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Niederlande | Utrecht von unten: »Auf dem Wasser passiert hier alles«
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Paddler überall: Im Sommer werden die Grachten intensiv befahren. Foto: IMAGO/Uwe Kraft Städtetrips können schnell anstrengend werden. Viel Beton, zu viele Menschen und eine ewig lange Liste von Sehenswürdigkeiten bilden schnell eine Kombination, die so gar nicht nach Erholung klingt. Gerade in großen Metropolen kann der Urlaub damit zum Freizeitstress werden.
In Utrecht ist das anders. Die niederländische Stadt hat den Vorteil, dass ihr historisches Zentrum selbst schon Sehenswürdigkeit genug ist. Es gibt keine endlose Liste von Monumenten, die man abhaken müsste. Stattdessen prägen Grachten, viel Grün, Fahrräder und studentisches Leben das Stadtbild. Utrecht ist eine Stadt, die weniger zum Abarbeiten als zum Verweilen einlädt. Aus der ehemaligen Handels- und Arbeiterstadt ist längst ein bedeutendes Wissens- und Verwaltungszentrum geworden; entwickelt hat sich ein ausgesprochen lockeres Lebensgefühl.
Wer Utrecht verstehen will, sollte sich zunächst aufs Fahrrad setzen. Kaum ein Verkehrsmittel gehört so selbstverständlich zum Alltag der Stadt. Täglich treten in Utrecht rund 150.000 Menschen in die Pedale. Und das hat Gründe: Breite Radwege ziehen sich durch das Zentrum, an Kreuzungen haben Radfahrer*innen oft Vorrang. Hinzu kommen Brücken und Tunnel, die ein dichtes Netz bilden. Selbst das größte Fahrradparkhaus der Welt steht hier: Am Hauptbahnhof finden 12.500 Räder Platz. Damit gilt Utrecht als eine der fahrradfreundlichsten Städte überhaupt.
Dass dies so selbstverständlich wirkt, ist das Ergebnis einer geplanten politischen Entwicklung. Dennis Brouwer ist Pressesprecher im Rathaus und verweist darauf, dass das Radfahren systematisch gefördert wird, zugleich wird die Nutzung des Autos begrenzt. »Wir wollen als Stadt wachsen und gleichzeitig die Autonutzung stabil halten«, so Brouwer. Bereits 2017 beschloss die Stadt zudem, den historischen Innenstadtbereich schrittweise in eine Zero-Emission-Zone umzuwandeln. Verbrennungsmotoren sollen aus dem Zentrum verschwinden, Fahrräder und elektrische Fahrzeuge dagegen freie Fahrt haben.
Nur auf eine Art lässt sich Utrecht noch besser erkunden als auf dem Fahrradsattel. Eine Bootsfahrt durch die Grachten ist nicht nur Entschleunigung pur, sondern auch die schönste Art, sich der Stadt zu nähern. Karel Schuttevaer kennt diese Perspektive besonders gut. Der Mann Anfang 50 führt die gleichnamige Reederei, die bereits seit 1960 existiert. 2005 übernahm er das Unternehmen von seinem Onkel. Heutzutage fahren zehn Ausflugsboote täglich durch die Grachten.
»Auf dem Wasser passiert hier alles«, sagt Schuttevaer. Tatsächlich herrscht auf den Kanälen erstaunlich viel Leben. Neben den Ausflugsbooten sind Stand-up-Paddler, Tretboote, Kajaks und private Schiffe unterwegs. Zudem werden Restaurants über das Wasser beliefert, Müll wird abtransportiert und sogar ein eigenes Bierschiff ist unterwegs. Manchmal werde es etwas eng, sagt Schuttevaer, aber grundsätzlich funktioniere das Miteinander gut.
Das Wasser plätschert leise, während die Häuser der Altstadt vorbeiziehen. Besonders charakteristisch sind die Oudegracht und die Nieuwegracht, die das Zentrum von Norden nach Süden durchziehen. Viele der historischen Gewölbe unterhalb des Straßenniveaus werden gastronomisch genutzt, manche beherbergen Wohnungen, Boutiquen oder Künstlerwerkstätten. In Utrecht haben die Grachten zwei Ebenen. Ein uraltes Schleusensystem senkte im Mittelalter den Wasserspiegel und schützte die Stadt vor Hochwasser. Dadurch entstanden entlang der Grachten unterhalb der Straßen zusätzliche Räume und Keller.
Auf der Rückfahrt mit dem Boot taucht plötzlich das riesige Einkaufszentrum »Hoog Catharijne« auf. Hier zeigt sich, wie stark sich Utrecht in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Der Kanal musste einst einer autogerechten Stadtplanung weichen – geplant vom deutschen Verkehrsexperten Max Erich Feuchtinger: Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der historische Kanal zugeschüttet und gegen den Willen der Bevölkerung durch eine Stadtautobahn ersetzt. Doch dann kam die Kehrtwende. Bis 2020 wurden die Fahrspuren wieder entfernt und der Kanal wurde erneut geflutet. »Das ist gut für die Stadt und für uns alle«, sagt Schuttevaer. Für ihn bedeutet die Rückkehr des Wassers auch, dass seine Boote wieder eine komplette Runde entlang des sechs Kilometer langen Gürtels um die historische Stadtmauer fahren können.
Die Wiederherstellung des Kanals steht dabei exemplarisch für das Verständnis von Stadtentwicklung in Utrecht. Verkehrsplanung und die Gestaltung des öffentlichen Raums werden zusammen gedacht. Die Stadt versuche, Orte zu schaffen, an denen Mobilität, Aufenthaltsqualität, Grün und soziale Nutzung zusammenpassten, heißt es aus dem Rathaus. Ziel ist eine Stadt, in der möglichst viele Dinge des Alltags innerhalb von zehn Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sind – Supermarkt, Schule, Park oder andere wichtige Einrichtungen. Gerade bei einer Verkehrswende, die Autoflächen reduziert und gewohnte Wege verändert, setzt Utrecht dabei stark auf Beteiligung und auf die Suche nach tragfähigen Kompromissen.
Diese Lebensqualität hat allerdings auch ihren Preis. Die Universitätsstadt gehört zu den teuersten Wohnstandorten der Niederlande. Gerade für Studierende ist die Wohnungssuche schwierig. Rund 30.000 Menschen studieren in Utrecht, insgesamt zählt die Stadt rund 378.000 Einwohner*innen. Die meisten Fakultäten sind mittlerweile außerhalb der Innenstadt angesiedelt. Trotzdem prägen junge Menschen das Straßenbild, die Gastronomie und das Nachtleben.
Doch Utrecht besteht nicht nur aus Fahrrädern, Grachten und jungem Lifestyle. Hinter der pittoresken Fassade steckt auch eine Geschichte als Arbeiterstadt. Davon erzählt Museumsleiterin Lieve Baetens im Volksbuurtmuseum. Seit Anfang des Jahres leitet sie das kleine Ausstellungshaus, das sich in einem ehemaligen Arbeiterquartier befindet. Die Geschichte der Stadt wird hier nicht aus der Perspektive großer Persönlichkeiten erzählt, sondern aus dem proletarischen Alltag. Besucher begleiten eine typische Arbeiterfamilie der 1920er Jahre und bekommen einen Eindruck davon, wie die Menschen in dem dicht bebauten Viertel lebten und arbeiteten. Enge Wohnungen, wenig Platz und harte Arbeitsbedingungen gehörten für viele zum Alltag.
Gegründet wurde das Museum 1993. Seine Wurzeln reichen jedoch noch weiter zurück: Entstanden ist es aus einer Initiative von Anwohner*innen, die in einem Gemeindezentrum Fotografien und Gegenstände aus dem Viertel sammelten. Was zunächst als lokale Sammlung begann, wurde schließlich zu einem Museum.
»Es ist ein Museum von den Menschen, für die Menschen«, sagt Baetens. Diese Nähe zur Stadtgesellschaft sei für sie entscheidend. Ihr gehe es nicht allein darum, einen Einblick in die Lebenswelt früherer Generationen zu geben. Vielmehr wolle sie zeigen, was sich aus dieser Geschichte für die Gegenwart lernen lasse. Besonders viel Freude bereite ihr deshalb die Arbeit jenseits des klassischen Museumsalltags: Veranstaltungen, Gesprächsrunden und Diskussionen, bei denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen miteinander ins Gespräch kommen. Das Museum versteht sich damit auch als Ort des Austauschs – als Raum, in dem Geschichte nicht abgeschlossen in Vitrinen liegt, sondern zum Anlass für Gespräche über das derzeitige Zusammenleben wird. »Geschichte nicht um ihrer selbst willen«, sagt Baetens.
Zwischen grünem Lebensgefühl und roter Vergangenheit kann man auch kulinarisch durch die Stadt wandern. Denn auch wenn die niederländische Küche international nicht unbedingt als Schwergewicht gilt, lässt es sich in Utrecht ausgezeichnet speisen. Das »Florent le Bistro« ist eher etwas für einen Abend, an dem der Blick auf den Preis nicht ganz so wichtig ist. Dafür kann man dort aber auch bis zu sieben Gänge genießen. Die Küche ist französisch inspiriert, das Essen sehr kreativ arrangiert: Es geht von diversen Fischen bis zu Lamm – eine vegetarische Alternative gibt es aber auch. Zum Abschluss kommt dann sogar noch der Käsewagen – und der macht unmissverständlich klar, dass man sich schließlich doch in den Niederlanden befindet.
Wer es preiswerter mag, landet in einem der sogenannten Bruine Cafés. Das »Springhaver« oder das »Oliver«, das in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist, sind gute Anlaufstellen. Es gibt belgische und niederländische Biere, Hausmannskost und Bitterballen, frittierte Kroketten mit Rindfleischfüllung. Je nach Tageszeit sitzen dort Tourist*innen, Einheimische und Studierende nebeneinander. Niemand scheint es besonders eilig zu haben.
Vielleicht liegt genau darin Utrechts größte Stärke. Die Stadt muss sich nicht über weltberühmte Sehenswürdigkeiten definieren. Sie funktioniert entschleunigend: die Grachten, die Fahrräder, die kleinen Plätze, die grünen Ufer, die Cafés und die Menschen, die draußen sitzen. Man kann sich treiben lassen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Wichtiges zu verpassen. Ein schönes Gefühl.
Hinzu kommt das Wetter. Man merkt der Stadt die Nähe zur Nordsee an. So kann es passieren, dass am Abreisetag noch die Sonne scheint, kurz darauf ein kräftiger Schauer niedergeht und man völlig durchnässt am Bahnhof ankommt – nur um wenige Minuten später wieder in der Sonne zu stehen. Macht nichts. Ein paar Tage Utrecht – das ist eine Einladung zum Durchatmen und Entspannen.
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Source: nd