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»Müttertage« | Wladimir Kaminer: »Ich habe gefragt, ob Putin ein Vollidiot ist«

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Symbolbild · Wikitarisch / CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Herr Kaminer, was ist das Besondere daran, über die eigene Mutter zu schreiben?

Ich habe schon immer mit großer Lust über meine Familienangehörigen geschrieben. Über Kinder, die immer erwachsener werden, und Eltern, die immer kindischer werden. Jetzt sind wir gerade in einer sehr interessanten Phase, denn die Familie ist größer geworden. Die Kinder haben Lebenspartner, diese Lebenspartner haben ihre eigenen Eltern und vor allem Mütter. Diese Menschen waren, glaube ich, noch nie mit einem Schriftsteller verwandt. Das sorgt für viele heitere Stunden.

Und mittendrin Ihre Mutter. Welche Rolle spielt diese »Alltagsheldin« im Familiengefüge?

Ich habe mich schon immer über die Bereitschaft betagter Menschen gewundert, sich aktiv in das Weltgeschehen einzubringen. Und jetzt erlebe ich das in der eigenen Familie. Meine Mutter wird 95, sie geht kaum noch aus dem Haus, pendelt zwischen Fernseher und Computer, ist voll in die Weltnachrichten integriert und liefert ständig Lösungen für den Nahostkonflikt, den Krieg in der Ukraine oder den deutschen Wahlkampf. Das finde ich herausragend.

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren und erhielt 1990 Asyl in der DDR. Seither lebt er in Berlin, wo er als Schriftsteller arbeitet. Sein Kultbuch »Russendisko« verkaufte sich millionenfach. Mit seinem neuesten Erzählband »Müttertage« ist er derzeit auf Lesereise. Kaminer ist mit zahlreichen weiteren Prominenten Unterstützer der Kampagne »Elif Eralp wählen!«, die sich bei der Abgeordnetenhauswahl für die Berliner Linkspartei und ihre Spitzenkandidatin einsetzt.

Ihr Buch beginnt ja mit einer möglichen Lösung für den Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Mama wollte, dass alle alleinstehenden Männer unter 30 eine Katze aus dem Tierheim nehmen, damit sie ein Gefühl der Verantwortung für ein anderes Lebewesen entwickeln. Das ist sicher nicht leicht durchzusetzen, aber im Kern ist die Idee nicht falsch. Es gibt ja viele Wege, die zum Frieden führen können. Vielleicht ist das ja der kürzeste.

Sie schreiben, Ihre Mutter habe »Nebel im Kopf«. Wie hat das Ihr Familienleben verändert?

Wenn wir fertig gesprochen haben, gehe ich zu Mama mit einem Schachbrett. Ich möchte mal schauen, wie gut sie noch spielen kann. Nebel im Kopf hat nicht nur meine Mutter. Das ist heute eine sehr verbreitete Erscheinung, vor allem in den sozialen Medien. Allein schon dadurch, dass Menschen tagtäglich mit tonnenweise Nachrichten konfrontiert werden, die sie alle persönlich ansprechen. Noch nie haben Menschen so viel gewusst, und noch nie konnten sie so wenig tun wie heute. Das ist ein Zustand, der nicht gesund ist. Die Menschen neigen dazu, ein Gefühl der Verantwortung für alles zu entwickeln, was sie wissen. Aber was sollen sie tun, wenn sie von einem Erdbeben auf der anderen Seite des Planeten hören oder von Kriegen, die Tausende Kilometer entfernt geführt werden? Das ist ein Drama. Wobei ich immer wieder dazu neige, mich über diese Dramen lustig zu machen.

Sie bezeichnen Ihre Mutter als eine vernünftige Optimistin, die jeder schlechten Nachricht noch etwas Gutes abgewinnen kann. War sie schon immer so, oder hat sie sich diesen Optimismus im Laufe der Jahre erkämpft?

Das ist ein besonderer Mutter-Optimismus. Viele glauben ja, dass früher alles besser war und jetzt alles schlechter und immer schlimmer wird. Meine Mutter ist der Meinung, es war schon immer alles schlecht. Das ist viel realitätsnäher. Ich habe mir Mühe gegeben, dass es in dem Buch nicht nur um meine Mutter geht. Mein Anliegen ist es, die geheime Weltregierung zu zeigen: die Mütter, die im Hintergrund das Weltgeschehen schaukeln und dafür sorgen, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Die ganze Welt weiß jetzt, wozu Russland fähig ist und wozu nicht.

Was erfahren Sie in Gesprächen mit der Pflegerin Ihrer Mutter über die Ukraine, was in den offiziellen Nachrichten nicht vorkommt?

Unsere ukrainische Pflegekraft ist eigentlich ständig an der Front. Sie hat einen direkten Kontakt zu ihrer Stadt, die täglich bombardiert wird. Ihre Nachbarn schreiben ihr und schicken ihr Fotos. Sie schaut immer, wie weit von ihrer Wohnung entfernt die Bomben einschlagen. Sie ist durch den Krieg schwer geschädigt, obwohl sie ja so weit weg von zu Hause ist. Es ist meine Aufgabe, sie zu beruhigen und ihr zu sagen: Bald ist der Krieg zu Ende, es wird alles gut. Mit ihren Freundinnen, die eine ähnliche Lebensgeschichte haben, hat sie auch viele Fragen zu Deutschland. Ich bin ja auch ein Deutschlandaufklärer.

Erstaunliche Dinge, auf die ich selbst niemals kommen würde. Es beginnt immer mit einer Verkostung. Die Pflegerin kocht unglaublich gut, und aus ihrer Sicht haben deutsche Lebensmittel keinen Geschmack – mit Ausnahme des Brotes. »Die Deutschen können keine Buletten«, sagt sie. Sie machten Fleischkugeln, trocken und zäh. Ukrainer machten das richtig: mit Sahne, frischem Brot und pürierten Zwiebeln. Für meinen Geschmack ist in dieser Küche immer ein bisschen zu viel Knoblauch. Aber ich habe mich schon daran gewöhnt. Bei solchen Gesprächen denke ich immer: Das muss literarisch verarbeitet werden. Allein schon die Telefonate, die meine Mutter mit ihrer Schwester in Moskau führt.

Die Schwester ist 86, also neun Jahre jünger, und eigentlich taub. Meine Mutter wiederum vergisst sehr schnell, was sie gerade gesagt hat. Wenn sie miteinander telefonieren, sind das lustige Gespräche: Die eine kann nicht hören und die andere vergisst sofort, was gerade gesagt wurde. Sehr interessant. Aber sie reden über die Welt.

Der Tod ist bei diesen Gesprächen offenbar kein Thema. Wie erklären Sie sich dieses beharrliche Schweigen über etwas, das im Alter doch eigentlich immer näher rückt?

Dass sie diese Problematik nicht interessiert, hat mich auch immer gewundert. Wahrscheinlich ist das die Weisheit der Älteren: dass sie sich bereits als einen unabdingbaren Teil des Universums sehen und wissen, dass sie nicht verschwinden, sondern in einer anderen Form weiter da sein werden.

Funktioniert die Telekommunikation mit Russland eigentlich noch reibungslos?

Das Internet funktioniert dort sehr schlecht. Wenn überhaupt, kann meine Mutter vielleicht einmal im Monat mit ihrer Schwester in Kontakt treten. In Deutschland sind alle ihre Freunde entweder gestorben oder nicht mehr ansprechbar. Deswegen hat sie so wenig Kommunikation mit lebenden Personen. Das sind die Enkelkinder, ich, die ukrainische Pflegekraft. Und damit Mama auch ab und zu mal eine Whatsapp-Nachricht bekommt, schicke ich ihr regelmäßig Bilder von meinen Lesereisen.

Sie schreiben, Ihre Mutter glaube weder an die Sterne noch an den Kommunismus. In Russland aber boomen Wahrsager und Sternzeichendeuter. Wissen die Wahrsager dort inzwischen mehr über die Zukunft des Krieges in der Ukraine als die Nachrichten?

Die Wahrsagerei erlebt gerade einen Boom in Russland. Die frustrierten Menschen regen sich über Dinge auf, die sie früher kaltgelassen hätten, weil sie keine Möglichkeit haben, auf die Politik ihres Landes einzuwirken. Es gibt in Russland keine unabhängige Institution, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die sich sofortigen Frieden – egal zu welchen Bedingungen – wünscht, umsetzen kann. Deswegen gehen die Leute zu Wahrsagern. Auch der Gebrauch von Antidepressiva ist enorm gestiegen, gleichzeitig mit dem Alkoholkonsum. Das zeigen jedenfalls die Statistiken.

Die Geschichte »Nebel im Kopf« dreht sich um die gegenwärtigen Kriege und um Staatsflaggen – die ukrainische, die israelische, die deutsche.

Ja, wir haben diese ukrainische Flagge. Man sieht: Die fünf Jahre Krieg haben dieser Fahne richtig zugesetzt. Sie sieht gar nicht mehr aus wie eine Fahne. Ich werde sie aber auf dem Balkon so lange behalten, bis endlich Frieden herrscht. Und ich hoffe, das wird nicht mehr lange dauern, weil sie schon ziemlich zerfetzt ist.

Was glauben Sie: Wer kann Putin überhaupt noch bremsen?

Eine konkrete Person, die ihn bremsen kann, gibt es nicht. Sein Problem ist sein bürokratischer Apparat, also die Regierung. Die 500.000 Beamten, die dafür sorgen, dass das Land funktioniert, sind für diesen Krieg nicht geschult. Das System, das Putin aufgebaut hat, kann momentan seine Sicherheit gewährleisten – mit den vielen Sicherheitsdiensten, Bodyguards und so weiter. Aber es kann sich nicht neu erfinden und einen fünf Jahre alten Krieg noch einmal eskalieren lassen.

Putin hat keine Karten mehr in der Hand. Dieser Krieg ist ja auch eine Offenlegung eines Staates. Mehr als das, was wir jetzt sehen, kann dieses Militär nicht leisten. Europa schaut ganz genau auf das Schlachtfeld und auf die Möglichkeiten der Russen, Waffen zu produzieren. Es hat inzwischen viele Antworten auf Fragen, die früher unbeantwortbar waren. Die ganze Welt weiß jetzt, wozu Russland fähig ist und wozu nicht.

Könnte Putin nicht eine Generalmobilmachung veranlassen?

Wenn man diese Männer abzieht, wird die ganze Wirtschaft zum Erliegen kommen, denn alle sind gut beschäftigt. Es gibt eine riesige Innenarmee, die für die Sicherheit sorgt und dafür, dass die Menschen ihren Unmut nicht zeigen und nicht auf die Straße gehen. Diese Millionen Leute müssen auch gut bezahlt werden. Die Innenarmee ist größer als die Armee, die in der Ukraine kämpft. Es gibt außerdem eine Armee von Menschen, die in der Waffen- und Drohnenproduktion beschäftigt ist. Alle sind also voll ausgelastet. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Russland, wie jedes andere europäische Land, ein Land der älteren Frauen ist. Die Demografie zeigt, dass es dort wenig Männer im wehrpflichtigen Alter gibt. Ein typischer Bewohner Russlands ist eine Frau über 50, alleinerziehend oder alleinstehend. Mit solchen Bevölkerungsgruppen kann man keine Generalmobilisierung durchführen.

Man soll Berlin nicht als »Wirtschaftsstandort« betrachten.

Ist in Russland ein Aufstand der Mütter und Großmütter denkbar?

Die sagen ja schon, dass es genug ist. Das Internet ist voll von hysterischen Müttern, die ihre Kinder verloren haben. Aber sie können sagen, was sie wollen: Solange es keine unabhängigen Institutionen gibt, die diesen Unmut in politisches Handeln ummünzen können, sind diese Aussagen nur heiße Luft.

In Russland gibt es als Pendant zu Alexa die KI-Assistentin Alissa. Wenn man ihr kritische Fragen zu Putins Krieg stellt – bekommt man dann eine realistische Antwort?

Wir können es ja ausprobieren. Ich schaue oft russische Nachrichten, die nur über einen russischen Browser zu sehen sind. Was wollen wir fragen? Ob Putin ein Idiot ist? Was würde Alissa dazu sagen? Das wäre doch mal interessant. Eine Sekunde … Oh Gott! Ich bin selbst überrascht, muss ich ehrlich sagen. Ich habe gerade gefragt, ob Putin ein Vollidiot ist. Alissa antwortet: »Es gibt verschiedene Meinungen über Putins Taten und Politik. Viele seiner Taten scheinen unlogisch und unpragmatisch zu sein«. Ich glaube, die einzige Möglichkeit für die russische Führung, da herauszukommen, wäre eine Sitzung des Sicherheitsrates mit der Ersetzung des Präsidenten. Ich denke, so wird es auch kommen. Selbst unbeteiligte, gar nicht so feindlich gesinnte Staaten wie China oder Indien schauen mit Kopfschütteln auf die russische Führung und denken: Wie blöd kann man eigentlich sein, um so konsequent das eigene Land kaputtzumachen – wegen ausgedachter Ängste, die keinen realen Bestand haben.

In Berlin wird am 20. September gewählt. Was müsste eine neue Berliner Landesregierung tun, damit Menschen wieder das Gefühl bekommen: Die Politik kümmert sich tatsächlich um meine Belange?

Die Politik könnte die Berliner*innen für sich entdecken. Hier leben viele unterschiedliche Menschen, manche von ihnen wollen schlafen, während die anderen tanzen wollen. Man soll Berlin nicht als »Wirtschaftsstandort« oder »Investitionsfläche« betrachten, sondern als einen Ort, wo jeder auf seine Kosten kommt, von Menschen für Menschen gemacht.

Berlin war immer auch eine Stadt der Kunst, der Musik und der Subkultur. Was darf eine neue Landesregierung Ihrer Meinung nach auf keinen Fall kaputt sparen?

Das Clubleben hat Berlin international bekannt gemacht. Die Landesregierung soll die Jugend unterstützen, dies ist eine langfristig bessere Investition als Olympia.

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Source: nd