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Obdachlosigkeit und Psyche | Der Ursprung des Leids

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Eine psychische Erkrankung führt bei manchen Betroffenen auf die Straße. Foto: dpa/Tobias Hase Die Zahl seelischer Leiden nimmt zu. Im öffentlichen Raum ist sichtbar, dass in Berlin viele »psychisch auffällige« Menschen leben. Ihre Zahl dürfte weit höher sein, als im Stadtbild zu erkennen ist. Bei psychischen Erkrankungen zeigen sich soziale Unterschiede in erheblichem Maß. Es handelt sich auch um eine Klassenfrage: Bestimmte gesundheitliche Probleme werden gesellschaftlich respektiert, andere nicht. Die einen Betroffenen leben finanziell abgesichert, die anderen sterben buchstäblich auf der Straße.

Wie Marco. In Brasilien geboren, wuchs er als Adoptivkind in Luxemburg auf. Er studierte Tontechnik im Ausland und wurde 2008 mit einem musikalischen Duo-Projekt in Luxemburg bekannt. In Paris produzierte er Hip-Hop sowie elektronische Musik. 2012 strandete er in Berlin, ab etwa 2016 lebte er auf der Straße. Nachbar*innen brachten ihm Matratzen, Sofas und Decken. Immer wieder warf die Straßenreinigung seine Sachen weg und immer wieder halfen dann Nachbar*innen.

Marco sprach mit Stimmen in seinem Kopf. In Kliniken blieb er nur kurz. Marco lebte so tief in seinem Wahn, dass er lange keine professionelle Hilfe annehmen konnte. Er blieb stur. Ihm hätten niedrigschwellige Angebote, eine Behandlung und eine Wohnung helfen können. Seit November 2018 war Marco dem sozialpsychiatrischen Dienst bekannt. Ende 2020 wurde eine gesetzliche Betreuung für ihn beantragt, weil er in eine Wohnung ziehen wollte. Doch nur wenig später, am 8. Januar 2021, fand man Marco an seinem Schlafplatz im Neuköllner Schillerkiez. Er wurde 33 Jahre alt. Die Todesursache sei »bislang ungeklärt«, schrieb in diesen Tagen der »Tagesspiegel«.

Die Situation für psychisch erkrankte und arme Menschen in Berlin verschärft sich. Sozialabbau und ein katastrophaler Wohnungsmarkt sorgen dafür. Die multiplen Krisen stressen zwar viele Menschen. Allerdings zeigten Analysen, »dass sozial benachteiligte Personen auch in Krisenzeiten anfälliger für eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit sind«, schreibt der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Ob Langzeitfolgen der Coronakrise, Flucht, Kriege, Klimawandel, Digitalisierung, Rechtsruck oder soziale Ungleichheit – diese kollektiven Stressoren haben gesundheitliche Auswirkungen. Aber die Effekte treffen nicht alle gleichermaßen, denn Wohlhabende können sich die Angebote der »Mental-Health-Industrie« leisten, um Selbstfürsorge und Selbstoptimierung zu betreiben. Das psychische Leiden wird individualisiert und privatisiert, dabei ist seine Ursache strukturell. Die soziale Schieflage bestimmt die individuellen Möglichkeiten, die psychischen Belastungen überwinden oder wenigstens lindern zu können.

Warum gibt es in Berlin nun so viele Menschen, die psychisch erkrankt sind? Eine gängige These lautet, dass die anonyme Großstadt Menschen anzieht, die hier so leben können, wie sie es wollen. Berlin bietet viele kulturelle und soziale Angebote und gilt deshalb als eine attraktive Stadt der Vielfalt und Toleranz. Aber es lauern auch Risiken. Menschen erleiden in der Großstadt häufiger eine psychische Erkrankung als im ländlichen Raum. Trotz hoher Bevölkerungsdichte besteht ein Risiko der Vereinsamung. Belastungen der Großstadt wie Lärm und Stress sowie die leichtere Verfügbarkeit von Alkohol und Drogen können zudem krank machen.

Manche landen deshalb in Krisensituationen auf der Straße. Studien zeigen, dass bis zu 90 Prozent der Obdachlosen an Sucht- und psychischen Erkrankungen leiden. Zeitweise leben viele Obdachlose daher in Psychiatrien, wenn sie dort überhaupt aufgenommen werden. In der Psychiatrie des Vivantes-Klinikums Neukölln sind im Durchschnitt 25 Prozent der Patient*innen wohnungslos, in den Wintermonaten über 30 Prozent. »Gelebte Realität ist, dass die Berliner Krankenhäuser für ihre Patient*innen Jobcenteranträge stellen, Kontakte zu Ausländerberatungsstellen und Botschaften pflegen und Plätze in Obdachloseneinrichtungen und Wärmestuben organisieren. Keine dieser Tätigkeiten ist originäre Aufgabe eines Krankenhauses«, heißt es im aktuellen Gesundheitsbericht zur Versorgung obdachloser Menschen in Berlin, der von der Caritas und anderen Organisationen herausgegeben wird. Damit würden sie auch nicht refinanziert.

Drogen befeuern die Problemlage. »Monkey Dust« heißt eine neue Droge, die auf den Berliner Markt drängt. Sie ist billiger als Heroin, wirkt stärker als Crack und macht sehr schnell abhängig. Wahnvorstellungen sind eine häufige Folge des Konsums. Es werden zudem Fentanyl-Notfallpläne von der Stadt erarbeitet, um zu verhindern, dass es in Berlin zu einer Fentanyl-Schwemme wie in den USA kommt. Seit 2017 hat der Crack-Konsum in Berlin stark zugenommen. Crack führt zu einem hohen Suchtdruck und macht die Abhängigen aggressiver. In der aktuellen Berliner Crack-Studie heißt es: »Diese Konsumform führt zu einer schnellen körperlichen und psychischen Erschöpfung, Schlaflosigkeit, psychotischen Symptomen und einem drastischen sozialen Abstieg.« Interviewte Fachkräfte beobachteten »eine Zunahme an psychotischen/wahnhaften Symptomen sowie psychiatrischen Krisen«.

Rund 439.000 Menschen leben in Berlin mit der Diagnose Depression

Schweigen über das eigene Leiden ist in der Arbeitswelt und Nachbarschaft existenziell. Laut einer 2023 im »Bundesgesundheitsblatt« erschienenen Studie lehnen fast ein Drittel der Befragten Schizophrenie-Erkrankte als Nachbarn ab. »Mit zunehmender sozialer Nähe steigen die Ablehnungswerte auf bis zu 80 Prozent«, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf ihrer Webseite. Viele Betroffene sind bereits aus dem normalen Wohnungs- und Arbeitsmarkt ausgegrenzt.

Auch die Ängste der sogenannten Normalen, selbst zu erkranken, führen zu Abwehr und Vorurteilen, die uralt sind. Die Geschichte der Ausgrenzung von »Wahnsinn« ist lang, sie führte über Narrenschiffe und -türme bis zu Arbeitshäusern, Irrenanstalten und Massenmord im NS-System. Psychotisch kann bei großem Stress jede*r werden. Zusätzliche Dosen aus Veranlagung und akuten Lebensereignissen geben so manchem den Rest. Während Betroffene mit solchen Erkrankungen mit einer zunehmenden Diskriminierung konfrontiert sind, ist eine Entstigmatisierung einiger psychischer Erkrankungen feststellbar, wie bei Depression der Leistungssubjekte (Burnout) oder Neurodivergenz (ADHS).

Immer mehr Menschen lassen sich diagnostizieren, was vor allem mit der Erschöpfung in einer stressigen Arbeitswelt zusammenhängt. Laut Datenanalyse der AOK-Nordost nimmt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme in Berlin zu: Sie verursachen im Schnitt rund 25 Krankheitstage pro Fall. Rund 439.000 Menschen leben in Berlin mit der Diagnose Depression. Hier gibt es unterschiedliche Schweregrade – von der schweren Depression bis zu leichten depressiven Verstimmungszuständen. Eine Diagnose schaffe Erleichterung, verdiene Verständnis und erkenne den Zustand der Leistungsunfähigkeit an, »für den es in neoliberalen Gesellschaften außerhalb von pathologisierten Kategorien keinen legitimen Platz gibt«, schreibt Laura Wiesböck in ihrem 2025 erschienenen Buch »Digitale Diagnosen«.

Zudem diagnostizieren sich immer mehr Menschen selbst und stilisieren sich in den sozialen Medien. Bei Unproduktivität und Ablenkbarkeit wird vermehrt ADHS diagnostiziert. Seit 2013 haben sich laut Datenanalyse der AOK-Nordost die ADHS-Diagnosen in Berlin verdreifacht, insbesondere bei Frauen fällt der Anstieg auf.

»Sich mit ADHS zu identifizieren, mag ein Befreiungsschlag sein in einer Welt, die den Müßiggang zum Feind erklärt und den Individuen eine ständige Disziplinierung abverlangt«, so Theo Parkers überzeugende These aus dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch »Alles auf einmal, und zwar jetzt!«. Aber die Rechnung gehe nicht auf, Selbstoptimierung und Selbstsabotage seien schließlich zwei Seiten derselben Medaille. Nach Ansicht des Autors sollten die Betroffenen die Leistungsansprüche an sich selbst überdenken, statt »fortwährend an der eigenen Verwertbarkeit zu schrauben«.

Aber es ist schwer, dem allgemeinen Produktivitätsdruck zu entwischen. Die Miete muss schließlich bezahlt werden. In Berlin hat man die Verelendung auf der Straße immer vor Augen. Und das macht Angst.

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Source: nd