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OECD-Studie | Wenn wieder der Unterricht ausfällt
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An vielen Schulen fehlen Lehrkräfte. Die Folge: Der Unterricht fällt häufiger aus. Foto: dpa/Hendrik Schmidt Aladin El-Mafaalani zeichnete ein drastisches Bild des deutschen Bildungssystems. Die Gesellschaft habe sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Der Bildungssoziologe vergleicht sie mit einem Auto, das mit 200 Stundenkilometern unterwegs ist – während die Schulen mit gerade einmal 10 Kilometern pro Stunde hinterherzuckelten. Hinzu komme ein destruktiver Zeitgeist, sagte El-Mafaalani jüngst in dem ARD-Podcast »Politik mit Anne Will«. Wenn selbst die Bundesregierung immer wieder erkläre, dass die Zukunft nicht mehr besser werde, habe das natürlich Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Das sei alles andere als motivierend, so El-Mafaalani.
Wie gravierend die Probleme sind, zeigte die vor zwei Wochen vorgestellte Pisa-Studie. In der internationalen Vergleichsstudie der OECD schnitt Deutschland so schlecht ab wie noch nie. Ein beträchtlicher Teil der 15-Jährigen hat inzwischen Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben, Rechnen und in den Naturwissenschaften. An manchen Schulen verfehlt mehr als ein Drittel der Schüler*innen die grundlegenden Bildungsziele.
»Wir haben uns zu spät auf eine immer heterogener werdende Schülerschaft eingestellt«, sagte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bei der Vorstellung der Pisa-Studie. El-Mafaalani sieht darin eines der größten innenpolitischen Probleme, die auf Deutschland zukommen. Besonders häufig verfehlen Kinder und Jugendliche Bildungsziele, wenn sie in schwierigen sozialen und ökonomischen Verhältnissen aufwachsen.
Die OECD untersucht mit einer weiteren Studie die strukturellen Rahmenbedingungen von Bildungssystemen weltweit. Mit den am Dienstag präsentierten Ergebnissen des Berichts »Bildung auf einen Blick« wird deutlich, welche Bedeutung politische Entscheidungen für die Entwicklung der Bildungssysteme haben.
Deutschland investiert gemessen an seiner Wirtschaftsleistung vergleichsweise wenig in Kitas, Schulen und Universitäten. Die öffentlichen Bildungsausgaben entsprechen 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, im OECD-Durchschnitt sind es 4,7 Prozent. Ein anderes Bild ergibt sich allerdings bei den Bildungsausgaben pro Kopf. Hier liegt Deutschland über dem Durchschnitt der untersuchten Länder. Auf diese Bemühungen verwies auch Prien bei der Vorstellung des OECD-Berichts in Berlin. Sie merkte aber an, dass bei den eingeleiteten Maßnahmen noch die Effektivität fehle.
Trotz dieses insgesamt hohen Ausgabenniveaus bleibt der Lehrkräftemangel ein gravierendes Problem – und das nicht nur in Deutschland, wie OECD-Generalsekretär Mathias Cormann betonte: »Heute ist es zunehmend schwierig, qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen, zu halten und dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.«
Um Lücken in der Unterrichtsversorgung zu schließen, setzen die deutschen Kultusminister*innen zunehmend auf Quereinsteiger. 18,6 Prozent der Lehrkräfte waren laut OECD im Schuljahr 2023/2024 nicht vollständig qualifiziert. Wie groß der Mangel tatsächlich ist, dazu liefert die Studie allerdings keine neuen Zahlen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) geht für das laufende Schuljahr davon aus, dass über alle Jahrgangsstufen hinweg rund 35.000 Lehrkräfte fehlen.
Dadurch kommt es immer wieder zu Lücken in der Unterrichtsversorgung. Auch dazu liegen keine aktuellen Daten vor. Einen Hinweis darauf liefert jedoch die Pisa-Befragung: 55 Prozent der Schüler*innen gaben an, dass die Abwesenheit von Lehrkräften ihr Lernen beeinträchtige. Das ist der zweithöchste Wert im OECD-Raum und liegt doppelt so hoch wie der Durchschnitt.
Diesen strukturellen Mangel kann die Bundesregierung auch mit dem Startchancen-Programm nicht vollständig auffangen, auf das Karin Prien bei der Vorstellung der Pisa-Studie als wirksame Maßnahme verwies. Rund 4000 Schulen nehmen daran bundesweit teil – etwa jede zehnte Schule in Deutschland. Bund und Länder investieren gemeinsam 20 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren, von 2024 bis 2034.
Mit dem Geld sollen unter anderem die Schulinfrastruktur verbessert, zusätzliches Personal gewonnen und neue Konzepte für das Lernen entwickelt werden. Das Programm richtet sich vor allem an Schulen in sozial benachteiligten Lagen.
Das Startchancen-Programm zeigt, dass die Politik Maßnahmen ergriffen hat, um eine Trendwende einzuleiten. Zugleich gibt es laut der OECD-Studie durchaus Entwicklungen in der deutschen Bildungslandschaft, die nicht in das vielfach skizzierte Bild einer Abwärtsspirale passen.
So erreichen beispielsweise immer mehr junge Menschen in Deutschland einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. 35 Prozent der Deutschen im Alter von 25 bis 64 Jahren haben inzwischen ein Studium abgeschlossen. Das liegt zwar etwas unter dem OECD-Durchschnitt. Zugleich zeigt der weiterhin hohe Anteil der Menschen, die einen Abschluss im Sekundarbereich II erwerben, dass die berufliche Bildung ein wichtiger Bestandteil des deutschen Bildungssystems bleibt.
Auch das duale Ausbildungssystem aus Praxis und Berufsschule hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Dazu beigetragen haben insbesondere zusätzliche Qualifikations- und Weiterbildungsmöglichkeiten während des Berufslebens, betont die OECD in der Untersuchung.
Außerdem wurde in der frühkindlichen Bildung zuletzt mit dem Kita-Ausbau ein Schwerpunkt gesetzt, der sich inzwischen bemerkbar macht. 2024 besuchten rund 96 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren eine Kita – deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt, der bei 90 Prozent lag. Auch beim Betreuungsschlüssel zeigt sich eine positive Entwicklung: In der vorschulischen Bildung kamen in Deutschland durchschnittlich 7,5 Kinder auf eine Betreuungsperson. Im Durchschnitt der untersuchten Länder waren es 9,4 Kinder.
Der Bericht »Bildung auf einen Blick« zeigt also – ergänzend zur Pisa-Studie, die den Blick auf die Kompetenzen der 15-Jährigen richtet –, wie sich das deutsche Bildungssystem strukturell entwickelt. Der Lehrkräftemangel und die schwachen Ergebnisse bei den Grundkompetenzen zeigen gravierende Probleme. Gleichzeitig hat das System Stärken, wie ein wachsender Anteil höherer Bildungsabschlüsse, ein bewährtes duales Ausbildungssystem und Fortschritte in der frühkindlichen Bildung. Diese Entwicklungen zeichnen ein differenzierteres Bild des deutschen Bildungssystems, als es der Blick allein auf die jüngsten Pisa-Ergebnisse vermuten lässt.
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Source: nd