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Ostafrika | Somalia: »Nichts ist übrig von meinem früheren Leben«
Die Somalierin Sharifo Aden Nur ist vor der schweren Dürre und vor Konflikten nach Mogadischu geflohen. Hunderttausende teilen ihr Schicksal.
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Sharifo Aden Nur mit zwei ihrer Kinder im Vertriebenenlager Dubai in der somalischen Hauptstadt Mogadischu Foto: Bettina Rühl Sharifo Aden Nur sitzt vor der Wellblechhütte, in der sie Anfang des Jahres Zuflucht fand. Die Unterkunft steht in einem Lager für Binnenvertriebene am Rand der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Sharifo Aden rettete sich mit ihren sieben Kindern hierher, weil der Regen in ihrer Heimat im Süden des ostafrikanischen Landes über Monate ausgeblieben war. Die Ernte auf ihrem Feld vertrocknete, ihre Tiere gaben keine Milch mehr – sofern sie überhaupt überlebt hatten.
So wie Sharifo und ihrer Familie geht es vielen. Bereits nach der letzten Schätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks von Ende 2023 suchten mehr als 600.000 Menschen Zuflucht in den Camps im Bezirk Kahda am Rande Mogadischus, wo auch Sharifo lebt. Sie kamen, weil der Kampf zwischen der islamistischen Shabaab-Miliz und der somalischen Regierung ihre Dörfer erreichte. Und weil Wetterextreme infolge des Klimawandels ihre Ernten vernichtet und das Leben dort unmöglich gemacht hatten. Nach der historischen Dürreperiode 2020 bis 2023 blieben auch in den darauffolgenden Jahren die Regenzeiten wiederholt aus oder fielen zu schwach aus. Auf die extreme Trockenheit folgten oft plötzliche, heftige Regenfälle, die auf den ausgedörrten Boden zu verheerenden Überschwemmungen führten. In diesem Jahr verschärft das Klimaphänomen El Niño die Situation.
Seit Ende 2023 hat die Zahl der Geflüchteten in den Lagern von Kahda deshalb vermutlich eher zu- als abgenommen. Laut UNHCR leben im ganzen Land 3,3 Millionen Binnenvertriebene und fast eine halbe Million Flüchtlinge und Asylsuchende, vertrieben durch Naturkatastrophen und anhaltende bewaffnete Konflikte. Und das bei einer Einwohnerzahl um die 20 Millionen.
Auch Sharifo Aden Nur floh erst vor dem Krieg, dann vor der Dürre. Während sie ihre beiden Jüngsten auf dem Schoß hat, erzählt sie, warum sie nach Mogadischu kam. Bis zu ihrer ersten Flucht vor rund dreieinhalb Jahren lebte sie mit ihrer Familie in Buulo Marer, einer fruchtbaren Gegend in der Region Lower Shebelle im Süden Somalias. »Aber dann flogen Mörsergranaten in unser Dorf«, sagt sie. Die Stabilisierungstruppe der Afrikanischen Union habe gegen islamistische Milizionäre gekämpft. »Meine Tante sagte schließlich, dass wir alle fliehen sollten, wir hätten gegen die Bewaffneten keine Chance.« Weil Sharifos Ehemann ihre Felder nicht unbewacht lassen wollte, machte sie sich mit den Kindern und der Tante alleine auf den Weg, zu Fuß 130 Kilometer bis Mogadischu. »Das war sehr anstrengend, und ich hatte große Angst.«
In der Hauptstadt fand sie immerhin Unterschlupf in einem Lager, und manchmal für einen Tag oder zwei einen Job in der Stadt, der etwas Geld für Lebensmittel einbrachte. Nach einem Jahr wollte sie zurück in ihre Heimat, hoffend, dass die Lage dort wieder sicher genug sei. »Ich wollte meine Felder wieder bestellen.« Doch die guten Zeiten, an die sich die Bäuerin noch erinnerte, waren vorbei: »Der Fluss war ausgetrocknet, auf den Feldern ist kaum noch etwas gewachsen.« Früher hätten sie zwei Hektar bestellt, jetzt habe das Wasser nur noch für einen gereicht. Sharifo baute Sesam an. »Wir wollten wenigstens überleben, aber auch dafür hat es nicht mehr gereicht.« Dann seien die Shabaab-Milizionäre zurückgekommen. »Danach ist alles auseinandergegangen«, erinnert sich Sharifo: Wer irgend konnte, ergriff wieder die Flucht. Vor der Trockenheit und vor den Waffen.
»Es ist nichts mehr übrig von meinem früheren Leben.«
Einmal seien sie fast drei Stunden lang gegangen, um Wasser zu holen. Eine der Frauen in ihrer Gruppe war schwanger. »Unterwegs hat sie ihr Kind bekommen. Es gab keinen Arzt. Wir haben sie unter einen Baum gebracht, ihr geholfen und die Kinder ferngehalten.«
Mit einem Stück Stoff machten sie anschließend das Baby sauber. »Danach hatten wir nichts für die Mutter. Kein Essen, nicht einmal Wasser. Wir haben nur eine wilde Pflanze gefunden.« Damit konnten sie, im rohen Zustand, wenig anfangen, und ohne Wasser konnten sie die Pflanze nicht kochen. Aber sie hatten eine Idee: »Wir haben die Pflanze so lange gekaut, bis sie weich war und die Frau sie schlucken konnte. Den Brei haben wir ihr gegeben.«
Wenn sie im Lager der Binnenflüchtlinge in Mogadischu von ihren Verlusten erzählt, geht es nicht nur um die verlorenen Felder, um eine geplünderte Ernte und um das verendete Vieh. Es geht auch um den Verlust von fast allem, was ihr im Leben Freude macht. »Früher waren die Menschen ehrlich zueinander«, sagt Sharifo. »Sie haben einander geholfen. Mit der Dürre, den Kämpfen und der Gewalt hat sich alles verändert.« Das sei auch im Flüchtlingscamp Kahda so, in dem sie nun lebt: »Hier helfen sie jetzt eher den Menschen aus dem eigenen Clan. Andere werden verachtet.« Zwar habe es bereits früher Konflikte und Konkurrenzkämpfe zwischen den Clans gegeben, nun aber seien sie viel gnadenloser, der Ausschluss von anderen härter.
Sharifo spricht weiter, obwohl ihr die Trauer das Sprechen schwer macht. »Früher war ich glücklich.« Sie sei zu Hochzeiten oder anderen Festen gegangen, auch nach der Ernte wurde gefeiert, und für diese Gelegenheiten zog sich Sharifo besonders schön an. »Wir waren eine Gemeinschaft. Manchmal haben wir die ganze Nacht lang gefeiert, wir haben gesungen und getanzt.« Die Tiere fanden damals noch genug zu fressen und gaben Milch, aus Teilen davon machte Sharifo Butter. »All das ist weg«, sagt sie abschließend. »Es ist nichts mehr übrig von meinem früheren Leben. Übrig geblieben ist nur die Frage nach dem Essen. Wenn ich aufstehe, wenn ich einschlafe – immer frage ich mich, wo ich zu essen herbekomme, für mich und meine Kinder. Essen, Essen, Essen. So hat sich mein Leben verändert. Das tut weh.«
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