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Neurologie | Gehirngesund durch Prävention
Viele Risiken für Erkrankungen wie Demenz oder Schlaganfall lassen sich beeinflussen, aber die Umsetzung im Alltag fällt häufig schwer.
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Rehabilitation nach einem Schlaganfall: Greifbewegungen werden wieder trainiert. Foto: dpa/Patrick Pleul Die Familie nicht mehr erkennen, die Adresse vergessen und den Heimweg nicht mehr finden, sich in den Zeiten verirren – das kann eine Demenz mit sich bringen, und das fürchten Menschen in Deutschland besonders. Ebenso wie einen Schlaganfall, der in vielen Fällen eine Behinderung zur Folge hat. Unter anderem Lähmungen sowie Schluck- und Sprechstörungen können dabei sein.
Was die Furcht befeuert, ist der mit den Erkrankungen verbundene Verlust der Gehirngesundheit. Das heißt, dass Lernen, Kreativität, Produktivität und soziale Teilhabe schwieriger oder gar nicht mehr möglich sind. Aber das Risiko für beide Krankheiten ließe sich durch Prävention deutlich senken.
Dieser Präventionsgewinn ist nicht neu, aber er ist immer besser belegt. Darauf machten jetzt Neurologen im Zusammenhang mit dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin in dieser Woche aufmerksam. Gerade für den Schlaganfall liegen mehrere Studien vor.
In zwei neueren unter diesen lag der Einfluss von Risikofaktoren auf die Krankheitslast bei gut 80 Prozent. Die Interstroke-Studie von 2016 mit Teilnehmern aus 32 Ländern zeigte, dass zehn beeinflussbare Risikofaktoren mit 90 Prozent des Schlaganfallrisikos assoziiert waren. Die Ergebnisse beschreiben allerdings das Präventionspotenzial auf Bevölkerungsebene, schränkt DGN-Präsidentin Daniela Berg ein. Das heißt, so die Neurologin vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, dass hier nicht die Wahrscheinlichkeit beschrieben wird, mit der sich ein Schlaganfall im Einzelfall verhindern lässt.
Zu den genannten Risiken für einen Schlaganfall zählen Bluthochdruck, Bewegungsmangel, zu hohe Blutfettwerte, Rauchen, Diabetes mellitus, ungesunde Ernährung, übermäßiger Alkoholkonsum und Vorhofflimmern. Viele dieser Faktoren tragen aber genauso dazu bei, dass das Risiko etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs steigt. Es kann also nicht falsch sein, sich damit zu befassen und vielleicht die eine oder andere Gewohnheit infrage zu stellen. Die eher medizinischen Risikofaktoren gehören unter ärztliche Kontrolle.
»Wer Prävention will, muss sie ermöglichen.«
Es bleibt aber etwas, das als individuelle »Lebensstildissonanz« bezeichnet werden kann. Den Begriff prägten Neurologin Berg und ihr Team selbst: die Lücke zwischen dem genauen Wissen über einen gesunden Lebensstil und der Alltagsrealität. Folgt man dem Konzept, scheitern gesundheitliche Vorsätze quasi aus biologischen Gründen.
Für Berg geht es deshalb darum, die Gehirntätigkeit besser zu verstehen: »Das Gehirn braucht Zeit zum Lernen. Und es kann auch lernen.« Aus der Evolution des Menschen stamme die Erfahrung, dass energiereiche Ernährung fast immer nötig war – und Joggen eher nicht. »Wer Prävention will, muss sie ermöglichen«, sagt die Neurologin und fordert hierfür auch politische Unterstützung. Weil das Belohnungssystem im Gehirn schneller sei und das Denken länger brauche, müssten Menschen eher in Sachen Prävention ermutigt werden, als ihnen nur die Schuld am falschen Verhalten zuzuschreiben.
Prävention ist aber nicht nur Verhalten, das dazu beitragen soll, Krankheiten zu verhindern. Gesundheitswissenschaftler und Mediziner haben neben dieser Primärprävention zwei weitere Dimensionen eingeführt: Die Sekundärprävention meint hier die Früherkennung von Krankheiten, wozu etwa regelmäßige Blutdruckmessungen oder Krebsfrüherkennung mit verschiedenen Verfahren gehören. Bei der Tertiärprävention wird versucht, bei bereits vorhandenen Krankheiten Folgeschäden oder Rückfälle zu minimieren – das kann unter anderem in einer Reha erfolgen.
Der letztgenannte Bereich ist bei der Versorgung von Schlaganfällen wichtig. Schon jetzt leben in Deutschland 1,5 Millionen Menschen, die einen solchen überlebt haben; 70.000 Patienten kommen jährlich mit einer Neudiagnose dazu. Götz Thomalla, Neurologe und leitend am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf tätig, sieht als Problem hier, dass es in der Nachsorge noch zu wenig Kontinuität gibt. »Es gibt hier mehrere Ansprechpartner, viele Themen und mehrere Fachdisziplinen und Berufe, die beteiligt sind, dazu die Sektorenaufteilung – Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen und die ambulante Versorgung.«
Einen Unterschied in der Nachsorge macht wohl auch, wie aktiv sich Patienten (oder auch Angehörige) um die nötigen Therapien kümmern können. Jedenfalls ist bei Schlaganfällen wichtig, weitere Ereignisse dieser Art zu vermeiden, und bei der Reduzierung der Folgen auch den psychischen Teil nicht zu vernachlässigen.
Die Nachsorge ist umso wichtiger, als dass es neue Erkenntnisse gibt, dass nach einem Schlaganfall Entzündungsprozesse in den Blutgefäßen zunehmen. Diese Entzündungen auch im Gehirngewebe selbst könnten über Jahrzehnte nachwirken. Sie könnten zu kognitiven Beeinträchtigungen führen – bis hin zur Demenz. Somit wäre eine Minimierung dieser Vorgänge wiederum nützlich dafür, Folgeerkrankungen zu vermeiden.
Wie das ganz konkret aussehen kann, zeigt eine neue Kampagne der DGN: Prävention wirkt. Hier wurden nicht nur nützliche Informationen zu Parkinson, Demenz und Schlaganfall zusammengetragen, sondern es berichten auch Patienten über ihren Krankheitsverlauf.
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