massenmord an vermutlich 2000 Menschen im Wald bei Łopuchowo beendeten die deutschen Nationalsozialisten 1941 die über 400-jährige jüdische Geschichte der Stadt auf grausamste Weise. Der Ort des Massakers, das weniger als 20 Opfer überlebten, ist zugleich die letzte Ruhestätte der Getöteten. Steine und Davidsterne schmücken Denkmäler und Gräber.

Ludwik Zamenhof, der Esperanto in der Hoffnung schuf, die Völker damit zu versöhnen, starb 1917 und musste den Holocaust nicht erleben. Seine Vision blieb dennoch nicht ganz unerfüllt. Denn die von ihm geschaffene Sprache dient der Verständigung von schätzungsweise bis zu zwei Millionen Menschen in über 120 Ländern.

Polen, das Esperanto offiziell als immaterielles Kulturerbe anerkennt, nimmt regelmäßig einen Platz in den Top 10 der Länder mit den meisten Sprechern ein. Vielleicht ruft ja eines Tages in Białystok der Obstverkäufer auch »Fragoloj!« Das heißt »Erdbeeren!« auf Esperanto.

Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.

Dank der Unterstützung unserer Community können wir:

→ unabhängig und kritisch berichten → Themen ins Licht rücken, die sonst im Schatten bleiben → Stimmen Raum geben, die oft zum Schweigen gebracht werden → Desinformation mit Fakten begegnen → linke Perspektiven stärken und vertiefen

Mit »Freiwillig zahlen« tragen Sie solidarisch zur Finanzierung unserer Zeitung bei. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd