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Klimawandel | Aus Gipfeln wird Geröll

Gletscher verschwinden, Hänge rutschen ab, Pflanzen ziehen sich zurück. Der Klimawandel führt zu rasanten Veränderungen in den Alpen.

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Der Mölltaler Gletscher in Kärnten ist im Sommer 2026 zu einem schmalen Schneeband geschrumpft, das zum Teil mit Flies vor der Wärme geschützt wird. Foto: dpa/Franz Neumayr Der Hochvogel ist gerade Deutschlands Dramaberg. Im Juni stürzten von diesem 2592 Meter hohen Gipfel in den Allgäuer Alpen etwa 2000 Kubikmeter Gestein ins Tal. Überrascht hat das zumindest in der Region niemanden. Wegen zunehmender Felsstürze ist der Wanderweg auf der österreichischen Seite des Grenzbergs bereits seit 2014 gesperrt. Damals wurden auch die ersten Sensoren angebracht, die Vibrationen im Gestein messen.

Inzwischen sind es mehr als 30 Sensoren. Deren Signale und die Daten, die sich bei Drohnenflügen mit Laserscannern gewinnen lassen, machen den Hochvogel zu einem der am besten vermessenen Berge überhaupt. Selbst Laien können dank der Geoinformationsplattform AlpSenseRely des Münchner Geografen und Geologen Michael Krautblatter detailliert studieren, welche Gesteinsmassen früher oder später ins Tal rutschen werden.

Starkregenfälle, ausgelöst auch durch den Klimawandel, sind nicht der einzige Faktor, der die Berge, wie wir sie kennen, bedroht. Schmelzende Gletscher und auftauender Permafrost könnten für noch großflächigere Veränderungen sorgen. Andrea Fischer ist Österreichs Gletscherfachfrau. Die Glaziologin vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konstatiert einen dramatischen Rückgang sowohl der Dicke wie auch der Ausdehnung der Gletscherzungen. Die Größenordnungen sind: »Von 1969 bis 1998 etwa ein halber Meter Dickeverlust pro Jahr, 2022 und 2026 drei bis vier Meter jährlich, in der Fläche ab 2022 jährlich etwa 5 Prozent Verlust«, teilt sie »nd« mit.

»Große Teile der Alpen werden bis 2050 so aussehen wie jetzt die Pyrenäen«, prognostiziert Fischer. Das heißt, viele Brauntöne, kaum Grün in den Höhenlagen und nur wenige weiße Schnee- und Eissprenkel. Am längsten, denkt Fischer, dürfte noch der Aletschgletscher durchhalten. »Da wird gegen Ende des Jahrhunderts voraussichtlich noch etwas da sein.« Dem Schneeferner unterhalb der Zugspitze gibt sie nur noch wenige Jahre. Der dortige Gletscherlift wird gerade abgebaut.

»Große Teile der Alpen werden bis 2050 so aussehen wie jetzt die Pyrenäen.«

Wie drastisch die Rückgänge bei weiteren Alpengletschern sind, lässt sich anhand der Gletscherlayer auf der von der TU München entwickelten Plattform AlpSenseRely so leicht wie eindrücklich nachvollziehen. Was man dort nur erahnen kann, anhand der Aufzeichnungen über das bereits abgestürzte Gestein, ist das Abtauen des Permafrosts, das heißt des dauerhaft gefrorenen Bodens oder Gesteins im Inneren der Berge. Beide Phänomene hängen eng zusammen. »Treibende Größe ist der Temperaturanstieg, in beiden Fällen schmilzt Eis. Permafrost reagiert aber verzögert, weil die Temperaturwelle erst in den Boden eindringen muss. Das dauert Jahre«, meint Fischer.

Zusätzliches Problem dabei: »Die Verteilung der Gletscher kennen wir, die Verteilung des Permafrostes nicht.« Zwar werden Messungen gemacht; in Österreich gibt es eine Datenserie ab 2005 am Hohen Sonnenblick, seit 2007 misst Krautblatter an der Zugspitze. Eine Auswertung im Rahmen des Kryosphärenmonitorings Österreich 2023, das Forschungen sowohl zu den Eisschichten über dem Gestein als auch im Berginneren zusammenfasste, ergab, dass die Auftauschicht des Permafrosts zwischen 2014 und 2022 am Hohen Sonnenblick sich von etwa einem auf zwei Meter verdoppelt hatte. Das bedeutet, dass die Tauprozesse im Sommer tiefer in die Eisschicht eindringen, das Gestein folglich weniger fest gebunden ist und sich Felsstürze schneller und häufiger ereignen werden.

Was eher klein anmutet, kann große Auswirkungen haben. Auftauender Permafrost verursachte seit 2006 mehrere Bergstürze an der Eigernordwand, der letzte war 2025. Der Absturz von etwa drei Millionen Kubikmetern Gestein vom 3369 Meter hohen Piz Cengalo im Schweizer Kanton Graubünden im Jahr 2017 forderte acht Todesopfer. Im letzten Jahr wurde das Schweizer Bergdorf Blatten großflächig von einer Gerölllawine verschüttet. In diesem August lösten sich vom Matterhorn knapp 600 Meter unterhalb des Gipfels größere Gesteinsmassen.

Die Bergführer auf der italienischen wie der Schweizer Seite rieten von weiteren Besteigungen ab. Ein Bergsteiger, der dennoch den Aufstieg versuchte, verunglückte am 27. Oktober bei stärkerem Steinschlag und konnte nur noch tot geborgen werden. Wissenschaftlern wie Fischer und Krautblatter bleibt derzeit nur die Option, zu überwachen und zu warnen. Rückgängig machen lassen sich das Schmelzen der Gletscher und das Auftauen des Permafrosts nicht.

Umso bedrückender ist, dass Bergsport und Bergtourismus selbst noch zur Verschärfung der Klimakrise beitragen. Größter Treiber ist dabei laut einer Studie des Bundes Naturschutz Bayern (BN) die Anreise mit etwa 75 Prozent der Kohlendioxidemissionen in diesem Bereich.

Politisch wird der klimaschädliche Verkehr mit Privat-Pkw sogar noch gefördert. »Aktuell soll eine neue Vollautobahn ins Allgäu gebaut werden. Die Bundesstraße B12 soll breiter als die Autobahn, die wir bisher haben, ausgebaut werden«, kritisiert Thomas Frey vom BN gegenüber »nd«. »Wir führen dagegen ein Klageverfahren vor Gericht und sagen: Steckt nicht eine Milliarde in eine neue Autobahn im Allgäu, sondern steckt das Geld in die Bahn. Das wäre die klimafreundliche und ökologische Variante, denn dort haben wir ja die bekannten krassen Defizite.« Zudem führe der Ausbau dazu, dass die ohnehin belasteten Bergregionen noch stärker frequentiert werden.

Trotz Bergstürzen und Muren rückt der Mensch dort immer weiter vor. »Wir erleben einen erhöhten Nutzungsdruck gerade in zuvor weniger genutzten Räumen. Das Dorfwirtshaus unten macht zu. Aber oben an der Bergstation sollen Hochzeiten und andere Events stattfinden«, beschreibt Frey einen Aspekt der Verlagerung.

Auch der eigentlich klimafreundliche Tourismus mit E-Mountainbikes führt zu einer erhöhten Beanspruchung der Natur. »Das ist in den letzten Jahren um den Faktor zehn gestiegen. Man erreicht jetzt motorisiert Regionen, die früher mit eigener Muskelkraft kaum erreichbar waren«, erzählt Frey und befürchtet den nächsten Schub durch Exoskelette. Die anschnallbaren Bewegungshilfen wurden ursprünglich in Gesundheitswesen und Logistikbranche entwickelt, erobern aber inzwischen auch den Outdoor-Markt. Hersteller werben mit Sprüchen wie: »Kein Gelände ist tabu.«

Schon jetzt sorgen motorisierte Mountainbiker für empfindliche Störungen bei Flora und Fauna. »Die Ruhe- und Rückzugsräume von Birkhuhn, Auerhuhn und Schneehuhn sind empfindlich gestört. Die Populationen gehen zurück«, sagt Frey. Einschränkungen für motorisierten Verkehr, sei es auf dem Rad oder für den mit Exoskelett motorisierten Fußgänger, sind hier erforderlich.

Bedroht sind Pflanzen und Tiere aber auch durch den Klimawandel selbst. »Wir sehen, dass die diversesten Organismengruppen ihre Verbreitungsgebiete verschieben, um dem Klimawandel zu folgen. In den Bergen wandern sie langsam hoch. Allerdings geht es auf Gipfeln nicht mehr weiter«, sagt der Biologe Johannes Hausharter von der Uni Wien »nd«. Hausharter hat im Rahmen einer internationalen Langzeitstudie die Verdrängung bisher an Kälteperioden angepasster Vegetation durch wärmeliebende Arten auf 53 europäischen Gipfeln untersucht.

Der Befund ist eindeutig. Die Verdrängung findet statt, wenn auch mit Verzögerung. »Eine Pflanze reagiert nicht unbedingt sofort, wenn irgendwas nicht mehr ideal ist. Sie bleibt am Standort. Aber Wachstum und Samenproduktion fallen geringer aus. Und im Verlauf der Zeit sieht man die Effekte deutlich«, erklärt Hausharter.

Die Folge: »Wir verlieren Diversität. Gerade in Gebirgen kommen sehr viele Endemiten vor, also Arten mit einem sehr begrenzten Verbreitungsgebiet. Wenn die Art auf dem Berg ausstirbt, ist sie weg, weil sie den Sprung auf den Nachbargipfel dann doch nicht schafft«, meint der Biologe und prognostiziert auch einen ästhetischen Verlust: »Irgendwann wird die Landschaft dort oben bei einem Spaziergang im Sommer nicht mehr diese charakteristische Vielfalt an Blüten, Farben, Formen und Wuchsformen haben, sondern eine genauso artenarme Wiese sein, wie man sie im Tiefland sieht.«

Von Birkhuhn und Schneehuhn ganz zu schweigen. Und die Frage ist ja auch, was das tauende Berginnere überhaupt noch an aufgetürmtem Gestein für das Hochland bewohnende Wesen übrig lässt.

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Originally published bynd
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