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Künstliche Intelligenz | Tanz auf dem KI-Vulkan
Anthropic bringt vor dem Börsengang ein Milliarden-Kreditpaket unter Dach und Fach – aber nur dank einer riesigen Bürgschaft.
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Die KI-Finanzwelt gleicht einem Vulkan, der womöglich kurz vor einem Ausbruch steht. Foto: dpa/Henry Holdsworth Anthropic, eines der ganz großen Unternehmen für Künstliche Intelligenz (KI), plant für Mitte November einen Börsengang der Superlative: Mit einem Gesamtumfang von 1,5 bis 2 Billionen Dollar soll er der größte in der US-Geschichte werden.
Der Börsengang scheint perfekt getimt zu sein, da die herkömmliche Kapitalisierung für die KI-Branche zunehmend unsicher wird. Besonders aufsehenerregend war kürzlich eine Mega-Schuldenfinanzierung, die beinahe gescheitert wäre. Dieser Deal zwischen Anthropic, den Großbanken Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America sowie dem Chip-Produzenten Broadcom ist dabei typisch für die Branche. Anthropic braucht für seine Rechenzentren große Mengen hoch spezialisierter Chips, die man aber nicht alle kaufen kann, sondern von den Produzenten mietet. Selbst dies muss durch Kredite finanziert werden. Das ist nun in dieser Woche gelungen – mit 63 Milliarden US-Dollar war es die bisher größte Schuldenfinanzierung für KI-Infrastruktur.
Bezeichnenderweise ist der Produzent dieser Chips selbst in die Bresche gesprungen. Broadcom aus Palo Alto im Silicon Valley bürgt für mehr als 40 Milliarden Dollar Darlehen, falls Anthropic Zahlungsprobleme bekommt. Darüber hinaus hat Broadcom-Chef Hock Tan quasi in letzter Minute den Banken einen höheren Zins versprochen, damit der Deal zustande kommt. Und die letzte Tranche dieses Megadeals wurde von der Investmentgesellschaft Blackstone organisiert. Diese komplexen Kooperationen sind durchaus ungewöhnlich.
Beobachter gehen davon aus, dass den Banken bei den KI-Finanzierungen zunehmend mulmig wird. Sie möchten ihre Schuldpapiere mit Gewinn auf dem Sekundärmarkt weiterverkaufen, aber das gelingt in der letzten Zeit immer seltener. Oft behalten die Banken dann lieber die Papiere. Der Appetit auf weitere Kreditvergabe schrumpft entsprechend.
Auch die Aktieninvestoren werden vorsichtiger: Broadcom gilt bereits als Symbol für eine rasant wachsende Hightech-Firma, die an der Börse trotzdem Probleme bekommt. Als der Chipkonzern Anfang September einen erwarteten Umsatzanstieg auf 115 Milliarden Dollar im kommenden Geschäftsjahr postete, gab der Kurs deutlich nach. Die Investoren hatten nämlich einen deutlich größeren Anstieg erwartet. Die Aktien dümpeln seither auf niedrigem Niveau.
Auch für die US-Zentralbank wird die enorme Wucht des KI-Ausbaus zum erheblichen Problem.
Auch der Tech-Riese Alphabet (Google) bekam diese Woche erstaunliche Probleme: Am Donnerstag büßte die Aktie beinahe eine halbe Billion Dollar an Marktwert ein, und zwar nicht trotz seiner starken Stellung im KI-Bereich, sondern gerade deshalb. Anleger machen sich Sorgen, dass die Kosten für den weltweiten KI-Ausbau die Erträge übersteigen könnten.
Analysten wie Paul Kedrosky vom Institut für Digitale Wirtschaft am MIT mahnen daher, dass die Mega-Börsengänge zurzeit grundsätzlich anders sind als klassische Börsengänge, mit denen sich eine wachsende Firma am Anfang ihres Aufstiegs Kapital beschaffen muss. Ähnlich wie bei Space-X im Juni gleicht der Anthropic-Börsengang nach Meinung Kedroskys eher einer »Exit-Strategie« der Gründer. Diese wollten ihre Pfründe zu einem Zeitpunkt monetarisieren, an dem das Hauptwachstum längst erfolgt ist. Mit den hohen Ausgabepreisen der Aktien machen die Gründer Kasse, während die neuen Anleger volles Risiko gehen, dass die Zukunft womöglich noch »brillanter« wird.
Auch für die US-Zentralbank wird die enorme Wucht des KI-Ausbaus, der nach neuesten Zahlen der Investmentbank Goldman Sachs mittlerweile ganze 1,9 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts ausmacht, zum erheblichen Problem. Zwar treibt der Ausbau das Wachstum der US-Wirtschaft – auf zuletzt 3,4 Prozent im dritten Quartal –, doch er trägt dadurch auch zur Inflation bei, die schon vom Iran-Krieg deutlich angeheizt wird und für Nichtreiche zur Hauptsorge geworden ist. Die Lohnentwicklung hält damit in diesem Jahr nicht mehr Schritt. Wenn die Zentralbank die Zinsen weiter erhöht, um dem entgegenzuwirken, würde die ganze KI-Branche mit ihrer Schuldenfinanzierung leiden.
Das Investieren in die KI-Branche gleicht daher nach Ansicht mancher Ökonomen zunehmend einem Tanz auf dem Vulkan. Mittlerweile gibt es Analyseplattformen wie »Exponential View«, die die Entwicklungen innerhalb der KI-Firmen im Dashboard-Format transparent machen, damit Anleger selbst die geringsten Stressoren registrieren können. Ähnlich wie Geologen, die noch so kleine Bewegungen im feurigen Erdinneren registrieren.
Selbst Anthropic spricht in seinen Mitteilungen vor dem Börsengang von den gewaltigen Risiken der Technologie und den enormen Schulden. Doch trotz aller Risiken sollen die Gewinne am Ende so astronomisch sein, dass Investoren sich das Angebot nicht entgehen lassen.
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