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Medikamente | Kassen in der Kostenfalle
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Eine verdickte Herzscheidewand wie auf dieser Aufnahme kann ein Zwischenstadium zu einer Herzinsuffizienz sein. Foto: IMAGO/BSIP Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen steigen schneller als deren Einnahmen. So viel ist schon länger klar. Bisher wurden die stärksten Steigerungen bei den Medikamentenkosten vor allem jenen Präparaten zugeordnet, die sowohl innovativ sind als auch noch durch Patente geschützt. Und sie kommen am häufigsten bei Krebserkrankungen zum Einsatz. Im neuen Arzneimittelreport der Krankenkasse Barmer wird nun ein anderer Aspekt in den Fokus genommen, nämlich die Therapiekosten von sogenannten Volkskrankheiten. Vorgestellt wurde die Untersuchung am Mittwoch in Berlin.
Nun ist die Crux bei den Volkskrankheiten, dass es keine Definition dafür gibt. Konsens ist, dass diese Krankheiten in der Bevölkerung sehr weit verbreitet sind – und auch große gesundheitliche wie wirtschaftliche Auswirkungen haben. Dazu gezählt werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auch Krebserkrankungen, daneben Diabetes mellitus sowie psychische Erkrankungen und solche des Bewegungsapparates. Die Barmer hat nun für ihre Untersuchung die Herzinsuffizienz und Asthma bronchiale unter die Lupe genommen.
»Die Krankenkassen wollen fortschrittliche Therapien.«
Bei der Herzschwäche (oder Insuffizienz) werden in Deutschland im Schnitt 130.000 neue Fälle pro Jahr diagnostiziert. Etwa vier Millionen Menschen insgesamt leben mit einer solchen Diagnose. Das Risiko steigt im Alter stark an, es ist also rein demografisch damit zu rechnen, dass die Fälle noch eine Zeit lang zunehmen. Zu den häufigsten Ursachen zählen Bluthochdruck, die koronare Herzkrankheit, einschließlich Herzinfarkt sowie Herzklappenfehler und Herzmuskelentzündungen.
Die Barmer weist nun darauf hin, dass die Gesamtausgaben der Kasse für die medikamentöse Therapie der Herzinsuffizienz zwischen den Jahren 2014 und 2024 um 121 Prozent gestiegen sind – auf 441 Millionen Euro. Ein überproportionaler Anstieg ist hier bei den Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel zu verzeichnen – nämlich um 183 Prozent. Barmer-Vorstand Christoph Straub räumt allerdings ein, dass diese neuen, teuren Arzneimittel den Patienten auch etwas bringen. Die SGLT2-Inhibitoren etwa entlasten das Herz über die Nieren. Ihre Zulassung wurde 2020 für die chronische Herzinsuffizienz erweitert. Die Apothekenpreise liegen hier bei 2,36 bis 2,42 Euro pro Tablette. Jedoch besteht die Therapie in der Regel noch aus drei weiteren Wirkstoffen.
Was vermutlich aber auch der Barmer Sorgen macht, ist die Aussicht, dass die sogenannten Abnehmspritzen beziehungsweise deren Wirkstoffe (die absehbar auch als Tabletten erhältlich sein werden) ihre positiven Effekte auch bei einer bestimmten Herzschwäche in Kombination mit Übergewicht zeigen. Hier sind weitere Preiskämpfe zu erwarten. Auf jeden Fall könnten an diesem Punkt die Ausgaben noch einmal deutlich steigen.
Die Medikamente zur Behandlung von Herzinsuffizienz sollen aber – wie auch bei anderen Krankheiten – nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis allen Patienten zugutekommen. Darauf legt Straub großen Wert: »Die Krankenkassen wollen fortschrittliche Therapien.« Allerdings ist die Frage, wie sich der Widerspruch zwischen schneller wachsenden Therapiekosten gegenüber dem langsameren Einnahmenwachstum auflösen lässt.
Der Barmer-Vorstand sieht hier politischen Handlungsbedarf: Unter anderem müsste der Zusatznutzen, den Patienten mit einem neuen Präparat gegenüber älteren (in der Regel patentfreien) Mitteln haben, eine deutlich größere Rolle bei der Preisfestlegung spielen. Außerdem sei auch zu beachten, in welchem Maße ein Medikament zum Einsatz kommt. »Wenn die Fixkosten gedeckt sind, darf der Preis nicht weiter wachsen. Das gilt in vielen Bereichen auch in der Gesundheitsversorgung«, gibt Straub zu bedenken. »Warum nicht auch bei den Medikamenten?«
Auch Report-Autor Daniel Grandt wiederholt die allgemeine Forderung der gesetzlichen Kassen, dass Wirtschaftsförderung für die Pharmahersteller nicht durch überhöhte Erstattungspreise auf Kassenkosten erfolgen dürfe. Weitere Hebel sehen die Barmer-Vertreter bei möglichen Nachverhandlungen zu Medikamentenpreisen, wenn sich die Situation am Markt oder bei dem Nachweis des tatsächlichen Nutzens ändert. Zudem sollten die sehr teuren Präparate nur durch wirklich qualifizierte Einrichtungen und Ärzte eingesetzt werden.
Nicht zuletzt sollte Prävention eine viel größere Rolle spielen: Denn der Rückgang bei der Sterblichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht eben nur zur Hälfte auf innovative Arzneimittel zurück. Für die andere Hälfte ist die Reduzierung von Risikofaktoren verantwortlich. Die Barmer hat zu diesem Thema die Strategie »Mehr gesunde Jahre« entwickelt. Ein Fortschritt aus Kassensicht ist, dass die Krankenversicherungen jetzt auch von sich aus Versicherte gezielt über Möglichkeiten der Prävention informieren und ihnen Vorschläge machen können. Aber zu schultern sei das Thema nicht von den Kassen allein, betont Straub: »Auch Arbeitslosigkeit ist ein großes Gesundheitsrisiko.« Und fordert eine entsprechende Wirtschaftspolitik in diesem Zusammenhang.
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Source: nd