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Notfälle | 10.000 Sepsis-Todesfälle pro Jahr verhindern
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80 Prozent der Sepsis-Fälle entstehen außerhalb der Kliniken und sind zeitkritische Notfälle Foto: dpa/Julian Stratenschulte Jahr für Jahr sterben Zehntausende in Deutschland an einer Sepsis. Dieser zeitkritische medizinische Notfall (wie Herzinfarkt oder Schlaganfall) ist immer noch nicht allen Beschäftigten im Rettungsdienst oder in Krankenhäusern geläufig. Auf Hinweise und Zweifel von Angehörigen wird oft zu spät oder nicht reagiert. Das widerspiegelt sich auch darin, dass die Sepsissterblichkeit in Deutschland von 1990 bis 2019 um zehn Prozent zunahm. In Norwegen und Finnland ging sie in diesem Zeitraum um jeweils mehr als 20 Prozent zurück.
Typische Warnzeichen sind verwirrtes Denken, Kurzatmigkeit, Herzrasen und zugleich niedriger Blutdruck sowie ein starkes Krankheitsgefühl, teils mit Schmerzen oder Todesangst. Hohes Fieber oder plötzliche Untertemperatur können Begleitsymptome sein, wie auch völlige Erschöpfung und feuchte Haut. Das häufig als Blutvergiftung bekannte Krankheitsbild ist genauer eine überschießende Reaktion des Immunsystems, die immer von einer Infektion ausgeht – das kann »nur« eine Blasenentzündung sein, eine Wunde oder eine Lungenentzündung. Die freigesetzten Botenstoffe fluten den ganzen Körper und können schnell zu Organversagen und Tod führen.
»Sicherheit muss wichtiger sein als Hierarchie.«
Mit Blick auf den Welt-Sepsis-Tag am 13. September hat die Sepsis-Stiftung in der vergangenen Woche in Berlin über Versäumnisse, aber auch Leuchttürme in der Versorgung informiert. Eines der Probleme ist, dass ein großer Teil der deutschen Krankenhäuser kein systematisches Screening auf Sepsiszeichen durchführt und auch keine Behandlungsschemata etabliert sind, wie Christian Scheer von der Uni-Klinik Greifswald kritisiert. Wenn etwa Infektionen an einem implantierten künstlichen Gelenk auftreten, muss das im Sepsisfall innerhalb von sechs Stunden operativ entfernt werden. Nur wenige Krankenhäuser sind auf derartige Fälle vorbereitet. Bei der notwendigen Therapie mit Antibiotika sollen solche mit einem breiten Wirkspektrum eingesetzt werden: »Aber auch diese können bei bis zu 50 Prozent der Patienten nicht passen. Ein Laborbefund dauert drei bis fünf Tage. Und in Deutschland sind nur 15 Prozent der Labore auch permanent einsatzbereit.«
An Schulungen zum Thema nahmen bislang nur rund fünf Prozent der deutschen Kliniken teil. Das soll sich jetzt ändern: Seit Januar 2026 sind diese Schulungen für mindestens 80 Prozent des ärztlichen und pflegerischen Personals im Rahmen der Qualitätssicherung vorgeschrieben. Ab 2027 wird die Erfüllung direkt abrechnungsrelevant. Die bisherige unzureichende Situation ist umso ärgerlicher, dass das Wissen zur Sepsis eigentlich verfügbar ist.
Ein anderes großes Defizit ist die fehlende Einbeziehung von Angehörigen und Betroffenen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl in Großbritannien als auch in den USA zwei Todesfälle von Kindern dazu geführt haben, dass in kürzerer Zeit neue Regeln zur schnelleren Wahrnehmung einer Sepsis etabliert wurden. In Großbritannien werden diese unter dem Begriff Martja’s Rule zusammengefasst. Die 13-jährige Martha hatte einen Fahrradunfall und starb 2021 nach einer Sepsis im Krankenhaus, obwohl die Eltern wiederholt auf ihren schlechten Zustand hingewiesen hatten. Eine Kampagne führt zu der neuen Regel, wonach Patienten, Familien und Pflegekräfte rund um die Uhr ein spezielles Notfallteam anfordern können. 2024 wurde das für zunächst 140 Krankenhäuser eingeführt, vor einem Jahr dann landesweit.
Ein ähnliches Sicherheitsnetz fordert für Deutschland jetzt Kerstin Martensen aus Jülich. Auch ihr Sohn Jann starb an einer nicht erkannten Sepsis. Martensen hat danach die Sepsis-Vorreiterregion Jülich initiiert. Janns Regel soll die Früherkennung stärken: Jede Verschlechterung müsse ernst genommen werden, eine medizinische Neubewertung niedrigschwellig erreichbar sein. Martensen erklärte, dass die Regel kein Misstrauensvotum gegen Ärzte und Pflegende sein soll, aber: »Sicherheit muss wichtiger sein als Hierarchie.« Dieser Aspekt könnte dazu beitragen, dass die neue Zielstellung, mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle jährlich in Deutschland zu verhindern, bald erreicht wird.
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Source: nd