Germany · nd · · 1d
Musik | Frau Lehmann: »Wir sind ja nicht The Grateful Dead«
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Disziplinierter Indie: Frau Lehmann proben bei Regen, Hitze und Kälte Foto: Facebook Irgendwann, so sagt man, ist immer das erste Mal. Dass ich hingegen irgendwann das erste Mal in Böhlitz-Ehrenberg landen würde, habe ich bis vor Kurzem nicht kommen sehen. Denn jenseits endloser Waldflächen und stillgelegter Industriekomplexe hat der Stadtteil am äußersten westlichen Rand von Leipzig nicht viel zu bieten. Dachte ich zumindest: Denn tatsächlich haben hier nicht wenige Bands der Stadt ihren Proberaum – so auch das Indie-Quartett Frau Lehmann, das Anfang des Jahres mit »Trost und Trotz« ein vielbeachtetes Debütalbum veröffentlicht hat. Und so steige ich an einem viel zu heißen Sommertag Anfang August aus meiner klimatisierten Bahn, umschiffe schweißgebadet eine großflächige Baustelle, verlaufe mich kurz inmitten der dahinter lauernden Werkshallen – und treffe schließlich Fiona Lehmann, Sängerin und Gitarristin der Band, die mich unten am Eingang eines großen Gebäudekomplexes empfängt. Neben Ateliers und Druckerwerkstätten befinden sich darin auch einige Proberäume. Wir laufen zusammen hoch, wo ihre Bandkollegen Philipp, Felix und Toni bereits auf uns warten.
Wie ist das bei euch: Zieht ihr die Probe bei 35 Grad diszipliniert durch – oder skippt ihr den Termin lieber und fahrt an den See?
Felix: Normalerweise sind wir schon diszipliniert und bleiben bei dem Termin. Wir haben ja auch alle noch viele andere Dinge zu tun und sind daher nicht besonders flexibel, um spontan einen neuen Termin zu finden.
Fiona: Zurzeit müssen wir aber auch eh kaum proben. Wir spielen gerade viel live, da ist die Bühne sozusagen der umfunktionierte Proberaum.
Philipp: Und ansonsten proben wir in der Regel vormittags, da sind die Temperaturen meist noch ein bisschen angenehmer.
Toni: Wir haben aber schon an sehr kalten Tagen geprobt.
Das Leipziger Quartett Frau Lehmann gibt es seit 2021. Bereits seit 2018 tritt Fiona Lehmann, die Sängerin, Texterin und Gitarristin der Band, mit ihren Songs auf. Die zweite Gitarre spielt Toni Günther, der bereits in anderen Bands (unter anderem Shandy Mandies, Mallorca) viel Erfahrung gesammelt hat und auch DJ und Sound Engineer ist. Am Bass ist Philipp Orlowski dabei. Der studierte Jazzschlagzeuger Felix Kothe macht das Quartett vollständig. Die EP »Vier Jahreszeiten«, die auch als Kassette erschienen ist, bringt Frau Lehmann 2022 einen kleinen Szene-Erfolg ein. Die Band spielt Konzerte als Support unter anderem für Rummelsnuff und Joachim Franz Büchner. Im Januar 2026 erschien das Debütalbum »Trost und Trotz« bei La Pochette Surprise Records.
Felix: Das ist ja oft so in Proberäumen: Wenn du eine Zentralheizung hast, ist das vom Sanierungsstand her schon Luxus. Der Raum, den Fiona und ich noch zusammen haben, hat tatsächlich eine.
Felix: Fiona und ich haben uns vor einiger Zeit einen Raum angemietet, weil ich einen Raum für mein Schlagzeug und ein anderes Bandprojekt brauchte.
Fiona: Für mich ist es eine Art Büro, das ich zum Schreiben nutze (neben ihrem Musikerin-Dasein ist Fiona auch als Schriftstellerin tätig; Anm. d. Verf.). Außerdem lagere ich in dem Raum meine Comicsammlung, für die zu Hause irgendwann kein Platz mehr war.
Philipp: Der dritte Raum ist mein Atelier. Da haben wir die ersten Jahre als Band geprobt. Aber irgendwann sind wir dann in diesen Raum umgezogen, in dem Toni zugleich sein Tonstudio hat. Für uns als Band ist es sehr komfortabel, Studio und Proberaum in einem zu haben, weil wir dann nicht ständig das Equipment hin- und herfahren müssen.
Bei drei Räumen für eine Band könnte man meinen, die Proberaumsituation in Leipzig ist sehr entspannt.
Toni: Der Eindruck täuscht. Wir sind dahingehend schon sehr privilegiert. Meinen Raum habe ich seit etwa vier Jahren, und Philipp hat sein Atelier schon sehr lange. Die Proberaumsituation in Leipzig ist in den letzten Jahren immer angespannter geworden. Wer heute sucht, hat es auf jeden Fall schwer.
Felix: Fiona und ich haben fast ein ganzes Jahr nach einem Raum gesucht, ehe wir einen gefunden haben. Und es ist auch nicht so, dass wir krasse Ansprüche hätten. Wichtig ist uns eigentlich nur, dass es trocken, warm und halbwegs sicher ist.
Fiona: Wir sind auf der Suche auf ziemlich dubiose Räume gestoßen, teils echte Rattenlöcher. Hinzu kommt, dass viele Mieter*innen ihre Räume nicht an Bands vermieten möchten – aus Lautstärkegründen.
Felix: Das ist der Punkt: Es gibt immer noch viele, teils auch ungenutzte Räume in der Stadt, vor allem am Stadtrand. Aber einige der Häuser müssten halt erst saniert werden, und dafür wird wiederum kein Geld in die Hand genommen. Kultur hat nur selten eine Lobby.
Felix: In der Regel montagvormittags. Da sind wir alle noch ein bisschen konzentrierter. Ich mag es auch, mit einem Kaffee in der Hand morgens rauszufahren und erst mal eine Runde Musik zu machen. Einen schöneren Wochenstart kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.
Toni: Während der Albumproduktion haben wir auch unsere Demos immer montags aufgenommen. Wir haben sie dann liebevoll unsere »Montagsdemos« genannt.
Gibt es feste Rituale, wenn eine Probe beginnt oder endet?
Fiona: Vor, während und nach der Probe rauchen. Leider.
Felix: Wir reden generell sehr viel bei den Proben. Wir sind ja alle auch untereinander gut befreundet. Da wir uns aber wiederum nur selten fernab des Bandkontexts sehen, müssen wir uns immer erst mal ein bisschen updaten und erzählen, was die letzte Woche passiert ist.
Philipp: Zwischendurch machen wir aber auch ein bisschen Musik.
Neigt ihr dann eher zu konzentriertem Arbeiten oder endlosen Jams?
Felix: Wir arbeiten schon eher konzentriert am Material.
Toni: Meistens ist es so, dass Fiona eine Grundstruktur für einen Song mitbringt. Im gemeinsamen Erarbeiten des Songs ergibt es sich dann schon manchmal, dass wir ein bisschen ins Jammen kommen, um auszuprobieren, welche Licks und Beats gut zusammen funktionieren und welche nicht. Aber ins Blaue hinein zu jammen, ist nicht so unser Ding. Wir sind ja nicht The Grateful Dead.
Toni: Gleichzeitig passieren beim Jammen manchmal Dinge, auf die man sonst nicht kommen würde. Ich habe beim ersten Album im Grunde genommen immer den gleichen Gitarrenpart gespielt. Eine Zeit lang hatte ich große Angst, dass das irgendwann mal rauskommen würde.
Felix: Da habe ich Glück, denn niemand würde je fragen: Warum spielt der Schlagzeuger die ganze Zeit den gleichen Beat? Das wird von einem Indie-Drummer halt so erwartet.
Kaffee, Club-Mate oder Bier: Was trinkt ihr bei der Probe?
Felix: Kaffee wäre toll, aber wir haben leider keine Kaffeemaschine hier. Ansonsten probiere ich gern jede neue perverse Limo aus, die gerade auf den Markt gekommen ist. Je giftiger die Farbe anmutet, desto größer mein Interesse.
Seit euer Debütalbum Anfang des Jahres erschienen ist, ist bei euch ganz schön viel passiert: Unter anderem wart ihr »Album der Woche« im »Spiegel« und Vorband von Tocotronic. Im Herbst folgt die erste eigene Tournee. Wie habt ihr die letzten Monate erlebt?
Fiona: Ich fand es mega aufregend. Das große, auch mediale Interesse kam für uns alle etwas unerwartet. Wir machen ja auch schon etwas länger Musik – nicht nur mit Frau Lehmann, sondern auch in anderen Bands – und da hat man sich schon ein bisschen daran gewöhnt, unterhalb des Radars zu laufen. Und plötzlich bekamen wir teils mehrmals am Tag neue Links mit Besprechungen zugeschickt. Meine Mutter hat sogar extra einen Google Alert für Frau Lehmann eingerichtet, damit sie nichts mehr verpasst.
Trotzdem geht ihr alle noch einer Lohnarbeit nach. Wie viel Zeit bleibt neben Konzerten, Promo und Förderanträgen zurzeit dafür, neue Songs zu schreiben?
Fiona: Eigentlich gar keine. Mein Glück ist, dass Songschreiben kein festes to-do ist, sondern eher etwas, was oft zwischen Tür und Angel passiert. Häufig kommen mir Ideen, während ich eigentlich was ganz anderes mache. Trotzdem würde ich mir natürlich wünschen, dass ich mehr Zeit für die Musik hätte. Ich habe kürzlich einen Förderantrag für ein Stipendium bei der sächsischen Kulturstiftung gestellt. Wenn der durchgeht, könnte ich mich sechs Monate nur dem Musikmachen widmen. Dann wären noch mal ganz andere Dinge möglich.
Philipp: Jammen wäre dann die neue Lohnarbeit.
Die »nd.Genossenschaft« gehört den Menschen, die sie ermöglichen: unseren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die mit ihrem Beitrag linken Journalismus für alle sichern: ohne Gewinnmaximierung, Medienkonzern oder Tech-Milliardär.
→ unabhängig und kritisch berichten → Themen sichtbar machen, die sonst untergehen → Stimmen Gehör verschaffen, die oft überhört werden → Desinformation Fakten entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und vertiefen
Jetzt »Freiwillig zahlen« und die Finanzierung unserer solidarischen Zeitung unterstützen. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source →
Source: nd