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Mecklenburg-Vorpommern | »Die Faschos fühlen sich beflügelt«
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Der Wahlerfolg der AfD im Nordosten hat der extremen Rechten Selbstvertrauen verschafft. Foto: IMAGO/Karsten Thielker Die Frau beendet das Gespräch und dreht sich um. Dann senkt sie den Kopf, hält die Hände vor ihre Augen. Darunter kullert eine Träne ihre Wange hinab. Als Reporterin bin ich überfordert. Normalerweise gehe ich, wenn jemand nicht mit der Presse sprechen will, so wie diese Frau es deutlich klargemacht hat. Aber einen Menschen, der weint, lässt man nicht einfach stehen.
Nach kurzem Schluchzen spricht die Frau doch. »Mein Sohn ist mehrfach behindert«, sagt sie. Dann verstummt sie sofort wieder – ganz so, als ob mehr Erklärung nicht nötig sei. Ich hatte sie gefragt, wie sie das Ergebnis der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern findet.
Dort ist am Sonntag die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft geworden. Die Partei spricht sich klar gegen die Inklusion behinderter Menschen aus, will Unterstützung verringern und wertet Menschen mit Behinderungen in ihrer politischen Rhetorik ab. Das erinnert in Teilen an die entmenschlichende Politik der Nationalsozialisten, die behinderte Menschen systematisch vernichteten und tausendfach ermordeten.
Die Frau putzt sich die Nase, wischt die Tränen aus dem Gesicht und richtet sich auf. Sie arbeitet als Angestellte in einer Apotheke, die an der Hauptstraße eines winzigen Orts im Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I liegt. Es ist die braunste Gegend des gesamten Bundeslandes. Hier hat die AfD ganze 51,68 Prozent der Zweitstimmen geholt.
Weder ihr genauer Wohnort noch ihr Name werden in der Zeitung genannt, das verspreche ich der Frau. »Es ist eh schon so schwer in meinem Umfeld«, sagt die 37-Jährige. Eine Kundin betritt den Laden; sie senkt ihre Stimme. Der Vater ihres Partners sei glühender Anhänger »von denen«, sagt sie und meint die AfD. »Ich verstehe es einfach nicht«, seufzt die Frau. »Die Anhänger sehnen sich wohl nach Gemeinschaft, aber die haben wir doch.«
Streit gab es in ihrer Familie zum Beispiel über die Briefwahl. In rechten Kreisen war vor der Wahl die Behauptung verbreitet worden, dass die Wahl manipuliert werden würde. In einem 17-sekündigen Clip sollen beispielsweise angebliche Briefwahlunterlagen zu sehen sein, bei denen jedoch die AfD auf dem Stimmzettel fehlte. Dazu ist eine Stimme zu hören, die sagt: »Na Lars, ich habe dir doch gesagt, dass bei mir auf dem Stimmzettel die AfD fehlt.« Doch diese Videos waren fake.
Auch der Schwiegervater der Apothekerin ist offenbar darauf hereingefallen. »Er hat uns dann angemacht, dass wir blöd wären, weil wir Briefwahl machen«, erzählt sie. »Da hat mein Mann ihm aber Paroli geboten, das fand ich gut.« Sie und ihr Mann wählten immer per Briefwahl, denn man wisse ja nie, ob sie mal an einem Sonntag mit ihrem Sohn ins Krankenhaus müsse. »Er hat auch noch Epilepsie«, erklärt sie.
Im Wahlkreis der Apothekenmitarbeiterin hat Enrico Schult das Direktmandat für die AfD gewonnen. Schult kommt aus Demmin, ist 47 Jahre alt und von Beruf Vermessungstechniker. Er holte mehr als 54 Prozent der Stimmen und damit das zweitbeste Ergebnis nach SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Schwerin.
Schult stand auf Listenplatz 1 der AfD und galt als der heimliche Spitzenkandidat. Der offiziell als »Ministerpräsidentenkandidat« bezeichnete und als gemäßigt dargestellte Leif-Erik Holm blieb im Wahlkampf blass. Im Nachhinein hagelt es Kritik an ihm.
Schult schwor seine Anhänger indes noch am Wahlabend ein: »Wenn wir hier einmarschieren mit unserer Truppe. Sie werden zittern vor uns. Und sie zittern zu Recht.« Wen genau er damit meint, sagte er nicht. Aber die Liste derjenigen, denen die AfD gefährlich werden könnte, ist lang.
Nicht dazu gehört der Besitzer eines Döner-Imbisslokals im kleinen Ort Gnoien. Ihn schüchtert die AfD damit nicht ein. »Natürlich ist das nicht unsere Wahl«, sagt der gebürtige Grieche. »Ich war zufrieden mit Frau Manuela«, erklärt er und meint die bisherige Ministerpräsidentin Schwesig.
Zwar besitzt der Grieche auch nach vielen Jahren in Deutschland, in denen er stets gearbeitet hat, keinen deutschen Pass. Angst vor den Remigrationsplänen der AfD hat er dennoch keine. Das betont auch sein Kollege, der aus Bulgarien kommt. »Unsere Koffer sind bereit. Wenn jemand uns nach Hause schickt, können wir gehen, kein Problem.«
»Ich möchte nicht noch einmal umziehen müssen.«
Das sieht der Antifaschist Jonas-Imam Dogesch anders. »Ich möchte nicht noch einmal umziehen müssen«, sagt der 61-jährige Rostocker mit der Bomberjacke und der Schiebermütze. Er kommt aus Elbistan in der Türkei, musste 1999 flüchten und betreut heutzutage selbst Geflüchtete, die in Deutschland ankommen. Mit einigen Kolleginnen verfolgt er am Sonntagabend den Ausgang der Landtagswahl im Garten des Peter-Weiß-Hauses, eines Kulturzentrums in Rostock. »Einerseits bin ich erleichtert, dass die Stimmen der AfD nicht zum Regieren reichen.« Andererseits sei er sicher, »dass die Faschos sich durch dieses Ergebnis beflügelt fühlen«. Wie sich das zeigt? »In meiner Sportgruppe sagen die Leute plötzlich offen, dass sie die AfD gut finden«, erzählt Dogesch. »Das ist gruselig.«
Etwas bessere Stimmung herrscht – zumindest am Wahlabend – bei Antifaschist*innen im Rostocker Jugend- und Kulturzentrum »JAZ«. In der Hansestadt und zwei angrenzenden Landkreisen hat die SPD gewonnen. »Wenn das so weitergeht, habe ich bald mehr Promille als die CDU Prozente«, lacht eine Frau mit blonden Locken. Hier werde jedes Mal ein Schnaps getrunken, wenn neue Wahlkreise ausgezählt seien und das Ergebnis der CDU dadurch weiter sinke, erklärt eine andere. »Das ist natürlich eine bittere Freude«, schiebt eine Frau mit fünf Millimeter kurzen Haaren sofort hinterher. Tatsächlich sei man zutiefst bedrückt über das AfD-Ergebnis, wenngleich es niemanden überrascht habe. »Wir haben auch gleich für morgen eine Kundgebung in der Innenstadt angemeldet«, sagt die Mittzwanzigerin.
Ein anderer AfD-Direktkandidat würde das Versammlungsrecht aus dem Grundgesetz am liebsten abschaffen: Tommy Thormann aus Rügen kündigte bereits vor einigen Monaten an, er wolle Gegendemonstrationen »in Grund und Boden verbieten«, sollte seine Partei an die Macht kommen. Doch obwohl 44,26 Prozent der Stimmen auf Rügen an Thormann gingen, gibt es auch in diesem Wahlkreis Menschen, die anders drauf sind. Einer von ihnen ist Jürgen Kaufmann, 38 Jahre alt, der seit vielen Jahren in einem kleinen Dorf auf Ummanz lebt. »Ich habe ein flaues Gefühl im Magen«, sagt er angesichts des Wahlergebnisses. Die Unsicherheit erinnere ihn an die Weimarer Republik. Kaufmann, alleinerziehender Vater von zwei Kindern, engagiert sich in der freiwilligen Feuerwehr und ist Teil der Genossenschaft »Uns Eigen«. Diese hatte sich Ende vergangenen Jahres gegründet, um zu verhindern, dass Investoren ein Hostel aufkaufen, das vor Ort als wichtiger Kulturort dient.
»Bei uns sitzen Surfer neben Gemeinderatsvertretern aller Couleur, während direkt daneben die Hochzeit eines gleichgeschlechtlichen Paars stattfindet«, betont er. Kaufmann sorgt sich »vor der Aufweichung der Brandmauer« durch die anderen Parteien. »Die AfD wird früher oder später mitregieren«, ist er sich sicher. Angesichts der aufgeheizten politischen Stimmung bezeichnet er Initiativen wie die Genossenschaft als besonders wichtig. »Wir sind offen für alle, die die Menschen und diesen besonderen Ort am Ende der Welt wertschätzen«, verspricht er.
Vorerst wird die AfD in Mecklenburg-Vorpommern zwar nicht regieren können, schließlich hat sie die absolute Mehrheit verpasst. Die Parteien, die nach dem Scheitern von CDU und BSW an der Fünf-Prozent-Hürde im Landtag vertreten sind, dürften sich aller Voraussicht nach an ihr Versprechen halten, nicht mit den Rechtsextremen zu koalieren.
»Würde die AfD regieren, ich wüsste nicht, was ich tun sollte«, sagt die Frau in der Apotheke. Schon jetzt spüre sie den Rechtsruck im Alltag mehr als deutlich. Wie das? »In der Kita meines Sohnes gab es zum Abschluss eine Vorführung. Alle Kinder waren auf der Bühne. Nur mein Sohn nicht. Der saß bei mir im Publikum«, erzählt sie. Eine weitere Träne läuft ihre Wange hinab, doch jetzt steht sie aufrecht hinter ihrem Tresen, ihre Stimme ist fest. »Die haben uns nicht einmal gefragt, ob und wie mein Sohn mitmachen könnte«, sagt sie. Solche Erlebnisse habe sie andauernd. Manchmal habe sie das Gefühl, die Bereitschaft der Menschen zur Inklusion nehme ab. Die AfD bezeichnet Inklusion in ihrem Wahlprogramm als potenzielle »Last« für Schüler.
Geht es nach Enrico Schult, dem Direktkandidaten in ihrem Wahlkreis, wird das AfD-Programm bloß eine Legislaturperiode später umgesetzt. Am Wahlabend sagte er selbstbewusst: »Die nächste Wahl werden wir für uns entscheiden und dann brauchen wir keinen Koalitionspartner mehr.«
Diese Prognose teilen auch einige Feinde der AfD. »Das wäre der absolute Horror, für die allermeisten Menschen in diesem Land«, sagt eine Rostocker Antifaschistin – und kippt noch einen Schnaps runter.
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Source: nd