Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 3h

Kitas | »Der Fehler liegt im System«

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Ab Januar 2027 sollen Kinder mit seelischen Erkrankungen statt von Bildungsassistenzen in Standardgruppen betreut werden. Foto: dpa/Christian Charisius Ein Kind in einer Kita in Bremen wird gewaltvoll gegenüber anderen Kindern. Eine Betreuerin geht dazwischen, das Kind schlägt um sich, auch die Betreuerin bekommt einen Tritt gegen das Schienbein ab. Schließlich hält sie das Kind fest und »spiegelt sein Verhalten ein Stück weit«.

Die Geschichte hat Stefanie Lehmann schnell parat, schließlich ist sie erst »neulich« passiert, wie sie erzählt. Lehmann hat seit 1991, 25 Jahre lang, in Kitas gearbeitet. Besagte Kollegin, den Namen nennt Lehmann nicht, habe eine ähnliche Berufserfahrung wie sie. Ihr sagte man nach, einen guten Draht vor allem zu jenen Kindern zu haben, die besondere Unterstützung brauchen. »Bei der Dauerbelastung, wenn Kolleg*innen fehlen und krank sind, da wird manchmal überreagiert«, meint Lehmann. »Der Fehler liegt im System. Die Kolleg*innen benötigen in solchen Situationen Unterstützung und die Möglichkeit der Reflexion.«

Lehmann ist nach all den Jahren in den Kitas inzwischen im Personalrat. Armut, Fluchterfahrung, Kinder mit diversen Diagnosen: Das Spektrum an Herausforderungen in der Betreuung sei groß. »Da braucht es eine besondere Expertise. Leider ist das Qualifikationsniveau in den Kindertagesstätten im Rahmen des Fachkräftemangels eher nach unten gegangen«, schätzt sie. In Bremen sind im Schnitt 20 Kinder in einer Kita-Gruppe. Diese Größen werden nicht reduziert, wenn mehr Kinder mit Unterstützungsbedarf dabei sind. »Das ist eine Überforderung für alle.«

Durch die vom Kabinett bereits verabschiedete Reform der Kinder- und Jugendhilfe könnte sich das zuspitzen. Geplant ist, dass ab Januar 2027 Kinder mit seelischen Behinderungen keine eigene Bildungsassistenz mehr erhalten und stattdessen in Standardgruppen betreut werden. Das betrifft Kinder mit komplexen Beeinträchtigungen infolge psychischer Erkrankungen wie sozialer Phobie, Depressionen, somatischen Störungen oder Schizophrenie. »Für einige kann das funktionieren, aber viele Kinder brauchen durchaus mehr«, sagt Lehmann. »Der absolute Vorrang der Infrastruktur vor individuellen Hilfen, das wird schwierig für viele.«

Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:

→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen

Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd