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Musik | Zehn Minuten vor Alltag

Bands im Proberaum (3): Die Wiener Band Culk macht Shoegaze aus dem Keller in Ottakring.

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Lässig aus dem Keller raus in die Welt Foto: Facebook Ich begebe mich nach Ottakring in Wiens 16. Bezirk. Im Brunnenviertel treffen migrantische Alltagskultur und eine hippe Kulturszene aufeinander. Nicht weit entfernt verläuft der Wiener Gürtel. In seinen historischen Stadtbahnbögen liegen bekannte Indie-Clubs der Stadt. Spielt Culk im »Chelsea« oder im »B72«, kann die Band ihre Instrumente bequem zurück in den Proberaum tragen. Gitarrist Johannes Blindhofer tritt aus einem der hohen Altbauten der Gegend und nimmt mich in Empfang. Er hält den Kontakt nach außen. Und kümmert sich um die Postings der Band. »Wir alle hassen das mit Social Media«, sagt er später. Aber nun ist er an der Reihe. Sängerin Sophie Löw hatte die ungeliebte Aufgabe acht Jahre lang an der Backe und kann sich nun ganz auf Artwork und Design konzentrieren. Ich hatte schon befürchtet, für das Interview Treppen steigen zu müssen; einer der Songs auf dem neuen Album heißt »7. Stock«. Zum Glück geht’s nur ein Stockwerk tiefer: Culks Proberaum liegt im Keller.

Johannes Blindhofer: Unsere erste Culk-Probe fand in dem Haus statt, in dem Jakob (Bassist, Anm. Red.) jetzt sein Studio hat. Dann haben wir aber relativ schnell diesen gefunden und auch hier erst so richtig mit dem Liederschreiben begonnen.

Wie würden Sie Ihren Proberaum beschreiben, wie fühlt er sich an?

Blindhofer: Er hat keine Fenster. Das Klo ist seit fünf Jahren nicht geputzt worden. Keiner fühlt sich verantwortlich.

Christoph Kuhn (Schlagzeug): Er ist kalt im Winter …

Sophie Löw: … und im Sommer stickig und heiß.

Blindhofer: Es müffelt manchmal, aber trotzdem ist’s heimelig.

Die vierköpige Band Culk aus Wien veröffentlichte ihr selbstbetiteltes Debütalbum im Februar 2019. Zu dem Quartett gehören Sophie Löw (Gesang, Gitarre, Synthesizer) Johannes Blindhofer (Gitarre), Jakob Herber (Bass) und Christoph Kuhn (Schlagzeug). Der Name der Band ist eine Wortschöpfung ohne feste Bedeutung. Im Oktober 2020 veröffentlichten Culk ihr zweites Album »Zerstreuen Über Euch«.

Haben Sie einen festen Termin zum Proben?

Blindhofer: Nein, wir nehmen uns eher so Blöcke vor, wenn wir beim Songwriting sind oder uns auf Konzerte vorbereiten. Dann sind wir auch mal länger oder ein ganzes Wochenende am Stück hier.

Gibt es etwas, das dem Proberaum noch fehlt?

Blindhofer: Eigentlich bräuchten wir gut funktionierende Lautsprecher für unsere PA (Beschallungsanlage, Anm. d. Red.). Wir fühlen uns aber auch auf irgendeine Weise mit denen verbunden, die wir haben. Es war erst mal eine Leihgabe von einer Freundin, als wir mit der Band begonnen haben. Vielleicht prägt uns dieser brummig angezerrte, leicht crappy Klang, der da rauskommt, musikalisch auch mehr, als wir denken.

Was passiert sonst noch im Proberaum – außer Musikmachen?

Kuhn: Wir sind schon sehr auf die Musik konzentriert. Unsere Freizeit verbringen wir eher woanders. Und die Proben sind auch immer effizienter geworden.

Löw: Wenn es draußen schön ist, gibt es einen Innenhof, wo wir dann manchmal noch zusammensitzen.

An welche Momente im Proberaum erinnern Sie sich besonders gut?

Kuhn: An diese eine Feier, die wir hier hatten. Das war schon sehr lustig, weil das relativ spontan entstanden ist. Wir waren am Gürtel unterwegs und haben uns dann dafür entschieden, hierhin zu gehen.

Löw: Wir hatten ein Konzert und wollten eigentlich nur die Instrumente herbringen, das war gar nicht der ursprüngliche Plan.

Herber: Aber dann hat irgendwer »Proberaumparty« gerufen.

Welche musikalischen Aha-Erlebnisse hatten Sie hier?

Blindhofer: Ich kann mich an eine Session für das letzte Album im Jänner erinnern, da haben wir hier an den drei Tagen sechs Lieder geschrieben. »Eisenkleid« war auch dabei. Das Stück war plötzlich einfach so da. Dabei waren wir eigentlich schon drüber.

Löw: Stimmt, wir wollten eigentlich schon aufhören. Und dann hatten wir noch diese Chorus-Idee und alle waren voll euphorisch.

Herber: Aus irgendeinem Grund haben wir uns dann alle irgendwo draufgestellt. Ich bin auf dem Amp (Verstärker, Anm. d. Red.) gestanden. Und Johannes hat auf den Oberschenkel geklopft, um die Akkordwechsel anzuzeigen.

In welchem Setting fühlen Sie sich als Band am nächsten – im Proberaum, auf der Bühne oder im Studio?

Kuhn: Beim Frühstücksbuffet in einem Hotel irgendwo in Deutschland.

Herber: Auf Tour, würde ich auch sagen. Die Zeit nach einem Konzert, wenn es darum geht, vom Adrenalin runterzukommen. Oft verliert man sich ja. Manche wollen rausgehen und sind bis um vier morgens unterwegs, andere wollen einfach nur zurück ins Hotel.

Blindhofer: Das ist tatsächlich der schönste Moment am Bandsein: diese paar Minuten nach dem Konzert. Man ist noch freudig und denkt noch nicht ans Abbauen. Noch hat keiner gesagt: »Ihr müsst um soundso viel Uhr zurück im Hotel sein, hier sind die Schlüssel.« Diese zehn Minuten, bevor der ganze Alltag wieder stattfindet, die sind einfach total bliss.

Auf »Generation Maximum« haben Sie das Lebensgefühl einer Generation thematisiert, auf dem Nachfolgealbum ging es um Geschlechterverhältnisse. Würden Sie zustimmen, dass auf Ihrem aktuellen Album das Thema Identität im Mittelpunkt steht?

Löw: Es geht vor allem um Orientierung, also wie man sich in der digitalen Welt und in der realen Welt zurechtfindet. Es gibt Momente, in denen man weiß, wer man ist oder sein möchte, und dann zweifelt man wieder alles an und hat seinen Ort noch nicht gefunden. Das Digitale macht die Suche nach dem eigenen Selbst aber noch einmal komplizierter.

Der Songtitel »Twenty, eighteen« verweist auf ein wichtiges Jahr für Culk: 2018 erschien Ihre erste Single, wenig später das Debütalbum. Blicken Sie schon nostalgisch auf die Anfangstage zurück?

Blindhofer: Es ist gut, an dem Punkt zu sein, wo wir uns aktuell befinden. »Twenty, eighteen« ist kein Loblied auf 2018. Es geht mehr um diese zwiespältige Erfahrung, in einer Band zu sein: dass es einen extrem ausbrennt, dass es einen extrem müde macht, dass man eigentlich permanent das Gefühl hat, man sei nichts wert, weil man oft nicht das erreicht, was man sich vorgenommen hat. Auf der anderen Seite lieben wir einfach das, was wir tun. Und dieses Gefühl und die Freundschaft zwischen uns, das wollten wir einfach wieder mehr umarmen und feiern.

Der Albumtitel »Smogstar« ist rätselhaft: Wie sind Sie auf diesen Kunstbegriff gekommen?

Löw: Wir haben diesmal extrem lange nach einem Titel gesucht. Ich wollte unbedingt etwas Alleinstehendes, etwas, das nicht direkt im Album vorkommt und das ein Gefühl vermittelt – und zwar dieses Urbane. In der Stadt kann man so vieles gleichzeitig sein: Man ist überfordert, aber auch frei. Und dann siehst du manchmal in dem, wo du herkommst, wieder auch Positives.

Das Motiv der Stadt taucht mehrfach auf. Auch das von Ihnen gestaltete Albumcover zeigt eine urbane Hochhauslandschaft. Stand Ihnen dabei ein besonderer Ort vor Augen?

Löw: Nein, es gab da keine konkrete Stadt in meiner Vorstellung. Aber ich fand das voll spannend als Bild, auch wieder in Verbindung mit der Identitätsfrage: dass man sich in der Anonymität der Stadt ausprobieren kann. Gerade wenn man neu in eine Stadt kommt und noch nicht so viele Leute kennt, kann man sich komplett neu erfinden und sich aber vielleicht auch darin verlieren, wenn man keinen Halt hat.

Für viele österreichische Bands ist Deutschland der nächste Schritt, nachdem sie sich in der heimischen Szene etabliert haben. Wie war das bei Ihnen?

Löw: Das war von Anfang an so. In Deutschland haben sich die Leute auch erst viel mehr für uns interessiert. Auch das Medienecho war dort zunächst größer.

Blindhofer: Ja, wir haben damals sogar wesentlich mehr Konzerte in Deutschland gespielt als hier. Gleichzeitig halte ich es für extrem wichtig, dass man auch in der Stadt, aus der man kommt, regelmäßig spielt. Anfangs hat man immer das Gefühl, man darf das nicht zu sehr ausreizen. Um nicht die zigtausendste Band zu sein, die jeden Freitag im »Chelsea« oder im »B72« auftritt. Aber eigentlich ist das das Schönste. Das sind deine Friends, das ist deine Family. Es ist so wichtig, dass man in der Szene, wo man selber auf Konzerte geht, präsent ist. Das gibt einem so viel zurück.

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Originally published bynd
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