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Konferenz in Berlin | Sexualisierte Polizeigewalt: Öffentlichkeit statt Scham

Auf einer internationalen Konferenz in Berlin-Kreuzberg berichteten Frauen aus linken Bewegungen, wie sie gegen sexistische Polizeigewalt kämpfen.

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Aktivistinnen aus der Türkei, dem Iran, dem Baskenland und von den Philippinen berichteten in Berlin-Kreuzberg über Kämpfe gegen sexistische Polizeigewalt. Foto: nd/ Jule Meier Das Schweigen brechen wollte eine internationale Konferenz, die am Sonntag in Berlin stattfand. Rund 500 Menschen waren bereits am frühen Sonntagmorgen in die Veranstaltungshalle »Bum« in der Hauptstadt gekommen, um den »Kampf gegen sexualisierte Polizeigewalt zu stärken«, wie es mehrfach auf dem Podium hieß. »In den letzten Jahren«, so die These der Veranstalter*innen, »gab es einschneidende Momente, die gezeigt haben, dass sich die Art und Weise, wie die deutsche Polizei und die Politik mit protestierenden Frauen umgehen, verschärft hat.«

Welche einschneidenden Momente gemeint sind, erklärt Pressesprecherin Anna Liedtke im Gespräch mit »nd«: »Neu sind die Veröffentlichungen von Antifaschist*innen aus Mannheim, die Nacktdurchsuchungen über sich ergehen lassen mussten. Auch die Veröffentlichungen der Nürnberger*innen sind neu.« Auf der Bühne berichtete eine Frau aus der bayerischen Stadt über Polizeigewalt gegen Antifaschist*innen, die sich einmal wöchentlich rechten, teils von Neonazis besuchten Demonstrationen entgegenstellen. Polizeibeamte hätten gezielt antifaschistische Frauen festgenommen, ihnen an die Brüste gefasst, an den Haaren gezogen oder sie gar gewürgt. Die Antifaschistinnen hätten Kommentare wie »das war geil« von den Beamten gehört und in Gewahrsam stundenlang nur in Unterwäsche ausharren müssen. In einer Videoserie dokumentierten die Frauen die erfahrene Gewalt. Die Nürnberger Polizei geht deshalb mit einer Verleumdungsklage gegen die Frauen vor.

Pressesprecherin Liedtke nennt als einen weiteren entscheidenden Moment auch den 8. März 2025 in der Hauptstadt: »Da wurde eine Teilnehmerin massiv von der Polizei zusammengeschlagen und ihr Kopf in den Genitalbereich eines Polizisten gedrückt. Dabei hat sie das Bewusstsein verloren. Was ist das, wenn nicht sexualisierte Polizeigewalt?«

Liedtke teilt auf der Bühne ebenfalls ihre Geschichte: Als Mitglied der Frauenorganisation Zora sei sie 2025 mit der »Flotilla« auf einem Boot nach Gaza gereist. Das Boot wurde zusammen mit Dutzenden weiteren durch die israelische Marine in internationalen Gewässern gekapert, und die gesamte Besatzung einschließlich Liedtke wurde nach Israel verschleppt und dort in ein Gefängnis in der Negev-Wüste gebracht. Dort soll Liedtke vergewaltigt worden sein. Berichte über körperliche und sexualisierte Gewalt gibt es auch im Zusammenhang mit der »People’s Caravan«, die Anfang 2026 nach Kobanê in Kurdistan aufbrechen wollte. Paula Maier von der Föderation klassenkämpferischer Organisationen (FKO) berichtet auf der Bühne, sie sei während einer Delegationsreise nach Bakur Anfang 2026 festgenommen und in einer Einzelzelle von einem türkischen Beamten vergewaltigt worden.

Nimmt die sexualisierte Gewalt gegen Frauen durch staatliche Institutionen wie Polizei und Militär tatsächlich zu, oder machen lediglich mehr Frauen die erlebte Gewalt öffentlich?

Für Liedtke ist es beides, sagt sie im Gespräch. »Genau wissen kann man es natürlich nicht, denn es gibt keine Statistik zu sexualisierter Polizeigewalt.« Das wollen die Veranstalter*innen des Kongresses ändern – darunter die Frauenorganisation Zora, die palästinasolidarische Antirepressionsorganisation 3EZWA und die FKO. Der Kongress will nicht nur Öffentlichkeit für das Thema schaffen und Betroffene vernetzen, sondern auch sexistische Polizeigewalt dokumentieren.

»Jede in diesem Raum hat sexualisierte Gewalt erlebt.«

Dass diese spezifische Form der Polizeigewalt nichts Neues ist, berichten mehrere internationale Frauen auf dem Podium. Eine Aktivistin der türkischen Frauenorganisation Sosyalist Kadın macht auf den Fall Asiye Güzel aufmerksam. Die Kommunistin war in den 90er Jahren über fünf Jahre lang in verschiedenen türkischen Gefängnissen in Untersuchungshaft. 1997 war sie nach der Teilnahme an einer linken Demonstration festgenommen und von türkischen Polizeibeamten vergewaltigt worden. »Viele revolutionäre Frauen enthüllten alle Folterarten, verschwiegen aber die sexualisierte Gewalt, die sie erfahren hatten«, sagt die türkische Aktivistin auf der Bühne. Kurz nachdem Güzel Anfang der Nullerjahre ihre Vergewaltigung öffentlich gemacht hatte, wurde der internationale Kongress zu sexistischer Polizeigewalt ins Leben gerufen.

Dass der Kongress am Sonntag in Berlin-Kreuzberg vom ersten Kongress inspiriert wurde, zeigt sich unter anderem an den zahlreichen Ausgaben der Biografie über Güzel, die Frauen unter dem Arm tragen. »Jede in diesem Raum hat sexualisierte Gewalt erlebt. Wir haben abgespeichert, dass das unser Fehler ist, haben Schuld und Scham verinnerlicht«, sagt eine philippinische Aktivistin auf der Bühne. Statt Scham wolle sie mit ihren Genoss*innen kollektive Wut kultivieren.

Das Ziel sexualisierter Polizeigewalt sei es, den »Willen der Menschen zu brechen«, sagt Anna Liedtke auf der Bühne. Paula Maier plädiert dafür, die Öffentlichkeit als Waffe gegen die Scham einzusetzen. »Es geht darum, anderen einen sehr tiefen Einblick in sich selbst zu geben«, so die Aktivistin. Das sei nicht leicht. Doch staatliche Repression diene letztlich dazu, »revolutionäre Kräfte kleinzuhalten«. Und staatliche Gewalt speziell gegen Frauen diene dazu, sie in die »gesellschaftliche Rolle im Privatraum« zurückzudrängen.

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Originally published bynd
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