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Mode | Diktatur der Mode

In ihrem Buch »Darunter nackt« präsentiert Modeprofessorin Diana Weis die Sozialgeschichte unserer Kleidungsstücke.

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Ein Text über Mode, der ohne das schimmelige Lagerfeld-Zitat mit der Jogginghose auskommt, versprochen! (Hier zu sehen: die neue Kollektion »Ready to wear« von Vivienne Westwood) Foto: IMAGO/Bestimage Unsere schöne neue Modewelt bezeugt den Sieg Europas: Egal wohin man fährt auf der Welt, überall laufen die Menschen in denselben Sachen rum, nämlich in Jeans, T-Shirts und Flip-Flops und so weiter. Besonders auffallend wird es dann, wie Modeprofessorin Diana Weis betont, wenn man nach Los Angeles fährt. Denn dort, wo Reiche und Arme auf amerikatypische Weise eng nebeneinander (und sozial doch meilenweit voneinander getrennt) zusammenleben, tragen beide Gruppen dieselbe Streetwear-Uniform aus Basecaps, Hoodies und Sneakers. Zu sozialen Differenzmerkmalen werden folglich körperliche Klassenmarker: blendend weiße Zähne, reine Haut, seidiges Haar.

Dass die wirklich Reichen, auf die das ganze verlogene Geschäftsmodell der Luxusmodemarken angewiesen ist, ihr Geld inzwischen lieber für kostspielige Gesichtsbehandlungen als überteuerte Kleidungsstücke ausgeben, ist eine der vielen Einsichten, die man dem wunderbar betitelten Modebuch »Darunter nackt« von Weis entnehmen kann. Getreu dem Untertitel »Aufstieg, Dekadenz und Ende der Mode, wie wir sie kennen« unternimmt sie einen in der frühen Neuzeit beginnenden Gewaltmarsch durch die Geschichte der Mode bis in die Jetztzeit des 21. Jahrhunderts.

Vor allem aber geht es Weis darum zu demonstrieren, dass Mode nie bloße Oberfläche ist.

Obgleich ihre kritische Darstellung auf solider akademischer Basis ruht, nehmen die Endnoten samt Bibliografie doch ganze 50 Seiten ein, liest sich das hervorragend geschriebene »Darunter nackt« nie verkopft oder prätentiös. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Weis ihren Beobachtungszeitraum in schlaglichtartige Fallstudien strukturiert. Sie richtet ihr Augenmerk dabei auf Mode für Damen wie Herren und beleuchtet ebenso assoziierte Bereiche wie Kosmetik oder mediale Körperbilder. Vor allem aber geht es Weis darum zu demonstrieren, dass Mode nie bloße Oberfläche ist, sondern stets bis in unser Innerstes dringt, selbst wenn uns Modetrends egal sind.

Ihr Buch demonstriert an einer Unzahl von Beispielen, wie sich Mode gleich einem Parasiten an unsere Körper heranmacht, um sich so ausbreiten zu können durch alle Bereiche der Gesellschaft. »Kein Bereich des modernen Lebens ist frei von ihr. Denn die Mode lebt nicht nur von und an den Körpern der Menschen, sie beherrscht auch ihr Denken«, so Weis. Indem sie so kenntnisreich und fundiert das beständige Zirkulieren der Mode durch die Jahrhunderte nachzeichnet, gerät »Darunter nackt« zugleich zu einer politischen Sozialgeschichte, zeigen sich doch bei genauem Blick in Stoffen und Schnitten die großen Konflikte der Geschichte: Nicht nur um sexuelles Begehren, psychologisches Selbstwertgefühl oder den Wunsch nach Individualität dreht sich Mode, sondern vor allem um Macht und Herrschaft, Gewalt und Glanz.

Weis zeigt, wie Mode früh schon vom sozialen Aufstieg privilegierter Klassen und globaler Ausbeutung kolonisierter Arbeitskräfte geprägt war, woran sich bislang strukturell nichts verändert hat. Sie erklärt, wie Mode eine Geschichte sozialer Ordnung installiert, um so die Körper zu formen und Wünsche erst zu erzeugen. Dabei wird begreifbar, wie sich Herrschaft in Stoffe, Silhouetten und Bilder einschreibt. Und wie das, was ursprünglich Abgrenzung, Freiheit und Selbsterfindung sein sollte, sich als Maschine der sozialen Machtausübung und kapitalistischer Kommodifizierung entpuppt. Nicht einmal der Protest entkommt der Mode, wie Weis nicht allein am Beispiel des Punk, sondern auch anhand des jungen Henry VIII. zeigt, der sich als Prinz im rebellischen Look der Landsknechtmode kleidete.

Dergleichen überraschende Verbindungen finden sich zuhauf in »Darunter nackt«. So zeigt Weis, was die Gen Z mit dem Barock gemeinsam hat, und erzählt nachgerade unglaubliche Geschichten darüber, wann Frauen sich erstmals ihre Haare kurzschnitten oder mit Zigarette in der Öffentlichkeit zeigten. Faszinierend desgleichen, was sie über das Nervengift Botox zu sagen hat. Und so weiter.

»Darunter nackt« ist eine Schatztruhe an verblüffenden Anekdoten und tiefen Einsichten in das gegenwärtig im Zustand des Verfalls befindliche Phänomen Mode. Ein augenöffnendes Buch zu unserer Welt aus schnellem Verschleiß und hohler Verheißung, aus immer schneller auf den Konsummarkt geworfener Fast Fashion und sinnentleerten Luxusmarken.

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