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Kritische Infrastruktur | Energiewende macht Stromsystem resilienter
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Große Umspannanlagen wie hier im saarländischen Illingen-Uchtelfangen können neuralgische Punkte sein. Foto: IMAGO/Michi Jo Standl Die Idee, bei einem Anschlag auf Umspannwerke einen Kurzschluss herbeizuführen, indem dünne Drähte in die Leitungen geschossen werden, zielt auf einen größtmöglichen Schaden. Mehr als 160 Ziele soll der inzwischen gefasste Stromsaboteur im Visier gehabt haben. In zwei großen Umspannwerken – bei Jänschwalde (Brandenburg) und Bergheim (Nordrhein-Westfalen) – gelang es ihm offenbar. In der Nähe der Werke laufen nicht zufällig große Kohleblöcke. Diese mussten wegen des Angriffs aufs Umspannwerk ihre Leistung herunterfahren oder Blöcke zeitweise vom Netz nehmen.
Auf Kurzschlüsse, auch in Umspannwerken, ist das Stromnetz seit jeher vorbereitet. Denn es kann sie auch geben, wenn ein Blitz einschlägt. Dann trennen in der Regel Hochleistungsschalter den Netzabschnitt vom Netz. Dank solcher Schutzsysteme führen Blitze heutzutage meist nur zu kurzen Störungen.
Bisher gehört das deutsche Stromsystem zu den zuverlässigsten der Welt, das betont auch die Branche selbst. Im vergangenen Jahrzehnt fiel hierzulande der Strom bei den Verbrauchern im Schnitt nur etwa zwölf Minuten jährlich aus. Inzwischen sieht sich das Energiesystem aber einer vervielfachten Bedrohung ausgesetzt. Dazu gehören nicht nur die gezielten Anschläge auf vulnerable Stellen wie Umspannwerke oder im Januar auf eine wichtige Kabelbrücke in Berlin. Gefahren gehen auch von Cyberattacken aus, künftig möglicherweise mithilfe künstlicher Intelligenz ausgeführt. Auch mit der Drohnenattacke gegen den Flughafen Leipzig zeichnen sich ganz neue Bedrohungsszenarien ab.
Politik wie Energiebranche betonen dabei unisono, einen 100-prozentigen Schutz könne es nicht geben. Dazu sind die Energienetze in Deutschland zu umfangreich. Allein das Hoch- und Höchstspannungsnetz umfasst ungefähr 120.000 Kilometer. Größere Umspannwerke soll es um die 250 geben. Zu hinterfragen ist auch, inwieweit sensible Informationen zur Infrastruktur öffentlich zugänglich sind oder in Datenbanken liegen, die ihrerseits Ziel von Cyberattacken werden könnten. Unter den Millionen Dateien aus der Berliner Verwaltung, die jüngst gehackt und am Ende ins Darknet gestellt wurden, sollen aber keine Unterlagen über wichtige Energieinfrastrukturen sein, ist bisher zu hören.
Mehr Schutz vor Anschlägen soll ein Ende Januar vom Bundestag verabschiedetes Gesetz bringen. Es legt fest, welche Unternehmen und Einrichtungen Teil der kritischen Infrastruktur sind, und definiert Mindeststandards für deren physischen Schutz. Da geht es zum Beispiel um Notfallteams, stärkeren Objektschutz oder Maßnahmen zur Ausfallsicherheit.
Seitdem haben sich die Gefährdungen nicht nur vermehrt, sondern eben auch verschärft. Anfang Juli beschloss die Regierungskoalition deswegen, den Deutschlandfonds um eine sogenannte Resilienzdimension zu verstärken. Der im Dezember 2025 von der Förderbank KfW gestartete milliardenschwere Finanztopf ist eigentlich dazu gedacht, privates Investitionskapital zu mobilisieren, um Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen. Für den Resilienzbereich war anfangs ein Volumen von bis zu 500 Millionen Euro vorgesehen, derzeit sind rund 215 Millionen Euro im Gespräch.
»Der Aufbau eines erneuerbaren Stromsystems ist nicht mehr nur eine Sache des Klimaschutzes, sondern dient auch stärkerer Resilienz.«
Wie groß die Kosten für die sicherheitstechnische Ertüchtigung und Überwachung der Energieinfrastruktur sein werden, ist dabei noch nicht abschätzbar. Wer wie viel dafür aufzuwenden hat, hängt auch von einer Aufteilung der Zuständigkeiten ab, macht der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) deutlich. So sei zunächst zu klären, bei welchen Aufgaben die Netzbetreiber in Resilienz investieren müssen und was der Staat bei der Gefahrenabwehr und dem Schutz der inneren Sicherheit zu übernehmen hat, erläutert die Chefin des großen Branchenverbands, Kerstin Andreae.
Auf jeden Fall hält die Energiewirtschaft angesichts der steigenden Gefahren staatliche Zuschüsse für unverzichtbar. »Bei dem vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagenen Resilienzfonds erwarten wir, dass Investitionen der Unternehmen in zusätzlichen Schutz der Infrastruktur finanziell abgesichert werden«, erklärt Andreae entsprechend. Diese Kosten könnten nicht alle über Netzentgelte finanziert werden.
Neben dem Finanziellen ist auch eine Reihe rechtlicher Fragen noch zu klären, so zum Beispiel, ob und wie sich Unternehmen mit kritischer Energieinfrastruktur eine eigene Drohnenabwehr zulegen oder einen entsprechenden Dienstleister engagieren können. Bis jetzt ist das eigentlich eine hoheitliche Aufgabe des Staates.
Für die Vielzahl der zu klärenden Fragen fehlt dem BDEW offenbar ein zentraler Ansprechpartner in der Regierung. Diese sollte »ressortübergreifend eine verantwortliche Zuständigkeit für Energieresilienz bestimmen«, regt die Verbandschefin an.
Auf längere Sicht arbeitet übrigens die Energiewende der Resilienz in die Hände. Das hat mit der sich ändernden Architektur des Stromsystems zu tun. Anstelle großer, zentraler Kraftwerke mit hoher Leistung könne das Stromnetz mit den sich entwickelnden dezentralen Strukturen resilienter werden, stellte Jutta Hanson, Expertin für elektrische Energieversorgung an der TU Darmstadt, bereits vor einiger Zeit fest. Dabei bedürfe es einer ganzen Reihe weiterer Voraussetzungen. So reiche es nicht, dass jedes Haus Photovoltaik auf dem Dach habe. Die Anlagen müssten dann auch ohne ein externes Netz arbeitsfähig sein. Das ist laut Hanson technisch möglich, entsprechend ausgestattet sind aber erst wenige Solaranlagen.
Einig sind sich die Fachleute darin, dass noch viel Zeit und Geld aufzuwenden sind, um ein zunehmend dezentrales Netz im Fall einer großflächigen Störung tatsächlich in ein resilientes Netz zu verwandeln. Das werde nicht morgen, sondern eher übermorgen der Fall sein, so Hansons Prognose. Mit der hilfreichen Idee der Dezentralität kann sich auch BDEW-Chefin Kerstin Andreae anfreunden, wie sie betont: »Der Aufbau eines erneuerbaren Stromsystems ist nicht mehr nur eine Sache des Klimaschutzes, sondern dient auch stärkerer Resilienz.«
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Source: nd