Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Germany nd

Marseille | Brutalismus in Marseille: Ein Besuch in der Cité Radieuse

1952 verband Le Corbusier 337 Wohnungen mit Geschäften und Gemeinschaftsräumen. Zwischen Musterwohnung und Dachterrasse wird die Idee greifbar

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Balkongestaltung sowie Badebecken auf der Dachterrasse in der Wohneinheit der Cité radieuse des Architekten Le Corbusier in Marseille Foto: Unsplash; imago/IPON Kein Durchkommen. Wie oft herrscht in Marseille dichter Verkehr, besonders, wenn Busse und U-Bahnen streiken! Mühsam bahnt sich das Taxi seinen Weg durch die Stadtlandschaft, dabei liegt mein Quartier weitab von den trendigen Vierteln der Innenstadt. Schließlich halten wir vor einem Hauskoloss: Meine Augen gleiten an der endlosen, schnörkellosen Fassade hoch, das Haus sieht aus wie ein trockengelegter Ozeandampfer auf Elefantenfüßen. Es ist ein trüber Tag, dennoch verströmt die Cité Radieuse, »die strahlende Stadt«, wie das Gebäudemonstrum heißt, so etwas wie Heiterkeit. Rote, blaue, grüne und gelbe Balkone lockern den kantigen Sichtbeton auf.

Es ist der Optimismus, mit dem Le Corbusier Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Art von Wohnen propagieren wollte. In jener Zeit herrschte in Marseille akute Wohnungsnot. Die Stadt war im Zweiten Weltkrieg zum Teil stark zerstört worden – nicht zuletzt, weil die deutschen Besatzer das Viertel um den Alten Hafen zerstört und viele Menschen obdachlos gemacht hatten. Es brauchte dringend neue Behausungen. Da erhielt der französisch-schweizerische Architekt Charles-Édouard Jeanneret, bekannt als Le Corbusier, 1945 den Auftrag, eine Unité d’habitation, eine Wohneinheit für 1600 Menschen, zu bauen. Bei der Gestaltung ließ man ihm freie Hand. Im Rahmen der urbanen Verdichtung plante er in die Höhe, bis 1952 entstand eine 56 Meter hohe Wohnmaschine mit 337 Wohnungen, Läden und verschiedenen Serviceeinrichtungen. Auch mein Hotel gehört dazu.

»Eigentlich wollte ich schon längst umziehen, weil ich mehr Platz zum Arbeiten brauche. Doch ich komme hier einfach nicht weg.«

»Troisième étage«, dritter Stock, murmelt der Concierge, der im eleganten Foyer hinter seinem verglasten Schalter sitzt, und zeigt auf den gegenüberliegenden Fahrstuhl. Oben angekommen, befindet sich schräg gegenüber das Restaurant »Le Ventre de l’Architecte« (der Bauch des Architekten) mit der Rezeption. Schon laufe ich mit einem Mitarbeiter durch einen dunklen Gang – Le Corbusier sprach von »Rues«, Straßen – mit Türen in verschiedenen Farben. Hinter einer roten Tür liegt schließlich mein Zimmer. Ein schmaler Raum wie eine Zelle: vorn Toilette, Waschbecken und Dusche, dahinter Schreibtisch und Bett, am Ende ein Balkon mit Bergblick. Alles funktional und durchdacht, wobei es der private Hotelbetreiber mit der Wartung hier und da etwas genauer nehmen könnte.

Und wie sieht es sonst im Haus aus? Das erfahre ich kurz darauf bei einer Führung. Es soll die am häufigsten gebuchte von allen Stadtführungen in Marseille sein. Offenbar sind unter den Touristen auch viele Architekturinteressierte, die erfahren wollen, was aus der Utopie einer vertikalen Gartenstadt geworden ist, die auch viele Kritiker auf den Plan rief.

Vertikale Gartenstadt? Nun ja, es gibt schon einige Bäume rund um das Gebäude. Doch so etwas wie Blumenschmuck oder Parkanlagen sucht man vergeblich. »Dabei war die Natur für Le Corbusier ein ganz wesentliches Element«, sagt die Führerin. »Zu seiner Zeit war es hier viel grüner. Da lag die Wohneinheit noch weit außerhalb des Stadtgebiets.« Neben der Natur sollten möglichst viel Ruhe und Licht für die Lebensqualität der Bewohner sorgen. Daher zum Beispiel die nach Osten und Westen ausgerichteten Wohnungen, große Fensterfronten und doppelte Verglasung. Auch von den düsteren Gängen erhoffte sich der Architekt, dass sie zum eher leisen Sprechen animieren.

Wie es innen aussieht, sehen wir in einer Musterwohnung. Konzipiert für eine Familie mit mehreren Kindern, verteilt sie sich auf zwei Ebenen. Unten der Wohnbereich mit offener Küche und Balkon, oben die Schlafräume, ein Bad für die Eltern und eine separate Dusche für die Kinder. Dank der Wandschränke brauchten die damaligen Mieter – vorwiegend Angehörige der unteren Mittelschicht und Beamte – nur wenige Möbel. Durch geschickte Aufteilung ohne Flure wurde der vorhandene Platz optimal genutzt. Das Maß aller Dinge, auch für die niedrige Deckenhöhe, war der sogenannte Modulor, bei dem sich der Architekt an den Proportionen eines 1,83 Meter großen Mannes mit hochgestrecktem Arm orientierte.

Den Hausfrauen – zu jener Zeit waren weniger Frauen erwerbstätig als heutzuatge – sollten nicht nur in der Küche kurze Wege das Leben erleichtern. In der Wohneinheit gab es auch eine Bäckerei und Konditorei, einen Metzger, viele andere Geschäfte, Arztpraxen und medizinische Einrichtungen, sodass sie kaum das Haus verlassen mussten. Auch der Kindergarten auf dem Dach ist noch in Betrieb; ein früherer Betreuungsraum dient mittlerweile als Malatelier.

Immer wieder begegnen uns Familien, die das Haus verlassen. Das Dach ist der Höhepunkt der Cité Radieuse im wahrsten Sinne des Wortes. Allein schon der atemberaubende Blick auf das Meer, die Berge und die Stadtlandschaft, in der inzwischen später entstandene Hochhaustürme Akzente setzen, lohnt den Besuch. Auf dem Dach schuf Le Corbusier Platz für Kultur, Sport und Bildung: einen Kindergarten, ein Freilufttheater und eine Turnhalle, in der derzeit das Kunstzentrum Mamo untergebracht ist. Drumherum ist bei mehr als 100 Metern Länge viel Platz zum Luftschnappen, Joggen und für Veranstaltungen.

Dafür, dass in der Unité d’habitation immer etwas stattfindet, sorgt nicht zuletzt die Association des Habitants, die Vereinigung der Bewohnerinnen und Bewohner, die sich aus Mietern und Eigentümern zusammensetzt. »Zum einen wohnen hier ältere Leute, die älteste Bewohnerin ist 104, die einmal einzogen und nicht mehr weg wollen«, erklärt die Führerin. Die anderen seien jüngere Menschen, Paare oder Familien, die sich für Le Corbusier begeistern.

Einige von ihnen treffe ich am frühen Abend bei einer Vernissage in der Eingangshalle. Zwei Künstlerinnen stellen Bilder von stilisierten Vögeln und Landschaften aus. Bei Wein und Knabberzeug entspinnen sich lebhafte Gespräche zwischen Besuchern und Anwohnern. Einer von ihnen ist José Maria Martin, selbst Künstler, der mir erzählt, wie gern er in dem Unesco-Welterbe wohnt. »Eigentlich wollte ich schon längst umziehen, weil ich mehr Platz zum Arbeiten brauche. Doch ich komme hier einfach nicht weg.« Natürlich habe sich im Lauf der Jahre vieles verändert. Der letzte Bäcker sei irgendwann ausgezogen, weil niemand sein trockenes Baguette habe kaufen wollen. In andere Läden sind inzwischen Galerien, Büros und eine Buchhandlung eingezogen. »Was mir große Sorgen bereitet, ist, dass manche Eigentümer ihre Wohnung bei Airbnb vermieten und nun immer mehr Koffer über die Gänge rollen. Irgendwie kann das keiner unterbinden. Aber nun ja, wo gibt es schon etwas, das perfekt ist?«

Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: Recherche, Produktion und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original