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Mecklenburg-Vorpommern | Landtagswahlen in MV: Die Wahl auszusterben
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In MV wächst der Anteil der Rentner stetig, ihnen stehen schon heute zu wenige Menschen im arbeitsfähigen Alter gegenüber. Die AfD würde den Trend mit ihren Plänen verschärfen. Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen Wenn am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern eine neue Landesregierung gewählt wird, dürfte die AfD stärkste Kraft werden. Ausgerechnet in ländlichen Gemeinden werden Zustimmungswerte von bis zu 70 Prozent für die Partei erwartet, deren Ziel die Zwangsausweisung Hunderttausender Menschen mit Migrationsgeschichte ist. Dabei müssten die Bewohner gerade hier eigentlich jeden mit Kusshand begrüßen, der in die vom Aussterben bedrohten Regionen zieht.
Große Sorgen lösen die Umfragewerte der extrem rechten Partei bei Menschen wie Lili aus. Um die dreifache Mutter zu schützen, haben wir ihren Namen geändert. Ihre Stimme klingt bedrückt, als sie über Sachsen-Anhalt spricht: 44 Prozent für die AfD bei der Landtagswahl am 6. September. Immerhin zwölf Prozentpunkte weniger, als die Partei bei der letzten Bundestagswahl in Friedland erzielte. In der Kleinstadt in MV ist Lili aufgewachsen.
1996 kam die 39-Jährige nach nach Mecklenburg-Vorpommern – als Flüchtlingskind mitten in den sogenannten Baseballschlägerjahren. »Bis ich 16 war, musste ich in einem Asylheim wohnen. Willkommen habe ich mich nie gefühlt.« Weil der Schulbus nicht bis zur Gemeinschaftsunterkunft fuhr, musste sie jeden Tag vier Kilometer laufen. »Fast immer wurde ich von demselben Nazi auf einem Fahrrad verfolgt. Manchmal hat er mich nur angespuckt, manchmal getreten.«
Auch in der Schule und in der Gemeinschaftsunterkunft sei Gewalt an der Tagesordnung gewesen, erzählt Lili: Schläge von Klassenkameraden, Nazis vor der Tür, aber auch in der Unterkunft. »Nachts sind wir nicht zur Toilette gegangen, sondern haben in einen Eimer gemacht«, erinnert sich Lili. Ihre Eltern hätten lange dafür kämpfen müssen, dass in dem Heim überhaupt separate Toiletten und Duschen für Frauen eingerichtet wurden. Auch danach blieb der Weg für Lili schwer: von der Ausbildung als Textilverkäuferin über Jobs als Putzkraft und Küchenhilfe bis zur Koordinatorin des Psychosozialen Zentrums Neubrandenburg. »Wir mussten immer kämpfen«, erzählt sie. Ein Kampf, um einfach ein normales Leben in Frieden führen zu dürfen.
Kämpfen, das tun auch die ländlichen Gemeinden in MV – gegen das Aussterben. Friedlands Bevölkerung ist seit 1990 um fast 40 Prozent geschrumpft, mehr als 30 Prozent der Einwohner sind heute schon Rentner. MV hat seit der Vereinigung gut 17 Prozent seiner Bevölkerung verloren – in ländlichen Gemeinden wie Friedland deutlich mehr als in Stadtnähe.
Der Mangel an jungen Menschen drückt schon heute viele Gemeinden an die Wand: Sinkende Einwohnerzahlen und die Überalterung bedeuten sinkende Steuereinnahmen für ohnehin klammen Kommunen. Immer mehr Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, der Lehrkräftemangel spitzt sich zu – und während immer mehr alte Menschen medizinische Versorgung brauchen, gibt es immer weniger Ärzt*innen und Pflegekräfte.
Alle Schätzungen gehen von einem weiteren erheblichen Bevölkerungsrückgang im Nordosten aus. »Bei der natürlichen Bevölkerungsentwicklung können wir relativ wenig machen«, sagt Peter Dehne dem »nd«. Seit den 1990er Jahren forscht der Regionalplaner an der Hochschule Neubrandenburg zur Entwicklung des ländlichen Raums. »Gerade Ostdeutschland trägt die Bürde der 90er und frühen 2000er Jahre mit sich herum«, so der emeritierte Professor.
Viele junge Menschen wanderten damals ab, die Geburtenrate brach stark ein. »Das prägt heute immer noch die demografische Entwicklung«, erklärt Dehne. Denn die Kinder, die in den 90er Jahren nicht geboren wurden, können heute keine Kinder bekommen. »Das werden wir bis in das Jahr 2070 weiter spüren.« Langfristig ließe sich diese natürliche Bevölkerungsentwicklung zwar beeinflussen, etwa durch bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Familien und insbesondere Frauen mit Kindern. Doch kurzfristig sei der Effekt gering. »Die wichtigste Stellschraube ist letztendlich die Zuwanderung nach Mecklenburg-Vorpommern.«
»Viele junge Menschen wanderten in den 1990er Jahren ab, die Geburtenrate brach stark ein. Das prägt heute immer noch die demografische Entwicklung.«
Das zeigt auch die jüngste Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts von 2025. Sie zeichnet je nach Wanderungssaldo – Zuzüge minus Abwanderung – verschiedene Szenarien: Ziehen jährlich 350.000 Menschen mehr nach Deutschland als auswandern, schrumpft MVs Bevölkerung bis 2070 »nur« um 17 Prozent. So viel wie seit der Vereinigung. Doch angesichts der aktuellen politischen Lage wirkt das kaum realistisch. Im vergangenen Jahr hätte es dafür mehr Einwanderung als 2015 gebraucht.
Sinkt der Wanderungssaldo auf 150.000 Personen jährlich, den westdeutschen Durchschnitt vor 1990, schrumpft die Bevölkerung in MV sogar um fast 30 Prozent. Ein Drittel der Menschen wäre 2070 Rentner. Wohlgemerkt: im Landesdurchschnitt. Ländliche Kommunen träfe der demografische Wandel um ein Vielfaches härter. Also jene, in denen die AfD besonders stark ist.
Schon bei der Bundestagswahl 2025 machte in den meisten ländlichen Gemeinden in MV jede zweite Person ihr Kreuz bei den »Blauen«. In ihrem »Regierungsprogramm« für MV fordert die Partei nun nicht nur eine harte Hand gegen Geflüchtete, sondern auch eine »Remigration von Syrern«. Sicher ist es legitim, wenn eine Dorfgemeinschaft beschließt, aussterben zu wollen. Menschen das Recht abzusprechen, hier in Frieden zu leben, ist es jedoch nicht. Unabhängig von der Frage, ob sie als Arbeitskräfte ausgebeutet werden können oder nicht.
Lili nutzte die erstbeste Gelegenheit, um vom Land in die Stadt zu ziehen. Heute lebt sie in Neubrandenburg, wo auch ihre drei Kinder geboren wurden. MV ganz zu verlassen und in eine Großstadt zu ziehen, kam für die Familie lange nicht infrage. Während Lili nach vielen Jahren einen Aufenthaltstitel erhielt, wurde das Asylgesuch ihres Mannes abgelehnt. »Auch nachdem unsere erste Tochter geboren war, drohte ihm die Ausländerbehörde mit Abschiebung.« Nach jahrelangem Kampf lebt die Familie heute in einer halbwegs sicheren Situation. Lili steht kurz vor der Einbürgerung. Doch was, wenn die AfD an die Macht kommt? »Ich weiß es nicht. Wir müssen wirklich schauen, was wir noch machen können, um in Deutschland zu leben.«
Hoffnung geben ihr ihre Kinder, ihre Kolleg*innen – »und der liebe Gott«. Eine nachdenkliche Stille breitet sich aus, bis Lili das Gespräch beendet: »Man darf nie die Hoffnung aufgeben.«
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Source: nd