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Mietenwahnsinn | Habersaathstraße: Dauerlauf gegen Entmietung in Berlins Mitte
Räumungen, zerstörte Wohnungen, kein Wasser: Die letzten Bewohner der Habersaathstraße 40–48 hoffen auf das Landgericht und die neue Bezirkspolitik.
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Rabiate Entmietung: Der Kampf um die Habersaathstraße 40–48 wird seit Jahren geführt. Foto: nd/David Rojas Kienzle »Man muss sich arrangieren«, sagt Daniel Diekmann zu seiner Wohnsituation. Im Gespräch mit »nd« sitzt er auf einem Stuhl im Treppenhaus der Habersaathstraße 48 im Hochparterre. Dort, wo eigentlich vier Wohnungstüren sein müssten, sind riesige Sperrholzplatten in der Wand verschraubt, aus den Fugen quillt Bauschaum. »Die Platten sind fast schon eine Verbesserung«, kommentiert Diekmann ironisch. Vorher habe man ja nie wissen können, ob hinter den aufgebrochenen Türen nicht jemand lauere.
Diekmann hat noch eine Wohnung. Damit ist er einer der letzten verbliebenen Mieter im ehemaligen Schwesternwohnheim der Charité im Bezirk Mitte. Seit August 2023 gibt es kein Warmwasser mehr im Haus. Im November 2025 wurde die Fernwärmeversorgung abgestellt, nachdem der Vermieter den Vertrag nicht verlängert hatte. Und seit dem 22. Januar 2026 hat Diekmann kein fließendes Wasser mehr in seiner Wohnung. Damals stürmte eine Gruppe Vermummter das Haus und zerschlug in leer stehenden Wohnungen Armaturen, Toiletten, Waschbecken und Badewannen. Wasser lief durch das ganze Haus. Danach ließ der Eigentümer die Türen zu den dann unbewohnbaren Wohnungen mit den Sperrholzplatten verrammeln. Seither versorgt sich Diekmann mit kaltem Wasser aus Kanistern, die er in seine Wohnung trägt. Nachdem die Heizung abgestellt worden war, bot der Vermieter Ölradiatoren als Ersatz an. Aber die will Diekmann nicht, wegen der hohen Stromkosten.
Zuletzt machte die Räumung des Aufgangs Nummer 44 Schlagzeilen. Am 13. Oktober 2026 wurde das Haus unter Begleitung eines großen Polizeiaufgebots geräumt und Wohnungen wie zuvor im Aufgang 48 mit Spanplatten zugesperrt. Eine Bewohnerin, gegen die kein Räumungstitel vorlag, wurde dabei über Stunden eingesperrt und musste am Ende von der Feuerwehr mit einer Drehleiter befreit werden. Schritt für Schritt wird das Gebäude so unbewohnbar gemacht.
Die im Aufgang der Hausnummer 48 verrammelten und zerstörten Wohnungen wurden schon ein Jahr zuvor, im Oktober 2025 geräumt. Zuvor wohnten zahlreiche ehemalige Obdachlose im Gebäudekomplex. Sie hatten Ende 2021 Wohnungen besetzt, die schon damals lange leer standen. Nach einem Deal zwischen Eigentümer und Bezirk konnten die Besetzer*innen lange bleiben.
Früher wurde das 1984 gebaute Gebäude mit mehreren Aufgängen und mehr als 100 Wohnungen wegen seiner bunten Fassade Papageienplatte genannt. Heute ist die Fassade weiß, mit Ausnahme einzelner Flächen in Pink und Grün. Manche Fenster sind wie die Türen von innen mit Platten verschraubt. Im dritten Stock sind die Scheiben aus den Fenstern geschlagen und mit Plastikfolie verhängt.
Der katastrophale Zustand des Gebäudes ist Folge der heftigen Auseinandersetzungen um den Wohnblock. Unter der Ägide des berühmt-berüchtigten SPD-Finanzsenators Thilo Sarrazin wurde das damals landeseigene Gebäude 2006 für rund 2,2 Millionen Euro privatisiert und danach energetisch saniert. 2017 kaufte die Arcadia Estates Habersaathstraße 40–48 GmbH das Gebäude für rund den zehnfachen Preis. Der neue Eigentümer will das Gebäude abreißen und an seiner Stelle neu bauen. Doch dafür müssen die Mieter ausziehen, denn solange es gültige Mietverträge gibt, kann nicht abgerissen werden.
»Es gibt kein Recht auf Spekulation, es gibt kein Recht auf maximale Rendite.«
Ab 2018 bekamen Mieter*innen sogenannte Verwertungskündigungen. Diese sind nur rechtens, wenn dem Eigentümer durch die Fortsetzung des Mietverhältnisses »erhebliche wirtschaftliche Nachteile« entstehen. Aber nicht alle Mieter*innen haben ihre Wohnungen verlassen. Vom Vermieter angestrengte Klagen scheiterten vor der Justiz. Der Ausspruch einer Richterin – »Eine Wohnung ist kein Aktienpaket« – in einer Verhandlung 2023 ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden.
»Wir haben seit 2018 alle Prozesse vor dem Amtsgericht gewonnen«, sagt Diekmann. Am 15. Dezember geht es in die nächste Runde. Dann werden vor dem Landgericht die Berufungsverhandlungen in einem Prozessmarathon abgehandelt. Für die letzten fünf noch bestehenden Mietverhältnisse sind kurze 30 Minuten pro Verhandlung angesetzt. »Wir sind seit drei Monaten dabei, die Prozesse vorzubereiten«, sagt Diekmann. Er ist sich sicher, dass die Urteile zugunsten der Mieter*innen Bestand haben werden. »Natürlich gehen wir davon aus, dass wir gewinnen.«
Die Klagen haben über die Einzelfälle Bedeutung für das Haus. Auf eine Einwohneranfrage von Diekmann teilte das Bezirksamt im September 2026 mit, dass die zuletzt im Dezember 2025 verlängerte Abrissgenehmigung widerrufen werde, sollte das Landgericht die bisherigen Urteile bestätigen. Dann wären die Pläne der Arcadia Estates hinfällig.
Damit würde der Bezirk eine lange bestehende Forderung erfüllen, die nicht nur von den Mieter*innen aufgestellt wird. Denn die Zustände im Haus und das Agieren des Vermieters bewegen viele in der Hauptstadt. Sowohl die Berliner Linke als auch der Berliner Mieterverein fordern vom Bezirk, einen Treuhänder einzusetzen, der das Haus anstelle des aktuellen Eigentümers verwaltet. Aber der Bezirk hält das nicht für möglich. Da die entsprechenden Voraussetzungen nicht vorlägen, bestünden dazu keine Überlegungen, teilte der Bezirk im September auf eine parlamentarische Anfrage mit.
Auch bei kleineren Schritten, wie der Wiederherstellung der Fernwärmeversorgung, sieht der Bezirk keinen Handlungsspielraum. »Nur im Fall der drohenden Unbewohnbarkeit einer Wohnung und der erfolglosen Aufforderung an den Vermieter, seinen Pflichten nachzukommen« sei die bezirkliche Wohnungsaufsicht befugt, die Bewohnbarkeit anstelle des Vermieters wiederherzustellen, heißt es in der Antwort. »Im Fall der Habersaathstraße hat der Vermieter der Wohnungsaufsicht bereits vor Eintreten des Endes der Fernwärmeversorgung glaubhaft versichert, über Ölradiatoren die Wärmeversorgung zu gewährleisten.«
»Dieses ganze Zögern und Zaudern, davon haben die Leute die Schnauze voll«, sagt Diekmann. Ihm ist es wichtig, die politische Dimension der Auseinandersetzung zu betonen. »Es ging hier nie nur um meine Wohnung, es ging hier immer ums große Ganze.« Der Kampf um die Habersaathstraße, der seit der Privatisierung 2006 geführt werde, stehe exemplarisch für ganz Berlin und den Ausverkauf der Stadt. »Das ist ein Kampf um günstigen Wohnraum. Es gibt kein Recht auf Spekulation, es gibt kein Recht auf maximale Rendite.«
Diekmann macht sich leise Hoffnungen auf einen Wechsel in der Zuständigkeit des Amtes des Baustadtrats und das Engagement der Linken, die nach den Wahlen im September die Mehrheit stellt. Ihm ist es wichtig, dass auch die neu in das Bezirksparlament gewählten Abgeordneten genau über den Kampf um die Habersaathstraße Bescheid wissen und das Problem kennen. »So ein Leuchtturmkampf wie hier muss dann erklärt werden«, sagt er. Er ist sich aber sicher: »Es wird hier keinen Abriss geben.«
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