Germany · nd · 1h
Musikfest Berlin | »Le Grand Macabre«: Die große Unordnung
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Jetzt wird’s absurd: »Le Grand Macabre« beim Musikfest Berlin. Foto: Fabian Schellhorn Es ist ein spukhafter und durchgeknallter Trauerzug, der sich über die Empore zum Zuschauersaal und schließlich auf die Bühne der Philharmonie windet: voran der sinistre, zwielichtige Nekrotzar, der Große Makabre, der behauptet, der Tod selbst zu sein. Ihm folgende weitere höllische Gestalten, unterstützt von einer Combo aus Es-Klarinette, Flöte, Fagott und Violine. Von Ferne erklingt eine einfache Fanfare der himmlischen Posaunen – die Apokalypse ist nah, verkündet Nekrotzar großmäulig. Und von der anderen Seite der Empore fleht der Chor: »Töte alle anderen, doch mich, mich, mich, töte mich nicht!«
György Ligetis 1978 in einer ersten und 1997 in der seither verbindlichen Neufassung uraufgeführte Anti-Anti-Oper, die sich laut Aussage des Komponisten »sowohl vom Opern-Ideal des 19. Jahrhunderts als auch von der Anti-Oper der jüngsten Vergangenheit« distanziert, steuert in diesem dritten Bild auf ihren Höhepunkt zu. Bis dahin haben wir allerlei Absurditäten im völlig heruntergekommenen, aber dennoch sorglos feiernden Breughelland »im soundsovielten Jahrhundert« erleben dürfen (nachdem wir uns zur angeblichen Nationalhymne dieses Staats erheben sollten).
Da wäre der stets alkoholisierte Piet vom Fass (fabelhaft in Gesang und Darstellung: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke). Daneben das wundervolle Liebespaar Amanda und Amando (Elisabeth Freyhoff und Jingjing Xu) auf der Suche nach einem ungestörten Ort, um Liebe zu machen (den sie schließlich in einem leeren Grab finden werden). Ebenso die dominante Mescalina, die ihren Mann Astradamors, den Hofastronomen, auspeitscht, mit einem Spieß attackiert und schließlich zwingt, eine große Spinne zu essen – eine herrlich absurde Szene bourgeoisiehafter Sinnlosigkeit und verquerer Erotik.
Schließlich beißt der aus einem geöffneten Grab emporgestiegene Nekrotzar (düster-wild, ein beeindruckender Bariton: Leigh Melrose) wie ein Vampir in den Hals und verkündet siegessicher das Ende der Welt. Astradamor kehrt noch einmal in sein Haus zurück und zerstört die gesamte Einrichtung: »Endlich einmal Herr im eigenen Haus!«
Alles wird hier zur Farce: Suff, sexuelle Begierden, Gewaltfantasien, Mord. Die Klasse, die an den Verwerfungen, an der »großen Unordnung« Schuld trägt, ist völlig enthemmt. Ligeti beschreibt eine »kaputte, versoffene, verhurte Welt des imaginären Breughellands«. Im dritten Bild wird die Groteske um den Regenten des Breughellands, den »verfressenen, babyhaften Fürst Go-Go« (Countertenor Andrew Watts), erweitert, der von »seinen beiden korrupten Ministern, den Führern der miteinander verfeindeten Weißen und Schwarzen Parteien, tyrannisiert wird«. Diese zwei ergehen sich in endlosen gegenseitigen Beschimpfungen durchs gesamte Alphabet, von Arschklecker und Duckwanster über Gurkenzwerg und Kloakenrotz bis zu Zwerchpfinschler (nur zu I, J, W, X und Y fällt ihnen nichts ein).
Die delikate und eminent geistreiche visuelle Gestaltung dieser konzertanten Aufführung durch Sasha Balmazi-Owen lässt die Minister in überdimensionierten, dickbauchigen Verkleidungen agieren, die sie zwingt, sich wie Marionetten zu bewegen. So werden sie noch mehr zu absurden, lächerlich wichtigtuerischen Figuren – auch Herbert Fritsch hat in seiner Luzerner Inszenierung 2017 diesen Kunstgriff verwendet.
Ein Höhepunkt ist sicher der Auftritt des Chefs der Geheimen Politischen Polizei »Gepopo« samt Gefolge, »komische und gespenstische Detektive, Folterknechte und Henker«, vor der Bühne und im Rang paradieren Geheimpolizisten. Sarah Aristidou als Polizeichef mit den Scherenhänden gelingt ein fulminanter Auftritt, der in einem herausgestotterten »Khh… Khk. Kh! Kh! Ka! Ka-Ka! Kakakakakakastrophe!« mündet. Die Politiker hauen siginifikanterweise ab: »Wir gehen. Tschau, Fürst! Und guuuute Nacht!«
Die Berliner Festspiele, die dieses Jahr ihr 75. Jubiläum feiern, haben unter dem Motto »Die große Unordnung« Thementage angeboten. Zu deren Eröffnung sprachen im Haus der Berliner Festspiele die sudanesisch-britische Autorin Nesrine Malik und der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Sie analysierten den wirtschaftlichen, politischen und moralischen Einflussverlust des »Westens« und sprachen davon, wie autoritäre Kräfte auch in ehemals liberalen Gesellschaften an Gewicht gewinnen. Es gebe eine dialektische Verflechtung von Moderne und Gewalt, Leitlinien wie das Völkerrecht würden ad acta gelegt. Längst hätten sich die Regierungen aus jeglichem Interventionismus zurückgezogen, politische und intellektuelle Führung sei ausgerechnet in Zeiten der Klimakatastrophe, globaler Ungleichheit und um sich greifender Kriege nicht mehr vorhanden. »Le Grand Macabre«, sozusagen.
In der Eröffnungsrede von Winrich Hopp, dem Künstlerischen Leiter des Musikfests, wie auch im digitalen Programmheft, wurde auf die aktuellen Bezüge der Ligeti-Oper verwiesen, vor allem auf den »global um sich greifenden Autoratarismus« (Dirk Wieschollek). Doch vielleicht greift diese Erklärung zu kurz. Angesichts der drängenden Weltprobleme und in einem Sommer der globalen Klima-Eskalation ist ein Breughelland, in dem korrupte Politiker die Verfassung zum »leeren Papier deklarieren«, während sie den Fürsten nötigen, »immer neue Dekrete zur Erhöhung der Steuern ins Unendliche« zu unterschreiben, geradezu ein Menetekel an der Wand. Ansonsten lassen es sich diese Politiker ausgesprochen gutgehen und werfen sich Worthülsen an die Köpfe, ohne irgendwelche Entscheidungen zur Rettung der Menschheit zu treffen. Auch Deutschland ist Breughelland!
Die Szenen, die Ligeti und sein Ko-Librettist Michael Meschke nach Michel de Ghelderodes »La Balade du Grand Macabre« von 1934 heraufbeschwören, bedienen sich der Worte und Bilder, die aktueller kaum sein könnten: »Eine große Hitze wird kommen, wie von tausend Sonnen, und verdunsten werden die Gewässer der Meere, zerbersten mit großem Knall die Berge, und die Luft wird brennen wie Brennspiritus, und das Menschengeschlecht wird versengt.«
Ligeti hat ein stark vereinfachtes, comicartiges Bühnengeschehen entworfen. Er sah seine Oper eher »in der Tradition des mittelalterlichen Totentanzes, des Mysterien- und Kasperle-Spiels«. Die Charaktere sind ausdrücklich »unpsychologisch« angelegt. »Handlung, Situationen, Charaktere sollten durch die Musik zum Leben erweckt werden, Bühnengeschehen und Musik sollten gefährlich-bizarr, ganz übertrieben, ganz verrückt sein«, verlangte er.
Dem großartigen Finnish Radio Symphony Orchestra (die außerordentlichen Perkussionisten verdienen es, hervorgehoben zu werden: Kazutaka Morita, Jani Niinimäki, Antti Ohenoja, Naoki Yasuda!) unter seinem fantastischen Dirigenten Nicholas Collon, dem Helsinki Chamber Choir und den Berliner Vokalhelden sowie dem herausragenden Solist*innen-Ensemble gelingt schlicht ein musikalisches Wunder. Vom Beginn, der Verhohnepipelung der üblichen Ouvertüre durch ein Konzert mit zwölf Autohupen, über die vielen musikalischen Anspielungen – motivisches Material aus Rameaus »La Poule«, Schuberts »Grätzer Galopp«, die Ballszene aus Mozarts »Don Giovanni« – bis zu Selbstzitaten aus seinen legendären Orchesterkompositionen »Atmosphéres« und »Lontano«.
Ligetis Musik wurde mit wahrer Könnerschaft, aber auch mit größter Leidenschaft dargeboten. Denn letztlich ist diese Musik auch ausgesprochen sinnlich, geradezu verführerisch. Und als solche wurde sie vom Publikum dieser Aufführung begriffen, das mit langanhaltendem Beifall dankte.
Und am Ende? Haben Ligetis merkwürdige Gestalten tatsächlich den Weltuntergang erlebt? Schließlich fiel mit durchdringendem Krach auch ein Mahler’scher Holzhammer auf seinen Klotz. »Hab ich nicht gerade die ganze Welt vernichtet?«, fragt sich und uns der wüste Nekrotzar, der enttäuscht zu einer immer kleiner werdenden Kugel mutiert, die schließlich im Boden verschwindet. Vielleicht war der Weltuntergang doch nur ein Gauklerspiel, auf das wir reingefallen sind?
Nach einer umfassenden Schlägerei liegen schließlich alle erschöpft vom Beckett-haften Endspiel am Boden. Piet, Astradamor und der Fürst trinken derweil fröhlich Wein – »Wir haben Durst: ergo wir leben«. Die Sause geht weiter, alle singen gemeinsam mit dem Chor: »Fürchtet den Tod nicht, gute Leut’! Irgendwann kommt er, doch nicht heut’.« Also: ein ewiges »Weiter so«, Party und Suff ohne Ende.
Nur das Liebespaar Amando und Amanda in zwei zusammengenähten weißen Plüschpullovern (vorne ein großes A, hinten ein großes O) hat vom vermeintlichen Weltuntergang nichts mitbekommen, die beiden haben im Grab ihre Liebe gelebt: »Nämlich das beste, was es gibt, ist, wenn man sich ausführlich liebt. Wenn man das tut, dann steht die Zeit ganz still: Es gibt nur Ewigkeit.«
Vielleicht ist das ja unsere Rettung, vielleicht ist die Liebe das A und O, das ein Weiterleben in der großen Unordnung und im großen Makabren ermöglicht. Der Optimismus des Willens bei Pessimismus des Verstandes, wie Gramsci schrieb. Ligetis Oper jedenfalls endet mit einer verwunschenen, »gemessen-eleganten« Passacaglia, »das Sonnenlicht wird fahler und geht in ein überirdisches Licht über«. Wir bleiben als Staunende zurück.
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen
Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source →
Source: nd