Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Germany nd

Kriminalität | Mehr Schüsse in Berlin? Was hinter den Zahlen steckt

Der Kriminologe Klaus von Lampe über die Daltons, Waffen und die Frage, wie gefährlich die organisierte Kriminalität tatsächlich ist.

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Die Daltons: mutmaßlich eine Berliner Jugendgruppe, der zahlreiche Schüsse zugeschrieben werden. Ihr Name stammt von den Banditen aus »Lucky Luke«. Foto: Screenshot Welt-TV Nach den Schlagzeilen der letzten Wochen müsste man meinen, Berlin sei fest in der Hand der organisierten Kriminalität, und Die Linke habe ihre Finger im Spiel. Muss man sich Sorgen machen?

Ich bin nicht geneigt, auf solche Vorlagen mit Schwarzmalerei zu reagieren und zu sagen, alles ist ganz gefährlich. Weil man dadurch immer auch das sogenannte Einschüchterungskapital von Leuten im kriminellen Milieu erhöht. Wenn immer wieder gesagt wird, wie viel Macht und Einfluss bestimmte Leute haben, dann macht man es denen einfacher, ihren Willen durchzusetzen.

Wenn ein Bundestagsabgeordneter der Linken (Ferat Koçak) Kontakt ins kriminelle Milieu hat, dann ist das nicht automatisch auf einer Stufe, wo man sich ernsthafte Sorgen um den Fortbestand unseres Gemeinwesens machen muss. Wirklich brisant wird es nach meiner Überzeugung erst dann, wenn sich gesellschaftliche Eliten und kriminelle Eliten gegenseitig als Bündnispartner ansehen. So etwas sehe ich in Berlin allenfalls ansatzweise.

Ein Punkt sind die finanziellen Möglichkeiten krimineller Akteure. Schätzungen gehen dahin, dass in der Hand von Kriminellen sehr viel Geld ist, was möglicherweise auch eingesetzt wird, um zum Beispiel den Staat zu korrumpieren. Besonders riskant, würde ich sagen, ist der Bereich Justiz, also Strafverfolgung und Strafvollzug.

Klaus von Lampe ist Professor für Krimi­no­logie an der Hoch­schule für Wirt­schaft und Recht Berlin. Schwer­punkt seiner wissen­schaft­lichen Arbeit ist das Thema orga­ni­sierte Kriminalität.

Wie groß ist das Problem in Berlin denn wirklich, auch im Vergleich zu anderen Städten und Ländern?

In Berlin wird eine ganze Menge Geld umgesetzt, zunehmend mit Drogen. Das Problem ist schon ernst zu nehmen, aber im internationalen Vergleich gesehen hält es sich noch in Grenzen. Ich forsche gerade zu Frankfurt am Main. Da sind ganz andere Leute am Start als hier.

Seit zwei Jahren beschäftigen die Daltons, eine mutmaßlich türkisch geprägte Gruppierung, die Berliner Öffentlichkeit: Sie gelten als verantwortlich für eine Vielzahl von Schüssen. Warum treten Gruppen wie diese erst jetzt auf?

Das ist schon ein bisschen obskur. Das sind ursprünglich typische Jugendbanden, würde ich sagen. Und die haben wohl ganz gut gelebt von dem Drogenhandel, der von Afghanistan und Iran durch die Türkei nach Europa geht. Nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan ist dieser Handel zumindest kurzfristig zurückgegangen. Gleichzeitig haben die Strafverfolgungsbehörden in der Türkei wohl mehr Druck gemacht. Das soll diese Banden dazu veranlasst haben, nach Ausweichmöglichkeiten zu suchen. Und dazu gehörte anscheinend, sich zu überlegen, wo Menschen aus der Türkei im Westen leben, die zu Geld gekommen sind und von denen sie Geld erpressen können.

Dann gibt es noch die Geschichte, dass ein führendes Mitglied der Daltons 2024 in Russland Zuflucht gefunden hat und nach Medienberichten von dort aus Anweisungen gibt. Damit ist die Vermutung verbunden, dass die Schießereien in Berlin Teil von Moskauer Destabilisierungsbemühungen in Europa sind.

Gern wird die polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) herangezogen, um zu belegen, dass mehr geschossen werde. Wie belastbar sind Zahlen aus dieser Statistik?

Die PKS generell ist kein Eins-zu-eins-Abbild der Kriminalitätslage und Kriminalitätsentwicklung. Die deutliche Zunahme der Fälle von Schusswaffengebrauch in Berlin 2025 hat auch mit einem veränderten Mechanismus der PKS zu tun. Im polizeilichen Bearbeitungssystem POLIKS müssen Beamte seit 2025 die Art der Verwendung von Schusswaffen angeben, also Drohung, Schussabgabe oder nur mitgeführt. Und so eine Sache führt dazu, dass die Leute sich mehr Gedanken machen beim Eingeben. Und der Sinn von so was ist ja nichts anderes, als umfassender statistisch zu erfassen, was der Polizei bekannt geworden ist.

Anm. d. Red.: Die Polizei Berlin erklärt auf nd-Anfrage, dass es sich bei den 1119 Fällen für 2025 überwiegend um Fälle ohne »scharfe« Schusswaffen handelt. Erfasst werden auch Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen sowie Fälle, in denen sich ein Opfer subjektiv mit einer Schusswaffe bedroht fühlte, etwa bei einer Spielzeugwaffe. Die seit 2025 verpflichtende Erfassung der »Art der Waffenverwendung« habe den Anstieg »mindestens teilweise« verursacht. Für 2026 zählte die Polizei bis zum 11. Oktober 105 Vorgänge mit scharfen Schusswaffen.

Anfang 2026 starb Mehmet K., in Berlin als »Kürt Mehmet« als prominente Figur der organisierten Kriminalität gehandelt. Hat sein Tod etwas verändert?

Dazu kann ich nicht viel sagen. Er galt ja als jemand mit Einfluss im Milieu, der in der Lage war, Konflikte zu schlichten. Wenn so jemand wegfällt, kann es sein, dass Konflikte eher eskalieren und mit Gewalt ausgetragen werden. Ich glaube aber nicht, dass das die beste und naheliegendste Erklärung für die Zunahme bei der Verwendung von Schusswaffen ist. Es scheint überwiegend um Einschüchterung von Erpressungsopfern zu gehen, nicht um Streitigkeiten im Milieu.

Gibt es noch andere Gründe, die den statistischen Anstieg beim Schusswaffeneinsatz erklären können?

Hier spielen Anzeigebereitschaft und die Kontrollintensität der Polizei eine Rolle. Wenn Schüsse abgegeben werden, insbesondere dann, wenn jemand oder eine Sache zu Schaden kommt, das behalten Leute ja nicht für sich. Gerade bei der Schussabgabe auf Menschen und auf Sachen, da denke ich, haben wir tatsächlich im letzten Jahr auch einen realen Anstieg gehabt.

Was sagt das über die Absicht der Täter aus, wenn mehr auf Gebäude und Geschäfte geschossen wird?

Das ist ein bisschen unklar. Also das, was die Polizei sagt, ist, dass ein Teil dieser Schussabgaben tatsächlich zurückgeht auf Gruppierungen wie die Daltons, denen es um Erpressung geht. Aus meiner Sicht besorgniserregend ist, dass möglicherweise einige andere im kriminellen Milieu ermuntert worden sind, bestimmte Dinge, die früher nicht mit Schusswaffen geregelt worden wären, nun auch mit Schusswaffen auszutragen. Aber: Wir sind in Deutschland auf einem historisch niedrigen Niveau beim Schusswaffengebrauch. Der liegt deutlich unter dem, was wir in den 90er Jahren hatten, und auch deutlich unter dem Niveau der Bundesrepublik in den 80er Jahren.

Führen mehr Schusswaffen auch dazu, dass Messergewalt zunimmt? Berichten zufolge sollen Jugendliche an Schulen öfter Messer mit sich führen.

In erster Linie hat es etwas mit Angst zu tun, wenn Kinder und Jugendliche mit Messern rumlaufen. Messer werden in erster Linie zum Selbstschutz mitgeführt und nicht, um offensiv irgendeine Gewaltstrategie umzusetzen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Schusswaffen.

Was bringen höhere Strafen für illegalen Schusswaffenbesitz?

Wie hoch die Strafe ist, spielt keine so große Rolle für die Abschreckung. Überhaupt Gegenstand eines Strafverfahrens zu werden, wirkt mehr als das, was am Ende als Strafe rauskommt. Abschreckende Wirkung hat aber auch Untersuchungshaft. Abgesehen davon glaube ich, Leute aus dem kriminellen Milieu, auch wenn sie leichten Zugriff auf Waffen haben, nehmen trotzdem eher ein Messer, wenn es drauf ankommt. Mit einem Messer erwischt zu werden, ist eben nicht so problematisch wie mit einer Schusswaffe.

Was erwarten Sie von einer künftigen Berliner Regierung im Umgang mit organisierter Kriminalität?

Meine Aufgabe als Wissenschaftler sehe ich nicht darin, der Politik Vorgaben zu machen. Zunächst bin ich gespannt, ob es bei den Koalitionsverhandlungen von Rot-Grün-Rot einen sicherheitspolitischen Konsens geben wird. Es gibt ja schon ganz grundlegend einen Konflikt in der Einschätzung der Kriminalitätslage. Der kann aus meiner Sicht aber ausgeräumt werden, wenn man sich ohne Scheu den Realitäten stellt und sich unaufgeregt daran macht, Problemfelder zu identifizieren und pragmatische Lösungsansätze zu finden.

Es wird in der Öffentlichkeit sehr viel mit schwammigen und irreführenden Begriffen und mit klischeehaften Vorstellungen operiert, die schnell zu Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen führen können. Die Politik täte deshalb gut daran, sich ernsthafter und offener mit dem Fachwissen bei Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichten und Strafvollzug auseinanderzusetzen, aber auch mit dem in Schulen und Sozialarbeit, in der freien Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und nicht zuletzt auch in der Wissenschaft.

Andere Medien haben Konzerne oder Milliardäre im Rücken. Wir haben die nd.Genossenschaft und Leser*innen wie dich. Das macht uns unabhängig und genau das wollen wir bleiben. Aber es heißt auch: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.

Du kannst direkt hier spenden, einmalig oder regelmäßig, damit nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original