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Kino | Zauberhafte Schwestern 2: Die Männer dürfen sich wieder weglegen

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Sandra Bullock (l.) als Sally Owens und Stockard Channing als Aunt Frances in einer Szene von »Zauberhafte Schwestern 2« Foto: dpa/Warner Bros Der vielleicht beste Kniff der »Practical Magic«-Reihe ist immer noch, dass die große Hetero-Romanze zwar zuverlässig aufgebaut ist, der dazugehörige Mann aber ebenso zuverlässig aus dem Verkehr gezogen wird – weil tot, verflucht oder im Koma. Ich bin »Zauberhafte Schwestern«-Ultra. Ich liebe Alice Hoffman, die Autorin der vierteiligen »Practical Magic«-Buchreihe, und habe selbst ihre obskureren Bücher gelesen. Sollte ich irgendwann dement werden, könnte ich safe immer noch den Score des Soundtracks pfeifen. Sandra Bullocks Haare als Sally Owens waren für mich immer Hair-Goals, und wenn ich reich wäre, würde ich es niemandem erzählen, aber es gäbe Signs (ich würde das Haus der Owens-Frauen nachbauen).

Natürlich war ich fix und foxi, als »Practical Magic 2« angekündigt wurde. Natürlich bin ich bei der ersten Gelegenheit ins Kino ins Preview geflitzt. Und natürlich habe ich mir vorher keinen Screener auf dem Laptop angesehen, denn »Practical Magic« auf einem 13-Zoll-Bildschirm zu gucken wäre selbst mir zu würdelos gewesen.

Und ich fand ihn entzückend. Zwei Stunden lang bekam ich ziemlich genau das, was ich mir von einem Wiedersehen mit den Owens-Frauen erhofft hatte: das leicht verschrobene Gefühl, einer Familie beim Familiensein zuzusehen, in die man seit Jahrzehnten gerne einheiraten würde.

Für alle, die nicht seit 1998 dabei sind, ist der Plot auch schnell erzählt: Die Owens-Frauen stammen aus einer jahrhundertealten Hexenfamilie, auf der ein ziemlich unpraktischer Fluch liegt – jeder Mann, in den sich eine von ihnen ernsthaft verliebt, muss früher oder später sterben. Schon der erste Film erzählte deshalb nur vordergründig von romantischer Liebe und eigentlich davon, wie die Schwestern Sally und Gillian Owens sich gegenseitig retten. In Teil zwei setzt sich die Geschichte mit Sallys Töchtern und der nächsten Generation der Familie fort.

Nadia Shehadeh ist Soziologin und lebt für Pop-Absurditäten und Deko-Ramsch.

Die Reaktionen auf den zweiten Teil sind bisher gemischt. Die einen rechnen Sandra Bullock und Nicole Kidman öffentlich ihr Alter vor, als müsse man sich für sichtbares oder eben nicht sichtbares Älterwerden neuerdings entschuldigen. Die anderen feiern genau das, wofür man nach fast dreißig Jahren überhaupt zurück zu den Owens-Frauen wollte: die Chemie zwischen Bullock und Kidman, das Wiedersehen mit den Tanten, die nächste Generation von Hexen und diese eigentümliche Mischung aus Melancholie, Gemütlichkeit und weiblichem Chaos, was schon den ersten Film so besonders gemacht hat. Ich feiere vor allem, dass »Practical Magic 2« das Kunststück fertigbringt, eine Liebesgeschichte zu erzählen, in der männliche Protagonisten nur am Rande vorkommen. 

Zur Erinnerung, falls es untergegangen ist: Bei den Owens-Frauen geht es, seit Alice Hoffman sie 1995 erfunden hat, um Schwesternschaft, um Trauer, um die Frage, was eine Familie zusammenhält, wenn sie von der Umgebung als unheimlich, seltsam oder schlicht zu weiblich markiert wird. Und eben um einen Fluch, der jeden Mann tötet, der sich in eine Owens-Frau verliebt – was man mit einem Augenzwinkern durchaus als das ehrlichste popkulturelle Statement zur Institution Hetero-Liebe lesen könnte, das die Neunziger hervorgebracht haben. Männer kommen in dieser Welt durchaus vor, sie werden geliebt, begehrt, geheiratet und betrauert. Sie haben nur die bemerkenswerte Angewohnheit, anschließend zu sterben, verflucht zu werden, zu verschwinden oder, wie nun, gleich für längere Zeit ins Koma zu fallen. Und vielleicht ist das der besondere Zauber der »Practical Magic«-Reihe.

Alice Hoffman tut formal vieles von dem, was eine konventionelle heterosexuelle Liebesgeschichte verlangt. Es gibt große Liebe, Begehren, Verlust, den einen Menschen, ohne den man vermeintlich nicht leben kann. Nur ist der Mann, der für all das benötigt wird, erstaunlich häufig gar nicht mehr anwesend, wenn die eigentliche Geschichte beginnt. Die romantische Liebe liefert den Anlass, aber die Frauen bekommen die Handlung. Man könnte fast sagen, der Hetenplot ist das trojanische Pferd von »Practical Magic«: Von außen sieht alles aus wie eine Geschichte darüber, ob eine Frau den richtigen Mann findet oder verliert; und kaum hat man das Ding ins Haus gerollt, purzeln Schwestern, Tanten, Mütter, Töchter, Hexen, Familiengeheimnisse und mehrere Generationen weiblicher Traumata heraus.

Das passt ziemlich genau zu dem, was Alice Hoffman selbst über ihre Geschichte sagt. »Practical Magic« sei eigentlich mehr eine Geschichte über Schwesternschaft als eine Liebesgeschichte. Genau so funktionieren Bücher und Filme auch: Das romantische Drama darf groß sein, aber eigentlich ist es nur Hintergrundrauschen, das man auch weglassen könnte.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil »Practical Magic« als Franchise ohnehin eine kleine Anomalie ist. Hoffman ist eine enorm produktive Schriftstellerin, die seit den Siebzigern Dutzende Romane veröffentlicht hat, von denen etliche heute gar nicht mehr oder nur schwer erhältlich sind – und auch »Practical Magic« sah 1998 zunächst nicht unbedingt danach aus, als würde daraus einmal ein popkulturelles Universum werden. Die Verfilmung wurde von der Kritik vernichtet, hat an den Kinokassen enttäuscht und entwickelte erst danach über VHS, DVD, Fernsehen und immer neuen Generationen von Zuschauerinnen zu dem, was man heute wohl Kult nennt.

Ausgerechnet ein Film über zwei Schwestern, ihre Tanten, eine weibliche Hexendynastie und einen Haufen Männer, die entweder tot sind oder besser nicht allzu lange bleiben, erwies sich als der langlebige Teil der Geschichte. Heute gibt es vier Owens-Romane, einen zweiten Kinofilm und eine Fangemeinde, die fast dreißig Jahre darauf gewartet hat, wieder in dieses Haus zurückzukehren. Nicht der hanebüchene Liebesplot hat »Practical Magic« über Jahrzehnte am Leben gehalten, sondern eine Frauenwelt, die groß genug war, um irgendwann weit über sie hinauszuwachsen.

Klar, man könnte einwenden, dass das immer noch eine erstaunliche Menge Liebesscheiße für eine Welt voller Frauen ist, die buchstäblich zaubern können. Und natürlich stimmt das. Aber vielleicht liegt gerade darin die Eleganz der Konstruktion: Die Liebe muss gar nicht verschwinden, damit der Mann aus dem Zentrum verschwinden kann. Die Owens-Frauen dürfen lieben, begehren, heiraten und trauern, ohne dass ihre Beziehungen untereinander deshalb zu Nebenhandlungen werden. Der Mann kann sogar die Liebe ihres Lebens sein – und ist trotzdem die nächsten neunzig Minuten tot.

Natürlich hätten die Owens-Frauen dieses romantische Gerüst nicht einmal nötig, weil ihre eigentliche dramatische Spannung längst existiert. In »Practical Magic 2« liegt sie beispielsweise zwischen einer Mutter, die aus Angst vor dem Fluch ihre eigenen Gefühle wegzaubert, und einer Tochter, die genau daran zu zerbrechen droht, weil ihr niemand beigebracht hat, mit unkontrollierten Emotionen umzugehen. Das ist Stoff genug für zwei Stunden, das ist psychologisch reichhaltiger als jede Bettkantenszene. Der Mann darf trotzdem da sein – beziehungsweise im Koma liegen –, während um ihn herum die interessantere Geschichte passiert. Die Owens-Welt ist nicht zu klein ohne Männer.

Und vielleicht ist der Hetenplot in »Practical Magic« deshalb gar kein störender Rest in einer ansonsten radikal weiblichen Geschichte, sondern ihr trojanisches Pferd: Die große Hetero-Liebe ist überall, nur die Männer sind es erstaunlich selten. Sie werden geliebt, ersehnt und betrauert, aber meistens sind sie längst tot, verschwunden, verflucht oder liegen irgendwo im Koma, während die Owens-Frauen die Geschichte unter sich ausmachen. Die Liebesschnulze darf also bleiben – nur der Mann muss dafür offenbar nicht unbedingt anwesend sein. Und ganz ehrlich: Vielleicht ist das die praktischste Magie von allen.

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Source: nd