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Parlamentswahlen in Serbien | Serbien: Die Studenten sind erwachsen geworden
In Belgrad gehen erneut Tausende für einen Machtwechsel auf die Straße. Sie glauben Aleksandar Vučić am Sonntag schlagen zu können.
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Abschließende Wahlkampfkundgebung der von Studenten unterstützten Wahlliste am 22. Oktober 2026 in Belgrad Foto: AFP/Andrej Isakovic Die Szenerie an diesem Donnerstagabend auf dem Slavija steht symbolisch für Serbien in diesen Tagen. Von der riesigen Videoleinwand hoch oben an einem Haus präsentiert sich – wie fast an jeder Ecke in Belgrad – Ex-Präsident Aleksandar Vučić als Wohltäter der Serben und wirbt für seine Machtrochade ins Amt des Ministerpräsidenten. Unten, auf einem der zentralen Plätze der serbischen Hauptstadt, haben sich Tausende versammelt, die genau das verhindern wollen. Sie sind dem Aufruf der Studierendenliste gefolgt und wollen Vučić, der seit 14 Jahren an der Macht ist, in die politische Rente verabschieden.
Die Stimmung auf und rund um den Platz scheint ausgelassen, die Menschen singen sich mit Volksliedern und Bengalos auf den politischen Teil der Veranstaltung ein. Dabei ist eigentlich mächtig Druck auf dem Kessel. Schon Stunden vor der eigentlichen Veranstaltung hatten angereiste Demonstrierende auf ihrem Weg ins Zentrum das Plattenbauviertel teilweise lahmgelegt, unter dem Jubel vieler Autofahrer.
»Pumpaj, pumpaj«, skandieren die Demonstrierenden immer wieder. »Wir müssen pumpen, bis der Reifen endlich platzt«, erklärt Jovan die Parole. Wie viele hier hat Jovan seine Studentenjahre schon lange hinter sich. Die Studierendenliste – unter deren Kandidaten niemand Student ist – hat es geschafft, die Trauer und die Wut nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad mit 16 Toten vor zwei Jahren in eine gesamtgesellschaftliche Bewegung zu transformieren. Und hier auf dem Slavija schreit sie weiter ihre Wut heraus. »Vučić, ode« – »Vučić, geh«, schallt es über den Platz. »Wir wollen, dass Vučić in die Geschichte geht«, sagt Jovan.
»Wir haben jetzt eine neue Generation, und wir wollen an Otpor anknüpfen.«
Vučić, so fordern die Demonstrierenden, soll wie einst Slobodan Milošević von der Macht weggefegt werden. Bei vielen weckt das Erinnerungen an Otpor. Mit seinen 30 Jahren sei er zu jung, um sich an die Organisation zu erinnern, sagt Elvis. »Als die aktiv waren, war ich vier.« Den Otpor-Button an seiner Jacke habe ihm ein Freund geschenkt, sagt er. Denn damals wie heute sei der Gegner der gleiche. »Wir haben jetzt eine neue Generation, und wir wollen daran anknüpfen«, so Elvis.
Am Sonntag gehe es um mehr als um eine Wahl. Es gehe um ein Referendum über zwei Prinzipien und Visionen: »Serbien oder die Mafia«, »Freiheit oder Sklaverei«, ruft Studentenlistenkandidat Jugoslav Gašić von der Bühne. Das kommt gut an. »Wir sind hier für die Freiheit«, sagt Fußball-Hooligan Bogdan. Vučić beschimpft er als Verbrecher, der Serbien wie ein Drogenkartell führe. »Vučić ist wie El Chapo«, einer der mächtigsten Drogenbosse, schimpft er. Seine Freunde fallen ihm ins Wort: »Nein, unsere Regierung ist nur für Russland da.« Nach einem kleinen Disput können sie sich darauf einigen, dass Drogenboss doch schlimmer ist.
Das sei bei ihnen so, sagen sie an der nächsten Zigarette ziehend. Untereinander streite man durchaus, gegen die Regierung halte man aber zusammen. »Schau mal, wir sind Rechte, Nationalisten, Linke, Punks aus den 90ern. Und wir alle hassen Vučić«, mischt sich Marko in das Gespräch ein. »Wäre das bei euch in Deutschland möglich, so viele unterschiedliche Menschen gegen die Regierung auf die Straße zu bringen?«, fragt er sichtlich stolz angesichts der Masse auf dem Platz und in den Nebenstraßen.
Auf die Frage, ob sich am Sonntag wirklich etwas ändern wird, meint Marko, dass die Regierung alles versuchen werde, um irgendwie an Stimmen zu kommen. »Ich gebe dir mein Wort, es werden sicher wieder Tote für Vučić wählen.« Und auch Stimmen aus der bosnischen Teilrepublik Srpska werde die Regierung heranschaffen. 200.000 Stimmen werden da auftauchen, die es eigentlich nicht gibt, meint Marko.
Dennoch glaubt er an die Chance am Sonntag. Wie eigentlich alle auf dem Slavija. »Pobeda« skandieren sie nach den Reden der Kandidaten – »Sieg«. Auch Elvis ist vom Wahlsieg der Studierendenliste am Sonntag überzeugt. »Wir werden gewinnen, und wenn sie uns das nehmen, werden wir die Straße einnehmen und sie verteidigen.«
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