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Olympia 2036 | Olympia: Berlin jammert, München und Rhein-Ruhr wollen den Sieg

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Ikone seit 1972: München wirbt mit seinem Olympiastadion Foto: imago images/Franz Feiner Man durfte am Donnerstagvormittag noch einmal froh sein, dass die Berliner den Wechsel gewählt haben. Wer dem scheidenden Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und seiner Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) beim Vergießen ihrer Krokodilstränen zusah, wurde in regelmäßigen Wellen von Fremdscham ergriffen. Berlin zieht seine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 zurück. Auf dem Podium erzählten die beiden Provinzpolitiker noch einmal, wie gut doch die Berliner Bewerbung gewesen sei und wie sehr die Bewertungsmatrix der DOSB-Prüfkommission zu hinterfragen sei, die München und Köln-Rhein-Ruhr deutlich besser einordnete. Und wie ungemein die »internationale Strahlkraft« bei der Abstimmung am Sonnabend in Baden-Baden dem Berliner Streben nach Olympischen Spielen noch geholfen habe.

Strahlkraft, Strahlkraft, Strahlkraft – wäre da bloß nicht Elif Eralp gewesen. Nach deren Absage an Olympia hätten die Sportverbände ihre Unterstützung versagt, erklärte Wegner mit betretener Miene. Die siegreiche Linke-Spitzenkandidatin hatte unmittelbar nach der Wahl gesagt, das Thema Olympia habe sich erledigt. »Ich bin ehrlicherweise auch traurig, dass den Kindern dieser Stadt damit eine echte Chance genommen wurde«, seufzte Wegner am Donnerstag. Zur Regierenden ist Eralp noch nicht gewählt. Als Sündenbock ist sie schon im Amt.

Zur Regierenden ist Elif Eralp noch nicht gewählt. Als Sündenbock ist sie schon im Amt.

Ganz lässt sich die Kritik am Prüfverfahren nicht vom Tisch wischen. Beim Kriterium »Stabilität« zählte der Berliner Parlamentsbeschluss pro Olympia nur mit dem Faktor 0,5 gegenüber den Bürgerentscheiden der Konkurrenz, bei denen jeweils rund zwei Drittel der Abstimmenden Ja zu Olympia gesagt hatten. Berlin bekam in diesem Kriterium deshalb 50 Punkte, München 100 und Köln-Rhein-Ruhr 98,99. Dabei können Senat oder Abgeordnetenhaus in Berlin nicht einfach beschließen, die Bevölkerung über die Olympiabewerbung abstimmen zu lassen. Dieses Instrument sieht die Berliner Verfassung nicht vor. Dieser Nachteil für Berlin steckte in der Bewertungsmethode – indes hat ihn nicht Eralp erfunden.

Am Sonnabend sind nun nur noch zwei Bewerbungen im Rennen um das deutsche Bewerberticket für die Spiele in zehn, 14 oder 18 Jahren. Die eine, aus München, hat ein legendäres Zeltdach aus dem Jahr 1972 aufzuweisen. Die andere, aus der Region Köln-Rhein-Ruhr, will die Schalke-Arena unter Wasser setzen – mit temporären Becken für Schwimmen, Wasserspringen und Synchronschwimmen.

Die Bewerbung aus NRW hat Spektakel-Potenzial: Wenn sich der DOSB für sie entscheidet und das Internationale Olympische Komitee der Idee folgt, könnten bis zu 60.000 Menschen bei den Schwimmwettbewerben dabei sein. Für das Fußballfinale in Dortmund planen die Bewerber mit 70.000 Zuschauern im Westfalenstadion, für Endspiele im Handball, Basketball und Volleyball in der Düsseldorfer Arena mit bis zu 50.000. Viele der großen Olympia-Sportstätten stehen bereits. Die Bewerbung von 15 nordrhein-westfälischen Kommunen umfasst rund 40 Wettkampfstätten und setzt auf vorhandene oder temporäre Anlagen.

Größtes Manko vielleicht: Das Leichtathletikstadion fehlt noch. Im Kölner Norden soll deswegen eine temporäre Arena für 50.000 Menschen gebaut werden, verbunden mit dem Olympischen und Paralympischen Dorf. Dort sollen später Wohnungen entstehen – so lautet der Plan.

Köln-Rhein-Ruhr hat allerdings mehr ins Rennen zu werfen als Sportstätten und ein Potenzial von 17,6 Millionen Tickets für Olympische und Paralympische Spiele (Paris 2024: 12,8 Millionen). Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) war von 2022 bis 2024 Vorstandsvorsitzender des DOSB. Nun wirbt er gemeinsam mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) um Spiele, für die sein früherer Verband den deutschen Bewerber auswählt. Eine Einführung dort dürfte Burmester kaum benötigen.

Noch enger verschränken sich die Rollen bei Michael Mronz: Der Initiator der früheren Rhein-Ruhr-Initiative sitzt als IOC-Mitglied im DOSB-Präsidium und darf am Sonnabend abstimmen. Zugleich ist er Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH; in Aachen sollen nach dem NRW-Konzept die olympischen Reitwettbewerbe stattfinden. Köln-Rhein-Ruhr hat die viel beschworenen kurzen Wege – zwischen Bewerbern, Sportfunktionären und Geschäftsleuten.

München hingegen kann ein Olympiastadion vorzeigen. Das ikonische Zeltdach von 1972 hat ein halbes Jahrhundert überstanden und kann noch immer als Argument für eine Bewerbung herhalten: 2022 gab es in dem Stadion umjubelte Leichtathletik-Europameisterschaften, 2031 folgen die Weltmeisterschaften. Im umgebenden Olympiapark könnten in etwa der Hälfte der Sportarten Wettkämpfe ausgetragen werden. Nach Angaben der Bewerber liegen 90 Prozent der Wettkampfstätten in einem Radius von weniger als 30 Kilometern um das Olympische Dorf.

Die Stadt gibt sich siegessicher, sie verkauft sich eh selten unter Wert: Auf der Theresienwiese ist eine »Olympische Wiesn« vorgesehen. Die Welt soll schließlich nicht bloß zusammenkommen, sondern auch wissen, wem sie das schöne Fest verdankt – dem Freistaat, freilich. Dabei sein ist alles: CSU-Ministerpräsident Markus Söder lud für Olympia sogar Münchens grünen Oberbürgermeister Dominik Krause als Gast ins Kabinett ein. Anfang September versicherten sich beide ihrer engen Partnerschaft. Krause möchte im Falle eines Bewerbungserfolgs mit Söder auf der Wiesn Achterbahn fahren.

Schwarz-Grün für den Sport, das soll den DOSB überzeugen. Ganz aus dem Bestand lässt sich indes auch dieses Olympia nicht bestreiten. Ein neues Olympisches Dorf soll im Münchner Nordosten entstehen und später als Wohnquartier mit 3500 bis 5000 Wohnungen genutzt werden. Dafür muss die U-Bahn verlängert und die S-Bahn ausgebaut werden. Bezahlbare Wohnungen und bessere Verkehrsverbindungen braucht die Stadt dringend. Ob es dafür Olympia braucht?

Die DOSB-Bewertung bescheinigt München die besseren Reisezeiten und Köln-Rhein-Ruhr das größere »Eventpotenzial«. Insgesamt stehen 87,03 Punkte für München und 85,02 für die Konkurrenz aus dem Westen zu Buche. Beide Bewerbungen landeten im Ergebniskorridor »sehr gut«, Berlin mit seinen 74,64 Punkten galt als »gut«.

Wer den Nachkommastellen auf den Grund geht, stößt allerdings auf erstaunliche Gewichtungen. Die fachliche Beurteilung der Wettkampfstätten durch die Sportverbände trug gerade einmal sechs Prozent zum Gesamtergebnis bei.

Die Punkte vergaben der DOSB und die beteiligten Sportverbände. Ob dabei die vereinbarten Kriterien eingehalten und die Ergebnisse der Punktevergabe nachvollziehbar waren, sollte die begleitend tätige Evaluierungskommission prüfen. Ihr Vorsitzender: DOSB-Präsident Thomas Weikert. Der Präsident des Verbandes, der das Verfahren organisierte, leitete damit zugleich das Gremium, das den ordnungsgemäßen Ablauf des Verfahrens bestätigte.

Das DOSB-Wahlprozedere am Sonnabend hat auch seine Schwächen. So hat beispielsweise der Bob- und Schlittenverband drei Stimmen, der Deutsche Behindertensportverband indes keine. Dabei geht es in der Bewerbung um Sommerspiele samt Paralympics.

Von 103 DOSB-Mitgliedsorganisationen dürfen nach Paragraf 16 der Satzung nur die 42 olympischen Spitzenverbände abstimmen, jeder mit drei Stimmen, die im Block zu vergeben sind. Mit Präsidium und persönlichen Mitgliedern kommen 144 Stimmen zusammen. Die übrigen 61 Organisationen, darunter sämtliche Landessportbünde, dürfen Delegierte schicken, aber nicht mitwählen. Die beschränkte Mitsprache folgt aus den IOC-Sonderregeln für den DOSB als Nationales Olympisches Komitee.

Schon in der Evaluierungskommission blieben die Vertreter von Behindertensportverband, Landessportbünden und Athletenkommission ohne Stimmrecht. Am Sonnabend können zumindest auch die Paralympierinnen Anna Schaffelhuber und Manuela Schmermund als persönliche Mitglieder abstimmen. Die Mitgliederversammlung beginnt am Sonnabend um 9 Uhr im Kurhaus von Baden-Baden. Nötig ist mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen. Bekannt gegeben wird der deutsche Bewerber in einer ARD-Sondersendung ab 13.45 Uhr.

In Berlin bleibt unterdessen zu klären, was aus den versprochenen Investitionen in Hallen, Bäder und Schulsport wird. Wegner erklärte sie am Donnerstag erneut für notwendig und verlangte ihre Umsetzung von einer möglichen Nachfolgeregierung. Für seine großen Versprechungen sollen nun ausgerechnet jene geradestehen, die ihm angeblich Olympia verdorben haben.

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Source: nd