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Marokko | Kleine Revolution oder cleverer Schachzug?
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Der marokkanische König Mohammad VI. (r.) ernennt Fatima Ezzahra Al.Mansouri während eines Treffens in Rabat zur Regierungschefin. Foto: dpa/Mosa’ab Elshamy Die Entscheidung von Mohammad VI. war bereits für Montag erwartet worden. Der König wählt gemäß Verfassung einen Regierungschef aus dem Kreis der Partei aus, die bei den Parlamentswahlen die meisten Sitze erhalten hat. Vor den Wahlen waren sich fast alle Beobachter sicher, dass dies in den Reihen der wirtschaftsliberalen PAM Fouzi Lekjaa sein wird. Der beliebte Chef des nationalen Fußballverbandes soll das Land auf die Fußball-WM im Jahr 2030 vorbereiten. Mit 97 Sitzen wurde die »Partei für Authentizität und Modernität« tatsächlich Wahlsieger.
Doch nach einigen Tagen Bedenkzeit hat der König Fatima Ezzahra Al-Mansouri zur ersten Regierungschefin Marokkos überhaupt gekürt. Nach der Tunesierin Nadschla Bouden Romdhane ist sie die zweite Frau auf diesem Posten in der arabischen Welt.
Im liberalen Tunis war die Ernennung Romdhanes 2021 angesichts der vielen Frauen in leitenden Positionen im öffentlichen Leben unaufgeregt aufgenommen worden. Auch Al-Mansouri hat als Bürgermeisterin von Marrakesch und Ministerin für Planung und Städtebau bereits Kompetenz und Führungsstärke bewiesen. Doch ihr Einzug in das nach dem König und seinem persönlich ausgesuchten Beraterstab wichtigsten Staatsamt kratzt an den noch immer sehr patriarchalischen Werten der marokkanischen Gesellschaft.
Immerhin hat die Sensation ein Thema völlig an den Rand gedrängt: die mit 38 Prozent niedrigste Wahlbeteiligung seit 20 Jahren. Bei unter 24-Jährigen waren es nur vier Prozent. Nun schwanken die Reaktionen auf die neue Regierungschefin zwischen Schock und Euphorie.
Die 50-jährige Juristin Al-Mansouri ist überschwängliches Lob aus liberalen Kreisen und kreischende Kritik aus religiös-konservativen Kreisen gewohnt. In der Touristenmetropole Marrakesch hatte sie als erste Frau an der Spitze des Gemeinderates den von Mohammad VI. bei seinem Amtsantritt 1999 ausgerufenen Modernisierungskurs knallhart umgesetzt. Armenviertel, so genannte Bidonvilles, wurden für baufällig erklärt, die Bewohner entschädigt und umgesiedelt.
»Dieser historische Moment für alle marokkanischen Frauen erfüllt mich mit großem Stolz.«
Gebaut wurden dann Einkaufspassagen und Wohnungen nach den Wünschen internationaler Käufer und reicher Marokkaner. Diese Modernisierung in Turbogeschwindigkeit hat Marrakesch zu einer gut geölten Tourismusmaschine gemacht, die gut betuchte Besucher aus den Golfstaaten genauso anzieht wie Rucksackreisende auf der Suche nach dem Flair des Orients. Für effektives Arbeiten war Al-Mansouri schon während ihres Studiums bekannt, berichten ehemalige Kommilitonen.
Auf Planungs- und Immobilienrecht hatte sie sich bereits an der Universität in Rabat spezialisiert. Auch ihr Entschluss, der PAM, der Partei für »Authentizität und Modernität« in der Gründungsphase beizutreten, war nur folgerichtig. Die wirtschaftsliberale PAM war 2008 von Fouad Al-Himma, einem engen Berater des Königs, als Bollwerk gegen die damals immer populärer werdenden Islamisten gestartet worden.
Denn diese hatten sich die zunehmende Abkopplung großer Teile der Bevölkerung vom Wirtschafts- und Bauboom geschickt auf ihre Fahne geschrieben. Die redegewandte und locker auftretende Al-Mansouri ist schon in ihrer Erscheinung ein Gegenmodell der Islamisten, die in der abgehängten Provinz gesellschaftlich oft noch den Ton angeben.
»Ich bin gläubige Muslimin, aber strikt gegen die Ideologie der Muslimbrüder. Ich werde Islamisten in Marokko nicht akzeptieren«, sagte sie kürzlich in einem Interview. Eine Kampfansage an die bis 2021 mitregierenden Konservativen der PJD, die nach dem Normalisierungsabkommen mit Israel 90 Prozent ihrer Sitze verloren hatten, aber nun wieder eine der stärksten Oppositionskräfte im Parlament sein wird.
Englisch lernte Al-Mansouri in New York, wo sie, wie auch in Montpellier, ein Diplom erwarb. Nach Marrakesch lockten sie internationale Investoren, Konferenzen der Weltbank und großer Konzerne. Eine Erfolgsstory ganz nach dem Gusto des »Makhzen«, dem öffentlich selten in Erscheinung tretenden Zirkel um Mohammad VI. Dort werden die ganz wichtigen Entscheidungen getroffen und der Regierung zur Umsetzung weitergereicht.
Fatima Ezzahra Al-Mansouri bei einer Wahlkampfveranstaltung der Partei für »Authentizität und Modernität« (PAM) vor den Parlamentswahlen. Foto: AFP/Driss Ben Malek Nach einer Legislatur als Parlamentsabgeordnete in Rabat kehrte die zweifache Mutter ein zweites Mal als Bürgermeisterin nach Marrakesch zurück. Noch mehr Neubaugebiete entstanden.
Von dem Vater ihrer Kinder, dem Geschäftsmann Choukri Berrada, lebt sie seit der Scheidung getrennt. Moderne Marokkanerinnen jubeln über ihre Ernennung zur Regierungschefin.
»Dieser historische Moment für alle marokkanischen Frauen erfüllt mich mit großem Stolz«, sagt Fatima Ezzahra Al-Mansouri nach dem Treffen mit dem König sichtlich gerührt in die Kameras. Viele hoffen, dass mit Al-Mansouri die konservative marokkanische Gesellschaft nun offener für weibliche Führungskräfte wird. Auch eine Reform des Familienrechts aus dem Jahr 2004 fällt in ihre Amtszeit. Doch eine andere Aufgabe ist drängender: Sie muss der frustrierten Jugend der Gen Z und den von der Modernisierung abgehängten Arbeitslosen eine Perspektive bieten, bevor diese wieder auf die Straße gehen.
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Source: nd