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Kino | Das sieht aus wie Erbsensuppe
Wie verhält man sich in einem Kino? In Zeiten von Tiktok, Instagram, ADHS und kultureller Regression hat die Jugend verlernt, sich Filme anzusehen.
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Kein wohltuender Grusel ohne ein Mindestmaß an Ruhe: »Der Exorzist« (1973) Foto: Wikimedia Commons Kino war immer ein teures Vergnügen. Als Jugendlicher hatte man wenig Geld und die Auswahl war groß. Wollte man Jerry Lewis oder Louis de Funès beim exzessiven Grimassieren zuschauen oder doch lieber die steinerne Miene von Clint Eastwood betrachten? Man musste sich lange überlegen, für welches Kunstwerk (denn das waren Filme damals, wenn nicht gerade Thomas Gottschalk und Mike Krüger darin mitspielten) man sein angespartes Taschengeld ausgeben wollte.
Das Kino konnte früher, einer Bibliothek oder einer Kirche nicht ganz unähnlich, ein Ort der Andacht und der stillen Konzentration sein. Die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Beim Kinobesuch trat man in eine Parallelwelt ein, in der man, spätestens in jenem Augenblick, in dem das Licht nach und nach erlosch und der prunkvolle Vorhang sich öffnete, zu schweigen hatte.
Es gab die unausgesprochene Übereinkunft zwischen jenen, die sich im Kinosaal befanden, dass es die Klappe zu halten und stillzusitzen gilt, solange man sich in diesem Raum aufhält. Wer das Recht hatte zu flüstern, zu reden oder zu schreien, waren allein die Figuren auf der Leinwand.
Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute
Ich muss etwa 13 Jahre alt gewesen sein, als es mir gelang, die ältere Dame im Kinokassenhäuschen zu überreden, mich die Nachmittagsvorstellung von William Friedkins Horrorfilm »Der Exorzist« sehen zu lassen. Ich muss die bemitleidenswerte, ratlose Frau wohl minutenlang so unnachgiebig und penetrant angebettelt haben, bis sie, die Augen verdrehend, irgendwann aufgab und mir das Eintrittsticket zuschob.
Das kleine, sich im Souterrain befindende 70er-Jahre-Schuhschachtel-Kellerkino, das den überaus treffenden Namen »Studio Linse« trug und in dem zu jener Zeit fast ausschließlich ebenso lehrreiche wie farbenprächtige Exploitationfilme oder Martial-Arts-Streifen aus Hongkong gezeigt wurden – »Ilsa, She Wolf of the SS« (1975), »Sie nannten ihn Knochenbrecher« (1978), »Ein Zombie hing am Glockenseil« (1980) –, war an diesem Nachmittag nahezu leer.
Ich weiß noch, dass mich der Film seinerzeit ordentlich traumatisierte: das bedenklich wackelnde und rumpelnde Bett; das panisch schreiende Mädchen, dessen wehrloser Körper auf dem Bett hin- und hergeschleudert wurde; das Kruzifix, das es sich, das Gesicht zur teuflischen Fratze verzerrt und Masturbationsbewegungen vollführend, gewaltsam in den blutenden Unterleib stieß, wobei es besorgniserregende Schmatzgeräusche produzierte. »Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle!« Ein fraglos eindrucksvoller Satz, den ich damals zum Dorfpfarrer oder zu meinem Religionslehrer in der Schule möglicherweise nicht gesagt hätte.
Während der Film lief, konnte ich meine Augen nicht abwenden, obwohl ich von Zeit zu Zeit vor Schreck tief in den Kinosessel sank oder panisch meine Finger in die Armlehnen der mit einem violetten, samtartigen Stoff bespannten Kinositze krallte. Jedenfalls beinhaltete der Film genau die richtige Menge an Blasphemie, um einen Teenager behutsam aufs Erwachsenendasein vorzubereiten.
Das Entscheidende jedoch war vor allem: Es herrschte seinerzeit Ruhe unter den sieben oder acht Personen im Kino. Man ging noch nicht ins Kino, um mit seinen Freunden zwei Stunden lang ungestört zu plaudern und sich dabei ununterbrochen Popcorn in die Futterluke zu schieben, während nebenbei irgendwo da vorne irgendwelche bunten Bilder auf eine Leinwand projiziert werden.
»Der Exorzist« erfährt, in der sogenannten Director’s-cut-Fassung, derzeit seine Wiederaufführung in einigen Kinos deutscher Großstädte, weswegen ich mir dachte: Warum nicht jenen Film, der vor 45 Jahren dafür sorgte, dass ich nach dem Kinobesuch auf der abendlichen Heimfahrt angstgepeinigt und mit käseweißem Milchgesicht im Bus saß und mich von unsichtbaren Dämonen verfolgt wähnte, noch mal auf der ganz großen Leinwand anschauen? Vielleicht stellt sich ja unverhofft der Grusel von damals wieder ein?
Doch den Umstand, dass die unausgesprochenen Regeln, wie man sich in einem Kino zu verhalten hat, heute, in Zeiten von Tiktok, Instagram, ADHS und kultureller Regression, nicht mehr gelten, hatte ich gewaltig unterschätzt. Längst ist bekannt, dass Literaturwissenschaftsstudenten nicht mehr lesen (zu anstrengend, zu lange Texte, zu wenige Bilder), und selbst Filmhochschülern will es nicht mehr gelingen, einen ganzen Film lang bis zum Ende durchzuhalten (zu anstrengend, dauert zu lange, zu langsam geschnitten), wie ich aus einem großartigen Essay von Rose Horowitch erfuhr, der Anfang dieses Jahres in der US-amerikanischen Zeitschrift »The Atlantic« erschien. Selbst ein hyperkinetisch geschnittenes Bilder-Trommelfeuer wie »Everything Everywhere All at Once« (2022) wirkt angeblich auf junge Leute von heute wie ein siebenstündiger Theo-Angelopoulos-Film.
Das große Berliner Filmtheater, in dem William Friedkins 1973 gedrehter Klassiker gezeigt werden sollte, war an dem betreffenden Abend nahezu ausverkauft, sodass ich eingekeilt zwischen zwei Mittzwanziger-Pärchen saß, wodurch der Kinoabend zu einer einzigen Qual wurde. Das Gothic-Pärchen rechts von mir beschränkte sich darauf, zu knutschen und sich gelegentlich jeweils flüsternd zu Geduld zu mahnen (»Ich weiß, jetzt reden die wieder nur, aber wart’s ab, gleich eskaliert’s!«).
Doch der unablässig zwei volle Stunden lang laut schmatzend Popcorn fressende Jüngling links konnte keine drei Sekunden stillsitzen: Beine übereinanderschlagen, Beine wieder nebeneinanderstellen, dann ein Bein unter den Po, dann dieselbe Bewegungsabfolge umgekehrt, nervöses Klopfen mit den Füßen auf dem Fußboden, nervöses Tippen mit den Fingern auf den Oberschenkeln, dann Knacksen mit den Fingergliedern, sich mit den Ellbogen und Unterarmen am Oberkörper reiben, sich dann mit der Hand stöhnend in den Nacken fassen, sich erst mit der linken Hand an die Nase fassen, sich dann mit der rechten an die Nase fassen, dann mit beiden Händen, dann sich mit den Händen durch die Haare fahren, mit den Händen die dauervibrierenden Knie umfassen, sich nach vorne beugen, sich wieder zurücklehnen, geräuschvoll auf dem Sitz hin- und herrutschen, dann im Sitz eine Liegeposition ausprobieren, dann sich wieder im Sitz aufrichten, dann dieselbe Bewegungsabfolge umgekehrt, Popcorntüte zwischen die Beine, Popcorntüte auf den Boden, Popcorntüte probeweise zusammenknüllen und wieder auffalten.
So ging das in einem fort. Alle fünf Minuten kommentierte er, an seinen neben ihm sitzenden Freund gewandt, laut die jeweils gerade zu sehende Szene: »Guck mal, wie sie schwebt!« – »Das sieht ja aus wie Erbsensuppe!« – »Boah, jetzt hat der die Brühe auf seinem Gesicht!«
Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht bei Bedarf hier von geschulten Kinomitarbeitern mit Knebeln und Zwangsjacken für Abhilfe gesorgt werden sollte. Sicher ist jedenfalls: Der bis auf Weiteres beste Horrorfilm bleibt Michael Hanekes »Der siebente Kontinent« (1989).
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