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Jugendproteste in Frankreich | Der gefährliche Funke

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Bei den Schulprotesten gab es auch Sachbeschädigungen und brennende Mülltonnen. Inzwischen gab es hunderte Festnahmen. Foto: dpa Seit mehreren Tagen demonstrieren Schülerinnen und Schüler gegen überfüllte Klassenzimmer, unbesetzte Lehrerstellen, marode Schulgebäude und den weit verbreiteten Mangel an Bildungsressourcen in Frankreich. Doch in den Nachrichten dominieren vor allem die Auseinandersetzungen auf der Straße und die Bilder von einigen brennenden Mülltonnen. Das Ziel dabei ist klar: Das Thema Bildungsmisere aus den Medien verdrängen – und dafür die Debatte um die »öffentliche Sicherheit« in den Vordergrund zu rücken.

Das ist eine bewusste Strategie. Was die Machthabenden wirklich beunruhigt, ist nicht die mögliche Blockade einer Schule für einige Stunden. Es ist die mögliche »Ansteckung«. Die Befürchtung, dass ein Schüler aus Montauban, Grenoble oder Saint-Brieuc seine eigene Situation in der eines Schülers aus Saint-Denis oder Villejuif wiedererkennen könnte: Derselbe Ressourcenmangel, dieselben überfüllten Klassenzimmer, dasselbe Gefühl, dass die öffentlichen Schulen jedes Jahr ein bisschen weiter verfallen. Damit wird es ebenso schwierig, die Schüler wieder in den Unterricht zu bekommen, wie Zahnpasta zurück in die Tube.

Die französische Tageszeitung »L'Humanité« wurde 1904 vom Sozialisten Jean Jaurès gegründet. Ursprünglich als Sprachrohr für die sozialistische Bewegung gedacht, vertritt sie seitdem konsequent linke und sozialistische Positionen. Sie setzt sich für soziale Gerechtigkeit, Arbeitnehmer*innenrechte und weltweiten Frieden ein.

Die Zeitung ist das ehemalige Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF). 1999 entfiel der explizite Hinweis auf die Partei. Seit 2004 gehört die Zeitung zu 40 Prozent der PCF, Freund*innen und Mitarbeiter*innen halten je zehn Prozent, die Gesellschaft der Freunde 20 Prozent und Großunternehmen wie Sparkassen, der Sender TF1 und der Rüstungskonzern Lagardère den Rest. Heute arbeiten bei der »L'Humanité« etwa 60 Redakteur*innen; die Zeitung hat etwa 40 000 Abonnent*innen. Das 1930 erstmals begangene Pressefest, die Fête de L’Humanité, ist bis heute ein wichtiger Termin des gesellschaftlichen Lebens in Frankreich.

Am effektivsten wird von den Kritikern der Schulproteste offenbar angesehen, wenn diese auf eine klar definierte Kategorie beschränkt werden: das »Problem der Jugendlichen aus den Vororten«. Dabei wird betont, dass diese Jugendlichen einen Migrationshintergrund hätten. In diesem Kampf um die Deutungshoheit spielen rechte und rechtsextreme Medien eine zentrale Rolle. Die Art und Weise, wie bestimmte Fälle behandelt werden, ist aufschlussreich.

Als Bally Bagayoko, der Bürgermeister von Saint-Denis, die Schüler seiner Stadt traf, die den Ausbruch der Unruhen ausgelöst hatten, war der Aufruhr sofort groß. Stundenlang berichteten die Medien und warfen ihm vor, nicht die Schüler zu unterstützen, sondern Unruhen und Gewalt zu schüren, wenn nicht gar selbst provoziert zu haben.

Im Gegensatz dazu änderte sich der Tonfall, als Mediapart, ein angesehenes Nachrichtenportal, eine Untersuchung veröffentlichte, die antisemitische Äußerungen von Jordan Bardella (einem der Führer des rechtsextremen Rassemblement National – d.R.) aus seiner Jugendzeit aufdeckte. Diejenigen, die Bagayoko aufgrund manipulierten Videomaterials ins Visier nahmen, fordern nun im Falle Bardella »eine gründliche journalistische Recherche«.

Ziel ist es, durch die ständige Darstellung von Arbeitervierteln und ihren Bewohnern als »Sonderproblem«, das dem Rest des Landes fremd erscheint, die Vorstellung zu verankern, dass die Bewohner von Kleinstädten, ländlichen Gebieten und Vororten – der Banlieue – angeblich nichts gemein hätten. Dabei ähneln sich ihre Sorgen: der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, die marode Infrastruktur und die Verarmung.

Die Nervosität der Regierung und der rechten Medien ist verständlich: Jugendmobilisierungen waren in Frankreich schon immer Auslöser großer gesellschaftlicher Umbrüche. Junge Menschen besitzen eine einzigartige Triebkraft: Sie mobilisieren Eltern und Lehrer und schaffen eine Annäherung, die Regierungen fürchten, insbesondere angesichts brodelnder sozialer Unzufriedenheit. Wenn Gymnasien blockiert werden, signalisiert dies, dass die gesamte Gesellschaft vom »Umkippen« bedroht ist.

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Source: nd