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Klimapolitik | Deutschlands schrumpfende CO2-Lager

Nach neuen Berechnungen ist der Speicherplatz unter der deutschen Nordsee deutlich geringer als im Wirtschaftsministerium angenommen wird.

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Die Möglichkeiten, CO2 unter dem Meeresboden der deutschen Nordsee zu lagern, sind deutlich geringer als bisher angenommen. Foto: Unsplah/Robert Katzki Vor wenigen Tagen wandte sich die Umweltorganisation Greenpeace in einem offenen Brief an das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Die Grundannahmen der Bundesregierung zur CO2-Speicherung seien angesichts neuer Forschungsergebnisse nicht mehr aufrechtzuerhalten, heißt es darin.

Es geht um die Frage, wie viel Kohlendioxid unter den deutschen Teil der Nordsee passt und wofür die begrenzten Kapazitäten genutzt werden sollen. Der Forschungsverbund Geostor hatte Ende September neue Berechnungen vorgelegt. Demnach könnten unter der deutschen Nordsee 0,5 bis 1,5 Milliarden Tonnen CO2 tatsächlich nutzbar gespeichert werden.

Das CO2 soll an Industriestandorten abgeschieden, verflüssigt, über Pipelines oder Schiffe zu einem Speicher transportiert und tief unter dem Meeresboden in poröses Gestein gepresst werden. Dies ist Teil der Strategie der Bundesregierung, um die Ziele bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen zu erreichen.

»Tief unter der deutschen Nordsee liegen Gesteinsformationen, die ein Speicherpotenzial von einer bis sechs Milliarden Tonnen Kohlendioxid aufweisen«, hatte Geostor noch in seiner ersten Untersuchung des Speicherpotenzials vor der deutschen Nordseeküste geschrieben. Davon ist laut den Forschenden aber eben nur ein Bruchteil tatsächlich nutzbar. Große Flächen werden bereits anderweitig genutzt – etwa für Windkraft und Schifffahrt, durch das Militär oder als Schutzgebiete.

Entscheidend ist dabei nicht nur das Speichervolumen, sondern auch, wie schnell CO2 dort eingelagert werden kann. Selbst unter optimistischen Annahmen lasse sich der vom Wirtschaftsministerium angenommene zukünftige Bedarf von bis zu 70 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr mit den verfügbaren Speichern nicht decken, so Greenpeace. Geostor-Forschende hatten eine mögliche jährliche Injektionsrate von acht bis 23 Millionen Tonnen genannt.

Da andere Prognosen von »Restemissionen« im Jahr 2045 von 130 Millionen Tonnen oder mehr ausgehen, bleibt eine Riesenlücke beim Ziel der Klimaneutralität. Die neuen Erkenntnisse berühren damit einen zentralen Baustein der deutschen »Carbon-Management-Strategie«. In den 2024 beschlossenen Eckpunkten hatte die Bundesregierung festgelegt, wie die Abscheidung, der Transport und die Speicherung von CO2 – kurz CCS – ermöglicht werden sollen. Zentrale Teile dieses Konzepts wurden Ende 2025 mit dem Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetz in geltendes Recht gegossen.

Die Annahme in der Strategie, Deutschland würde über »erhebliche potenzielle Speicherkapazitäten für CO2« verfügen, sei angesichts der neuen Daten nicht mehr haltbar, argumentiert Greenpeace. Die Umweltorganisation fordert deshalb eine umgehende Überarbeitung. Damit stelle sich vor allem die Frage, wer Zugang zu den knappen Speichern bekommen soll. Greenpeace fordert, die Speicherkapazitäten ausschließlich für »nachweislich unvermeidbare Restemissionen« zu reservieren.

Welche Emissionen darunter fallen, ist allerdings nicht eindeutig definiert. Als Paradebeispiele gelten die Prozessemissionen aus der Zement-, Kalk- und Chemieindustrie sowie der Müllverbrennung. In der »Carbon-Management-Strategie« heißt es, CCS solle »insbesondere, aber nicht nur« für schwer vermeidbare Emissionen ermöglicht werden. Auch das CCS-Gesetz zieht diese Grenze nicht. Grundsätzlich sind damit alle CO2-Emissionen zugelassen, ausgenommen die Kohleverstromung.

»CCS darf nicht länger als Ausrede für die Verschleppung der Dekarbonisierung missbraucht werden.«

Eine Forderung des Bundesrates, auch Gaskraftwerke im Gesetz für CCS auszuschließen, lehnte die Regierung im vergangenen Jahr ab. Lediglich die staatliche Förderung beschränkt sich auf CCS-Projekte mit schwer vermeidbaren Emissionen. Ein Schlupfloch gibt es auch hier – über Klimaschutzverträge. Mit diesen will der Staat Industrieunternehmen die Mehrkosten einer klimafreundlicheren Produktionsweise ausgleichen.

Bis zu fünf Milliarden Euro könnten damit nach Darstellung von Greenpeace auch Projekten zugutekommen, die fossiles Erdgas nutzen. Das sei »nicht klimaneutral, sondern klimaschädlich«. Methanemissionen bei Förderung und Transport sowie unvollständige Abscheideraten – selbst moderne CCS-Anlagen können in der Regel rund 90 Prozent der CO2-Emissionen abfangen – würden erhebliche Restemissionen verursachen.

Greenpeace warnt deshalb davor, Milliarden an Steuergeldern in eine »ökonomisch auf absehbare Zeit unrentable« und unsichere Technologie zu stecken und damit Fehlanreize zu setzen. Das Wirtschaftsministerium plane etwa den Aufbau eines überdimensionierten CO2-Pipeline-Netzes. »CCS darf nicht länger als Ausrede für die Verschleppung der Dekarbonisierung missbraucht werden«, heißt es im offenen Brief. Geostor geht gegenwärtig von 100 bis 300 Euro pro Tonne abgeschiedenem und gespeichertem CO2 aus. Im EU-Emissionshandel kostet das Zertifikat für eine Tonne CO2 derzeit 75 Euro.

Auch die Geostor-Forschenden mahnen zu einem vorsichtigen Umgang mit dem Speicherplatz. Es gebe nach wie vor große Unsicherheiten über das tatsächliche Speichervolumen. Erst »bei der CO2-Einlagerung selbst« zeige sich, wie schnell der Porenraum verfüllt werde und der Druck im Speichergestein steige.

Dass zwischen theoretischen Speicherpotenzialen und tatsächlich nutzbaren Lagerstätten oft Welten liegen, ist keine neue Erkenntnis. Eine internationale Untersuchung kam vergangenes Jahr zu dem Ergebnis, dass die Größe der weltweiten Lagerstätten sehr viel geringer ist als frühere Schätzungen angenommen hatten. Mit Blick auf Deutschland kamen die Forschenden zu einer theoretischen Kapazität von 27 Milliarden Tonnen an Land und sechs Milliarden Tonnen unter der Nord- und Ostsee. Bei Berücksichtigung von Risiken schrumpft die Gesamtkapazität auf 1,3 Milliarden Tonnen, wovon drei Viertel unter dem Meer liegen. 

Greenpeace argumentiert zudem, die Erschließung unterirdischer Lagerstätten sei eine Gefahr für maritime Ökosysteme. Auch Geostor greift die Auswirkungen von Lärmbelastung und Versauerungsrisiken durch austretendes CO2 bei Leckagen auf. Wie groß die Gefahr durch Risse im Gestein ist, werde derzeit untersucht.

Auch beim Verpressen selbst gibt es Risiken. Durch den Druckanstieg im Speichergestein könnten sogar leichte Erdbeben ausgelöst werden. Sowohl Geostor als auch Greenpeace fordern deshalb strenge Auflagen, Kontrollen und Grenzwerte, etwa für den Lärm.

In Deutschland dürfte das Thema bald wieder den Bundestag beschäftigen. Bis Jahresende will die Bundesregierung ihre Strategie vorstellen, wie die deutsche Industrie dekarbonisiert werden soll. CCS wird dabei aller Voraussicht nach eine große Rolle spielen.

Die Bundesregierung treibt derweil das Thema weiter voran: Beim ersten »Strategischen Dialog« des Carbon-Management-Forums bekräftigte Staatssekretär Frank Wetzel, das Wirtschaftsministerium wolle den Hochlauf von CCS beschleunigen.

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