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Nachruf auf Juan Pablo Cárdenas | Chile: Dorn im Auge der Mächtigen
Der chilenische Autor, Journalist, Chefredakteur und Hochschullehrer Juan Pablo Cárdenas ist tot.
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Eine kritische Stimme in Chile ist verstummt: Juan Pablo Cárdenas Foto: wikimedia/Pontificia Universidad Católica de Chile Der kritische Journalismus in Lateinamerika hat einen langjährigen Protagonisten verloren. Am 11. Oktober starb der chilenische Autor, Journalist, Chefredakteur und Hochschullehrer Juan Pablo Cárdenas. Bekannt wurde er als unnachgiebiger Kritiker der Diktatur von General Augusto Pinochet zwischen 1973 und 1990. Sein Name ist untrennbar mit der Zeitschrift »análisis« verbunden, die ab Ende 1977 ihre kritische Berichterstattung über das Militärregime aufnahm. Möglich war das durch den Schutz der katholischen Kirche und finanzielle Unterstützung einiger europäischer Länder, wozu Deutschland sicherlich nicht gehörte, dessen Botschaft in Santiago damals noch enge Beziehungen zur deutschen Sekte Colonia Dignidad unterhielt.
Cárdenas betrachtete Berichterstattung als öffentliche Verantwortung und erfüllte diesen Anspruch ungeachtet aller damit verbundenen Risiken für die persönliche Freiheit und Sicherheit. Und die waren in seinem Fall erheblich: Ständige Drohungen, wiederholte Verhaftungen, zwei Brandanschläge auf seine Wohnung, mehrere Militärgerichtsprozesse und eine anderthalbjährige nächtliche Haftstrafe verdeutlichen, wie gefährlich es ist, in autoritär regierten Ländern ernsthaften Journalismus zu betreiben. Aber die Repression hielt Cárdenas nicht davon ab, seiner selbstgewählten Chronistenpflicht nachzugehen. Im Gegenteil: Er setzte sich weiterhin entschieden für seine Zeitschrift, deren Mitarbeitende und das Recht auf Informationsfreiheit ein. Während ihn das in Chile zu einer umstrittenen Person machte, stieß er auf ungeteilte Anerkennung außerhalb seiner Heimat. Davon zeugen die vielen Auszeichnungen, die er nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Spanien, Frankreich und den Niederlanden erhielt.
Juan Pablo Cárdenas war sicherlich kein überzeugter Linker. So kritisierte er politische und wirtschaftliche Maßnahmen der von Pinochet gestürzten Volksfrontregierung von Salvador Allende, vor allem die starre Position der Kommunistischen Partei Chiles, die er für falsch und schädlich hielt. Im Selbstverständnis, dass Berichterstattung nie neutral sein kann, stand er immer auf Seiten der Schwachen, Unterdrückten und Verfolgten. In seiner Zeitschrift »análisis« prangerte er unverblümt Unterdrückung, Folter und soziales Elend unter der Militärdiktatur an. Dort bot er Oppositionellen Raum, publizierte regelmäßig regimekritische Artikel und veröffentlichte Briefe von Chilen*innen, die auf der Flucht vor dem Militärregime ins Exil gegangen waren.
Entgegen seiner eigenen Erwartung fühlte sich Cárdenas auch nach dem Ende des Pinochet-Regimes keineswegs von der Pflicht zu kritischer Berichterstattung befreit. Die politische und wirtschaftliche Kontinuität unter den demokratisch gewählten Regierungen war viel zu offenkundig, um seine Kritik an den fortbestehenden Verhältnissen einzustellen. Auch lenkte er sein Augenmerk auf die zunehmende Korruption in dem Land, das manche als das Preußen von Lateinamerika bezeichnen. Besondere Kritik richtete er gegen den ehemaligen sozialdemokratischen Infrastrukturminister und späteren Präsidenten Ricardo Lagos, den er der Zusammenarbeit mit der mexikanischen Drogenmafia bei nationalen Straßenbauprojekten bezichtigte. Entscheidende Informationen erhielt Cárdenas interessanterweise in Mexiko, wohin ihn Lagos als Presse- und Kulturattaché wegbefördert hatte.
Seine Lehrtätigkeit an der Universität Chile war eng mit den Themen verbunden, die seine Karriere prägten: die Verantwortung, über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu berichten, die Unabhängigkeit der Medien gegenüber der Macht und die journalistische Recherche. In seinem letzten Meinungsbetrag »680 mil pesos« nur zweieinhalb Monate vor seinem Tod prangerte Cárdenas die enorme soziale Ungleichheit in Chile an, die man dem südamerikanischen Land von außen nicht ansähe. Der dortige Durchschnittsverdienst von 680.000 Pesos reiche nicht aus, eine Familie zu ernähren, zumal dort auch sehr hohe Einkommen berücksichtigt sind und viele Menschen deutlich weniger zur Verfügung haben. Angesichts der Wahl des ultrarechten, wirtschaftslibertären Präsidenten José Antonio Kast forderte er an anderer Stelle Reformen zur Demokratiestärkung und Bevölkerungsbeteiligung, damit nicht Millionen Menschen ihre Hoffnung auf ultrakapitalistische Projekte setzen.
Nun ist der »Journalist, der den Machthabern ein Dorn im Auge ist«, wie sich Juan Pablo Cárdenas in seiner Autobiografie selber beschrieb, für immer verstummt.
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