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Naturschutz | Griechenland: Ruhestörung für Wale
Vor der Peloponnes und vor Kreta soll die Suche nach Erdgas beginnen: eine Bedrohung für seltene Meeressäuger.
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Cuvier-Schnabelwale jagen in den tiefen Gewässern des Hellenischen Grabens nach Nahrung. Foto: IMAGO/blickwinkel Die Suche nach Öl und Gas verlagert sich zunehmend aufs Meer. 2024 entfielen laut Global Energy Monitor 85 Prozent des erwarteten Fördervorlumens neu entdeckter Öl- und Gasvorkommen weltweit auf zehn Offshore-Felder. Ökologische Schäden durch Öl- und Gasprojekte auf See entstehen dabei schon lange vor einer möglichen Förderung. Denn bereits bei der Suche nach geeigneten Lagerstätten kommen seismische Untersuchungen zum Einsatz.
Noch 2026 sollen solche Untersuchungen für die Suche nach Erdgas vor Griechenland beginnen: Der US-amerikanische Energiekonzern Chevron und das teilstaatliche griechische Energieunternehmen Helleniq Energy haben dafür Konzessionen für vier Offshore-Blöcke südlich der Halbinsel Peloponnes und Kretas erhalten. Chevron ist mit 70 Prozent am Projekt beteiligt und übernimmt die Betreiberrolle, Helleniq Energy ist mit 30 Prozent beteiligt. Die Konzessionsgebiete umfassen rund 47.000 Quadratkilometer.
Die geplanten Untersuchungen betreffen ein Gebiet im Mittelmeer, das für Meeressäuger von besonderer Bedeutung ist. Im Hellenischen Graben, einer Tiefseerinne zwischen dem Ionischen Meer und Rhodos, leben stark gefährdete Pottwale und Cuvier-Schnabelwale. Wie groß die Pottwalpopulation im östlichen Mittelmeer ist, wird unterschiedlich geschätzt: Ocean Care nannte 2022 etwa 200 bis 250 Tiere, das Pelagos Cetacean Research Institute 110 bis 150.
Während die Schallkanonen aktiv waren, wurden 70 Prozent weniger Finnwal-Rufe registriert als in ruhigeren Phasen.
Für Pottwale ist der Hellenische Graben ein wichtiges Nahrungsgebiet. Die Tiere tauchen normalerweise mehrere hundert bis 2000 Meter tief, um Tintenfische und Kalmare zu jagen. Als größte Zahnwale der Welt orientieren sie sich mithilfe von Klicklauten, die sie auch zur Nahrungssuche nutzen. Charakteristische Klickfolgen, sogenannte Codas, dienen zudem der Kommunikation. Eine Studie von 2023 stellte genetische Unterschiede zwischen den Pottwalen im Mittelmeer und denen im Nordatlantik fest. Weil der Bestand klein und eigenständig ist und der Hellenische Graben einen zentralen Lebensraum für die Tiere bildet, können weitere Verluste besonders schwer wiegen.
Auch Cuvier-Schnabelwale nutzen die tiefen Gewässer des Gebiets. Dessen Einstufung als Important Marine Mammal Area (IMMA) unterstreicht die Bedeutung des Lebensraums für Meeressäuger.
Der WWF Griechenland bezeichnet das Gebiet als Rückzugsraum für Wale und Delfine. »Hier finden Meeressäuger in einem zunehmend belasteten Mittelmeer noch immer einen geeigneten Lebensraum«, sagt George Chasiotis, leitender Rechtsberater der Organisation. Daher sei es unerlässlich, die Meeressäuger vor Öl- und Gasbohrungen sowie seismischen Untersuchungen und Verschmutzung zu schützen, »um diese gefährdeten Populationen zu bewahren und die Erholung der marinen Ökosysteme in griechischen Gewässern zu unterstützen«.
Doch die Wale werden durch die geplanten seismischen Untersuchungen einer konkreten Belastung ausgesetzt sein: dem Unterwasserlärm. Dabei setzen Forschungsschiffe sogenannte Schallkanonen (Englisch: airguns) ein. Diese geben in kurzen Abständen starke Schallimpulse ab, die durch den Meeresboden dringen und von den Gesteinsschichten reflektiert werden. Daraus lassen sich im Anschluss Bilder der geologischen Strukturen unter dem Meeresboden erstellen.
Da Wale hauptsächlich über Schall kommunizieren, können diese Schallimpulse weitreichende Auswirkungen auf ihre Orientierung und Nahrungssuche haben. »Zu den schwerwiegendsten Folgen zählen vorübergehende oder dauerhafte Gehörschäden, die die Fähigkeit der Tiere beeinträchtigen können, zu kommunizieren, zu navigieren, Gefahren auszuweichen und Beute aufzuspüren«, erklärt Chasiotis von WWF. »Die Belastung durch seismischen Lärm kann zudem erhebliche Verhaltensänderungen auslösen und beispielsweise die Nahrungsaufnahme, Ruhephasen, Tauchvorgänge sowie Wanderungsmuster stören.«
Studien aus anderen Meeresregionen zeigen die Auswirkungen auf Wale. Eine 2026 im Fachjournal »Scientific Reports« veröffentlichte Untersuchung wertete 63 Tage Unterwasseraufnahmen einer seismischen Messkampagne vor Nordwestspanien aus. Während die Schallkanonen aktiv waren, wurden durchschnittlich 70 Prozent weniger Finnwal-Rufe registriert als in ruhigeren Phasen. Auch nach einer Korrektur für möglicherweise durch den Lärm überdeckte Rufe lag der Rückgang bei 52 Prozent. Ob die Tiere weniger riefen oder aus dem Gebiet auswichen, blieb offen.
Ein 2023 von Ocean Care für das UN-Übereinkommen zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) erstellter Bericht beziffert den nominalen Quellpegel seismischer Schallkanonen, also die Schallstärke in unmittelbarer Nähe, auf rund 260 Dezibel. Zum Vergleich: Beim Rammen von Offshore-Windkraftfundamenten werden für einen hydraulischen Hammer mit 1000 Kilojoule Schlagenergie rund 237 Dezibel angegeben, für ein Frachtschiff 192 Dezibel in einem bestimmten Frequenzbereich. Die Werte seien allerdings wegen unterschiedlicher Schalleigenschaften nur eingeschränkt vergleichbar, so die Autoren. Schiffe erzeugen vor allem anhaltenden Lärm, Schallkanonen und Rammarbeiten dagegen wiederkehrende Impulse. Wie stark Meeressäuger belastet werden, hängt unter anderem von Frequenz, Dauer, Wiederholung und Entfernung zur Quelle ab.
Neben den möglichen Folgen für die Tiere steht die Frage im Raum, ob die Umweltprüfungen für solche Projekte den rechtlichen Anforderungen genügen. Francesco Maletto, Jurist bei der Umweltrechtsorganisation Client Earth, kritisiert, dass Umweltprüfungen bei früheren Öl- und Gasprojekten in Griechenland teilweise auf veralteten Daten beruht hätten. Bei seismischen Untersuchungen seien die nach EU-Recht erforderlichen Prüfungen nicht ausreichend erfolgt. Gemeinsam mit WWF Griechenland und Greenpeace Griechenland reichte Client Earth deshalb 2023 Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein. Diese ist weiterhin anhängig. Sie richte sich nicht gegen die neuen Chevron-Konzessionen, aber die darin aufgezeigten strukturellen Probleme könnten auch für andere Genehmigungsverfahren relevant sein, so Maletto.
Chevron verweist auf Anfrage auf seine allgemeinen Unternehmensgrundsätze. »Überall dort, wo Chevron tätig ist, hat der Schutz unserer Mitarbeiter, der Gemeinden, der Umwelt sowie unserer Anlagen für uns Priorität«, erklärt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. »Es ist Unternehmenspolitik, alle geltenden behördlichen Vorgaben und Genehmigungsauflagen einzuhalten.« Welche konkreten Maßnahmen zum Schutz der Meeressäuger vorgesehen sind, etwa eine akustische Überwachung oder eine Unterbrechung der Untersuchungen bei der Sichtung von Walen, geht aus der Stellungnahme nicht hervor.
Welche Risiken für die Tierwelt entstehen könnten, lässt eine im April 2026 im Fachjournal »Ethics in Science and Environmental Politics« veröffentlichte Studie erahnen. Die Forschenden analysierten darin umstrittene Fallbeispiele aus dem Mittelmeer, bei denen bewährte Schutzmaßnahmen zur Verringerung schädlicher Auswirkungen auf die dort heimische marine Megafauna – darunter Wale, Delfine, Robben und Meeresschildkröten – nicht eingehalten wurden. Ihr Fazit: »Auch wenn diese Versäumnisse nicht eindeutig einen Verstoß gegen rechtliche Verpflichtungen darstellen, zeugen sie von unethischem Handeln.«
Nikos Mantzaris von der Denkfabrik The Green Tank sieht die geplanten Gasprojekte auch im Konflikt mit Griechenlands Klimazielen. Im Einklang mit den EU-Zielen habe sich Griechenland verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Selbst wenn die geplanten seismischen Untersuchungen kommerziell nutzbare Gasvorkommen nachweisen würden, wäre frühestens in den 2030er Jahren mit einer Gasförderung zu rechnen, so Mantzaris. Geplante Gasfelder seien häufig für eine Betriebsdauer von 20 bis 30 Jahren ausgelegt. Die Folge: »Eine neue Förderung würde sich also weit über das Jahr 2050 hinaus erstrecken«, warnt er.
Die Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis begründet die Suche nach neuen Vorkommen dagegen mit dem Ziel, die Energieversorgung unabhängiger zu machen. Die griechische Verwaltungsgesellschaft für Kohlenwasserstoffe und Energieressourcen schätzte das Potenzial der Gasreserven im griechischen Meeresgebiet 2024 auf rund 680 Milliarden Kubikmeter – rechnerisch genug für etwa 100 Jahre des derzeitigen Verbrauchs von rund sechs Milliarden Kubikmetern jährlich.
Ob das Gas tatsächlich der griechischen Energieversorgung zugutekäme, ist laut Mantzaris offen. »Gemäß den Pachtverträgen gehört das Gas den Unternehmen, die es zu Marktpreisen an beliebige Abnehmer im In- oder Ausland verkaufen können«, meint er. Der griechische Staat erhalte lediglich Förderabgaben, habe aber keinen Anspruch darauf, dass das Gas auch im eigenen Land genutzt werde. »Griechische Verbraucher müssten weiterhin europäische Marktpreise zahlen.«
Auch klimapolitisch sieht Mantzaris die Gasförderung kritisch. Gaskraftwerke seien »schon jetzt für fast 60 Prozent der Emissionen im Stromsektor verantwortlich«. Der Experte sieht darin den »Hauptgrund dafür, dass der Sektor sein im nationalen Klimaschutzgesetz festgelegtes CO2-Budget überschreitet«. Die neuen Gasfelder könnten noch lange nach 2050 betrieben werden – mit Folgen für den Lebensraum der Meeressäuger und Griechenlands Ziel der Klimaneutralität.
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