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Mexikanischer Film »Moscas« im Kino | Merkwürdige Wege der Freundschaft
Das mexikanische Drama »Moscas« ist ein Film über die stillen Verlierer des Lebens, die man leicht übersieht
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Mittels des Spielautomaten beginnt eine ungewöhnliche Annäherung zwischen Olga (Teresita Sánchez) und Christian (Bastian Escobar). Foto: © Kinotitlán Es ist eine simple Geschichte, wie sie überall auf der Welt spielen könnte. Dass wir einen Vater und seinen neunjährigen Sohn ausgerechnet in Mexiko-Stadt antreffen, scheint reiner Zufall. Die Mutter liegt im Krankenhaus, sie hat Krebs, und der Vater kommt mit seinem Sohn, um ihr nahe zu sein. Es sind einfache Leute und Kranksein ist teuer, darum sucht der Vater ein billiges Quartier unweit des Krankenhauses. Ein Film über die stillen Verlierer des Lebens, die man leicht übersieht.
Gleich gegenüber in einem verschlissenen Wohnblock wohnt Olga, eine Frau Mitte 50, die, das sieht man gleich, mit dem Leben abgeschlossen hat. Die Enttäuschung hat sie hart und abweisend gemacht, von ihr braucht niemand mehr etwas zu erwarten. Aber auch sie braucht Geld, darum vermietet sie ein Zimmer für Angehörige von Patienten. So ist ein Zusammentreffen dieser Schattenexistenzen vorprogrammiert, mitten in Mexico City, einer Metropole, die gegen ihre Auflösung in bloße Slums ankämpft.
Die Eingangsszene dieses von Fernando Eimbcke konsequent in Schwarz-Weiß gedrehten Filmes hat ihm vermutlich zu seinem Titel verholfen: »Moscas« – »Fliegen«. Ein Synonym für überzähliges, nutzloses Dasein?
Eine solche Fliege, die besonders penetrant brummt, wird eines Morgens von Olga erbittert gejagt, als wäre dieses harmlose Insekt ihr Todfeind. Da geht einiges zu Bruch, und das Insektenspray, zu dem sie schließlich greift, nimmt ihr auch noch den Atem. Fliegen also, lästige Existenzen, fast schon Parasiten in den Augen der etablierten Gesellschaft, wie jene drei, von denen dieser Film erzählt?
Tulio und sein Sohn Christian, das wird sofort deutlich, haben ein inniges Vater-Sohn-Verhältnis. Lange Erklärungen zwischen ihnen braucht es nicht. Und so nimmt Tulio (Hugo Ramírez) Christian (Bastian Escobar) jeden Abend heimlich mit in sein bei Olga gemietetes Zimmer. Dort muss er sich still verhalten, ist eine Art blinder Passagier im Untermietsverhältnis. Das spart Geld.
Aber Olga (Teresita Sánchez) lebt zwar in großer und noch dazu schroffer Distanz zu ihrer Umwelt, aber sie beobachtet diese darum nicht weniger genau. Also kommt sie auch dem in der Preisberechnung unterschlagenen Kind auf die Spur, verlangt nicht nur Nachzahlung, sondern will die beiden sofort vor die Tür setzen, droht mit der Polizei. Solidarische Regungen kennt Olga offenbar nicht. Kein Wunder, verbringt sie doch ihre Tage vor dem Fernseher oder spielt am Computer.
Wie auch Christian, den der Vater fast schon an das Computerspiel »Cosmic Defenders« verloren hat. Alle Feinde möglichst schnell zu erledigen, das ist der Inhalt dieses nervigen Spiels, dessen Automatengeräusche wie Fanfaren des banalen Bösen klingen. Ist dies hier also ein Film über beginnende kindliche Spielsucht, das Eintauchen in eine künstliche Parallelwelt, aus der es kein Auftauchen mehr gibt?
Fernando Eimbcke hat einen überraschenden Regieeinfall, der »Moscas« schließlich auf die diesjährige Berlinale brachte.
Nein, im Gegenteil. Die Emotionen kommen unerwartet, aber darum umso stärker. Der Vater kann nicht länger die Miete für zwei und auch noch die Medikamente für die Mutter bezahlen, nimmt also kurzfristig für einige Tage einen Job an und lässt Christian allein bei der Wirtin zurück. Die will ihn nicht sehen, verbannt ihn in sein Zimmer. Aber er ist neun Jahre alt und darum nicht einfach still und schon gar nicht unsichtbar. Zudem entwickelt er eine verblüffende Hartnäckigkeit. Er will jetzt sofort seine Mutter im Krankenhaus besuchen, aber Kinder dürfen dort nicht hinein.
Doch Christian erweist sich als einfallsreicher Kämpfer – das hat er offenbar aus seinem Videospiel, in dem er es zur Meisterschaft gebracht hat. Immer wieder landet das wenige Geld, das er auftreibt, im Spielautomaten. Ein ausrechenbares tristes Schicksal? Nein, Fernando Eimbcke hat einen überraschenden Regieeinfall, der »Moscas« schließlich auf die diesjährige Berlinale brachte.
Denn auch Olga verbindet mit »Cosmic Defenders« mehr, als sie auszusprechen vermag – da begegnen sich nun zwei, die an eine moderne Märchenwelt glauben, sei sie so auch noch so reduziert und beschädigt. Er müsse beim Spielen, belehrt sie ihn, »in die Maschine eindringen«, »Geist und Finger« sollen eins werden, so Olga, die plötzlich zum Coach von Christian bei diesem Spiel wird. Das alles scheint aus sozialpädagogischer Perspektive höchst bedenklich, aber mittels des Spielautomaten als Vehikel beginnt nun eine ungewöhnliche Annäherung zwischen Olga und Christian.
So merkwürdig sind die Wege der Freundschaft – manchmal führen sie mitten durch einen Spielautomaten in einer heruntergekommenen Gegend in Mexico City. Und natürlich ist deren Hintergrund auch die todkranke Mutter, die Christian besuchen will, aber nicht darf. Darum schmieden Olga und Christian ein Komplott.
Wie alles zwischen ihren begonnen hat? Mit einem verdorbenen Sandwich, das Olga vermuten ließ, sie könnte Fieber haben. Aber das Thermometer ist kaputt. Also misst Christian der misanthropischen Vermieterin die Temperatur – so, wie es seine Mutter bei ihm immer getan hat: mit einem langen Kuss auf die Stirn. Der hat etwas Verwandelndes, Olga geradezu Erlösendes.
Ein sonderbarer, karger Film, in dem es sich unerwartet menschlich regt, und das, obwohl wir fast nichts über die Handelnden, ihre Vorgeschichte oder ihre Absichten erfahren. Nur dass in ihnen viel ungelebtes Leben verschüttet liegt, die Fantasie sie auf irre (Ab-)Wege führt, das wird in diesen 102 minimalistisch erzählten Minuten klar – und erlangt gerade so eine unerwartete Intensität.
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