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Krieg gegen den Terror | »Wir leben noch immer in der Welt des 11. September«
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US-Präsident George W. Bush wird bei einem Besuch in einer Schule von seinem Stabschef Andrew Card (l.) unterbrochen, kurz nachdem die Nachricht von den Flugzeugabstürzen in New York City eingetroffen war. Foto: AFP/Paul J. Richards Wo befanden Sie sich am 11. September 2001 zum Zeitpunkt der Anschläge?
Ich war drei Blocks vom World Trade Center entfernt. Meine Kinder besuchten die nächstgelegene Grundschule in Tribeca. Ich hatte gerade meinen Jüngsten im Kindergarten abgegeben; mein älteres Kind war bereits in der dritten Klasse. Ich hörte das erste Flugzeug über uns hinwegfliegen – ich habe es nicht gesehen, nur die Explosion direkt über uns. Als ich mit anderen Eltern sprach, schlug das zweite Flugzeug ein. Da war klar, dass etwas viel Schlimmeres als ein Unfall im Gange war: Die Schule entließ die Kinder und wir liefen die anderthalb Meilen zu Fuß nach Hause in Greenwich Village. Die Schule blieb monatelang geschlossen.
Sie sind Nahost-Historiker. Wie haben sie die Anschläge eingeordnet, nachdem sie erfahren hatten, wer dahintersteckt?
Jeder, der sich mit der Region befasste, wusste bereits Bescheid über Al-Qaida, Afghanistan, Bin Laden und die früheren Bombenanschläge auf Botschaften in Kenia und Tansania Bescheid. Daher war die Zuschreibung plausibel. In der Woche darauf organisierten wir die wahrscheinlich erste öffentliche Podiumsdiskussion in New York über den historischen Kontext der Anschläge – warum bestimmte Gruppen die Vereinigten Staaten als Feind betrachteten und die Anschläge als Vergeltung für amerikanische Gewalt darstellten. Es ging darum zu erklären – nicht zu entschuldigen –, warum Al-Qaida die Anschläge als Vergeltung für Gewalt gegen Muslime betrachtete. Ob diese Lesart zutreffend war, ist eine andere Frage, aber sie war nachvollziehbar. Die vorherrschende Erklärung nach dem 11. September lautete hingegen, dass die Attentäter schlicht »unsere Zivilisation« hassten.
Kann man sagen, dass der politische Islam die Sowjetunion als den vom Westen designierten Feind abgelöst hat?
Auf jeden Fall. In den 1980er Jahren trug der israelische Politiker Benjamin Netanjahu dazu bei, die Vorstellung eines internationalen Terrornetzwerks populär zu machen – kein islamisches, sondern eines, das von Moskau aus gesteuert wurde und die Baader-Meinhof-Bande, den südafrikanischen ANC und palästinensische Gruppen mit dem Kreml in Verbindung brachte. Die US-Regierung unter Ronald Reagan übernahm diese Vorstellung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlagerte sich die Darstellung der Bedrohung hin zum »radikalen islamistischen Terrorismus«. Etwa zur gleichen Zeit verlagerten einige dschihadistische Gruppen ihre Strategie vom »nahen Feind« – Regime in Ägypten, Pakistan und anderswo – auf den »fernen Feind«, die Vereinigten Staaten, in der Hoffnung, diese in einen Krieg hineinzuziehen, der die lokalen und von den USA gestützten Regime destabilisieren würde. Die Strategie war nicht vollständig erfolgreich, aber sie zog Washington in einen ein Vierteljahrhundert andauernden Konflikt hinein, der unzählige Menschenleben gekostet hat.
Wie ist Al-Qaida selbst aus diesem Umfeld hervorgegangen?
Es begann mit der Unterstützung arabischer Freiwilliger, die in Afghanistan gegen die Sowjets kämpften – ein Krieg, den die Saudis mit Milliarden finanzierten. Bin Laden war anfangs nicht in Konflikt mit dem saudischen Regime. Nach seinen eigenen Angaben kam der Wendepunkt, als die Saudis vor dem Golfkrieg 1991 gegen den Irak amerikanische Streitkräfte auf saudischem Boden aufmarschieren ließen. Er kam zu der Ansicht, die Monarchie sei korrupt und unislamisch und müsse gestürzt werden. Nach der Niederlage der Sowjets wandte sich Al-Qaida gegen die Vereinigten Staaten, die sie als Besatzer muslimischer Gebiete und als Stütze von Regimen ansah, die Muslime angriffen – was zu Anschlägen auf US-Ziele im Jemen und in Ostafrika und schließlich in New York führte. In Afghanistan fand Al-Qaida einen sicheren Hafen, da die Taliban sie als Kriegsverbündeten behandelten, obwohl sie selbst kein Interesse am globalen Dschihad hatten.
In Ihrem Buch Contending Visions of the Middle East erörtern Sie, wie orientalistische Wahrnehmungen – in Anlehnung an Edward Saids Kritik von 1978 – die westliche Sicht auf die islamische Welt geprägt haben. Können Sie das näher erläutern?
Es gab eine langandauernde Tendenz, die im europäischen Denken des 19. Jahrhunderts verwurzelt war, die muslimische und arabische Welt als eine grundlegend andere, statische Zivilisation zu behandeln. Saids Kritik stellte diese Sichtweise in Frage, und in den 1970er- und 1980er-Jahren hatte sie in der seriösen Wissenschaft bereits viel von ihrem Einfluss verloren, da dort zunehmend eine historisch fundierte Analyse gegenüber der Annahme fester zivilisatorischer Unterschiede bevorzugt wurde. Es gibt ebenso wenig eine einzige »islamische Zivilisation« wie eine einzige »westliche« – ist der Westen der Liberalismus der Aufklärung oder der Nationalsozialismus? Weder das eine noch das andere und doch beides; er ist umstritten und pluralistisch.
Außerhalb der akademischen Welt hat der 11. September jedoch die Islamfeindlichkeit verschärft, und wir sehen sie immer noch – beispielsweise in Gemeinden, die sich wegen erfundener »Scharia-Bedrohungen« gegen den Bau von Moscheen wehren. Es herrscht die weit verbreitete Wahrnehmung, dass Menschen außerhalb des Westens sich grundlegend von »uns« unterscheiden, bedrohlich sind und weniger Beachtung verdienen. Israel wurde meist als Ausnahme behandelt.
Viele Amerikaner sahen Israel als Teil von »uns«, während Araber und Muslime als fremd oder befremdlich dargestellt wurden. Israel vermittelte das Bild eines westlichen, europäischen Landes – einer »Villa im Dschungel«, wie der israelische Ex-Premierminister Ehud Barak es einmal formulierte. Die Behauptung, es sei die »einzige Demokratie« der Region, verstärkte diese Unterscheidung. Dies gewann zunehmend an Bedeutung, als sich die USA immer mehr im Konflikt mit Teilen der muslimischen Welt sahen: Der Nahe Osten wurde zu einem Schauplatz wiederholter amerikanischer Misserfolge, während Israel erfolgreich und mächtig erschien, und ab den 1970er Jahren behandelte Washington es als strategischen Verbündeten – zunächst im Kalten Krieg, später im Kampf gegen den radikalen Islamismus. Nach dem 11. September stellte Ariel Scharon den Konflikt Israels mit den Palästinensern als Teil dieses gemeinsamen Kampfes dar und erklärte Washington, Israel könne ein Jahrhundert Erfahrung in der Terrorismusbekämpfung einbringen.
Heute führen die USA an der Seite von Israel Krieg gegen den Iran. Ein Déjà-vu?
Bereits die US-Regierung unter Joe Biden unterstützt Israels Krieg im Gazastreifen fast uneingeschränkt. In gewisser Weise erreichte das US-israelische Bündnis damit einen Höhepunkt. Biden war in den 1970er Jahren politisch geprägt worden, Menschen in seinem Umfeld plädierten für eine gewisse Distanz zwischen Washington und Israel. Dennoch stellte er sich hinter Israel. Sein Nachfolger Donald Trump hat die Position der israelischen Rechten weitgehend übernommen – Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt, Anerkennung der Annexion der Golanhöhen, Unterstützung der Siedlungspolitik – und in diesem Jahr, wie auch kurz im vergangenen Sommer, schloss sich die USA dem Krieg Israels gegen den Iran an. Doch es gibt auch Spannungen, da Israel weiter nach rechts rückt und Konflikte ausficht, die Washington nicht immer als Priorität betrachtet.
Trump bezeichnete das iranische Regime als »irrational« und »verrückt«. Das klingt nach Orientalismus …
Trump hat Irans Staatsoberhaupt Khamenei und die oberste Führung des Iran gerne töten lassen. Aber er würde viel lieber einen Deal mit Teheran schließen – er hat einfach noch nicht die richtigen Leute gefunden, um dort das zu tun, was er in Venezuela getan hat. Er hat keine ideologischen Einwände gegen einen Deal, solange er ihm politisch im Vorfeld der Zwischenwahlen hilft. Israels Premier Netanjahu und ein Großteil seiner Regierung scheinen sich dagegen mit einem endlosen Krieg wohlzufühlen, und manche würden die Palästinenser am liebsten ganz aus dem Gazastreifen vertreiben. Auch aus dem Westjordanland haben wir beunruhigende Signale gehört, sodass selbst Mike Huckabee, der US-Botschafter in Israel und christlicher Fundamentalist, zu erkennen scheint, dass dies nach jedem rationalen Maßstab problematisch ist.
Haben sich orientalistische Sichtweisen in den 1990er Jahren in der Politikgestaltung verfestigt?
Als sich die Wissenschaft nach dem Vietnamkrieg von der US-Außenpolitik entfremdete, schossen Denkfabriken wie Pilze aus dem Boden. Sie rekrutierten zwar ihr Personal an den Universitäten, konzentrierten sich aber auf die Gestaltung der Politik. Einige, wie die Heritage Foundation, waren weitaus islamfeindlicher als andere, wie beispielsweise die Brookings Institution. Der Orientalismus hielt sich in der amerikanischen Politik hartnäckig, aber ich würde mich dagegen wehren, alles auf eine abstrakte, einheitliche »Islamophobie« zu reduzieren. Vielen politischen Entscheidungsträgern ist es egal, ob ein Verbündeter muslimisch ist – ihnen ist wichtig, ob er nützlich ist. Washington arbeitete 1991 mit muslimischen und arabischen Verbündeten gegen den Irak zusammen, gegen die Sowjets in Afghanistan und gegen den Islamischen Staat (IS). Saddam Hussein war zunächst ein Freund, dann ein Feind. Wie der Anthropologe Mahmood Mamdani, Vater des New Yorker Bürgermeisters, es formulierte: »Gute Muslime« und »schlechte Muslime« wurden nach ihrer Nützlichkeit sortiert, nicht nach ihrem Glauben.
Hat orientalistisches Denken die Reaktion der Regierung unter George W. Bush auf den 11. September konkret geprägt?
Zum Teil sicherlich – der Orientalist Bernard Lewis, dessen Arbeiten nach Edward Saids Ansicht besonders anfällig waren für eine orientalistische Sicht, wurde ins Weiße Haus geholt, und Bushs frühe Andeutung eines »Kreuzzugs« wurde schnell zurückgenommen, nachdem Berater gewarnt hatten, dies würde Verbündete wie Saudi-Arabien beunruhigen. Bush verwendete das Wort nie wieder. Doch das tiefer liegende Muster war komplizierter: Zu Washingtons engsten Verbündeten gehörten Staaten mit muslimischer Mehrheit, und für die politischen Entscheidungsträger zählte weniger die Unterscheidung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen als vielmehr die zwischen Verbündeten und Feinden. Kulturelle Stereotypen machten es leichter, bestimmte Interventionen zu rechtfertigen; doch strategische Interessen bestimmten, wer als Partner behandelt wurde.
Was hat sich nach dem 11. September verändert?
Es kam zu einem starken Anstieg der Islamfeindlichkeit: Muslimische Gemeinschaften wurden verhaftet und überwacht, und die Verbindung zwischen Muslimen und Terroristen gewann deutlich an Bedeutung – eine Verbindung, die vor allem im politischen rechten Lager und im konservativ-christlichen Amerika nach wie vor gezogen wird. Die Rhetorik des »Kriegs gegen den Terror« rechtfertigte schnell die Invasion des Irak, obwohl der Irak keine nennenswerte Verbindung zu den Anschlägen hatte, und später auch Interventionen und Sicherheitsmaßnahmen an anderen Orten. Die USA sind nach wie vor militärisch im Jemen, in Somalia und anderen Teilen Afrikas und des Nahen Ostens engagiert. Der amerikanische Sicherheitsstaat – das Militär, aber auch der gesamte Apparat des Heimatschutzministeriums, der sich nun massiv gegen Einwanderer richtet – hat sich enorm ausgeweitet. Das ist eine direkte Folge jenes Tages.
Ist der nach dem 11. September ausgelöste »Krieg gegen den Terror« jemals zu Ende gegangen?
Nein. Führt man Krieg gegen ein abstraktes Konzept wie »Terror«, kann er niemals wirklich enden. Die Folgen waren eine anhaltende Reihe von Konflikten und eine massive Ausweitung der amerikanischen Macht mit katastrophalen Konsequenzen, vor allem für die Völker der Region – Millionen Menschen sind in Kriegen gestorben, die mit der Zeit nach dem 11. September in Verbindung stehen. Demokratie war nie wirklich das Ziel. Die Bush-Regierung berief sich 2005 bis 2006 kurzzeitig darauf, nachdem ihre Rechtfertigung für den Angriff auf den Irak – seine angeblichen Massenvernichtungswaffen – zusammengebrochen war. Aber das hielt nicht lange an. Das eigentliche Ziel war die Wahrung der amerikanischen Macht und die Unterdrückung von Kräften, die als Bedrohung für die US-Hegemonie angesehen wurden: zunächst Al-Qaida, später der Islamische Staat.
Was sagt uns das über die Flexibilität amerikanischer Bündnisse?
Washington kann in einem Fall islamistischen Bewegungen entgegentreten, während es in einem anderen mit Akteuren zusammenarbeitet, die mit ihnen verbunden sind – wann immer dies seinen Interessen dient. So war Saudi-Arabien ein enger Verbündeter und förderte gleichzeitig einen äußerst konservativen Islam; nach 1991 sah Bin Laden das Regime gerade deshalb als korrupt an, weil es amerikanische Streitkräfte beherbergte, und radikale Islamisten wandten sich sowohl gegen Riad als auch gegen dessen Schutzmacht. Andere Staaten schlugen unterschiedliche Wege ein – Katar unterhält gute Beziehungen zur Muslimbruderschaft, während die Vereinigten Arabischen Emirate dieser weitaus feindlicher gegenüberstanden. Jeder nutzte die Religion und seine Beziehungen zu islamistischen Gruppen entsprechend seinen eigenen Interessen.
Wie sollten wir also letztlich das Verhältnis zwischen stereotypen Vorstellungen von der islamischen Welt und der amerikanischen Politik verstehen?
Der kulturelle Aspekt spielt eine Rolle, lässt sich aber nicht von der Machtpolitik trennen. Einstellungen, die Menschen außerhalb des Westens als fremd, bedrohlich oder weniger beachtenswert darstellen, haben die öffentliche Debatte geprägt und Interventionen leichter zu rechtfertigen gemacht – und der 11. September hat diese Einstellungen noch erheblich verstärkt. Letztlich entscheiden jedoch strategische Interessen darüber, welche Regierungen als Verbündete und welche als Feinde behandelt werden. Das erklärt die widersprüchliche Geschichte der amerikanischen Beziehungen zu überwiegend muslimischen Ländern: Zusammenarbeit mit autoritären Regimes, Unterstützung für manche islamistische Akteure in einem Kontext und Widerstand gegen sie in einem anderen, sich wandelnde Definitionen von »guten« und »schlechten« Muslimen.
Der 11. September war ein Wendepunkt, insbesondere hinsichtlich des Ausmaßes des amerikanischen militärischen Engagements im Nahen Osten, obwohl er auch auf tatsächlichen Kontinuitäten aufbaute. Seine Bedeutung reicht über die Region hinaus: Er veränderte die Struktur der amerikanischen Macht im In- und Ausland und löste weltweit großflächig Gewalt aus. Wir leben immer noch in der Welt, die der 11. September hervorgebracht hat – nicht einfach ein Terroranschlag, sondern ein historischer Bruch, dessen Folgen nie ganz abgeklungen sind.
Zachary Lockman lehrt moderne Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens an der New York University und ist Redakteur des »Middle East Report«. Der Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre liegt auf der sozioökonomischen, kulturellen und politischen Geschichte der Region. In seinem Buch »Contending Visions of the Middle East. The History and Politics of Orientalism« (2004/2009) untersucht Lockman, wie Wissenschaftler und andere Akteure im Westen den Islam und den Nahen Osten erforscht und dargestellt haben, wobei er den Ideen, politischen Strömungen und Kontroversen, die die Nahoststudien in den Vereinigten Staaten geprägt haben, besondere Aufmerksamkeit widmet – einschließlich der Debatten über Edward W. Saids einflussreiche Kritik »Orientalism« aus dem Jahr 1978.
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