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Jugendhilfe | »Was nicht unfassbar schlimm ist, wird ausgesessen«
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Sozialarbeiter*innen der Jugendhilfe demonstrieren in Hamburg. Foto: dpa/Georg Wendt Zwei Anrufe bei der Jugendhilfe des Allgemeinen Sozialen Diensts in Hamburg, mehr oder weniger zeitgleich. Anruf Nummer eins stammt von einem Krankenhaus: Ein Kind, unter drei Jahre alt, wurde mit verdächtigen schweren Verletzungen eingeliefert. Anruf Nummer zwei: Ein neunjähriges Kind zeigt in einer Schule akut fremdgefährdendes Verhalten. Die diensthabenden Sozialarbeiter*innen können nicht beide Fälle gleichzeitig übernehmen, dazu sind nicht genügend Menschen vor Ort. Sie entscheiden sich für das Kind im Krankenhaus. Später stellt sich heraus: Dort gab es, glücklicherweise, keine Gewalteinwirkung. Die Schule von Anruf Nummer zwei alarmiert dagegen, nachdem der Sozialdienst nicht erscheint, die Polizei. Die liefert das Kind in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie ein.
An solche Anekdoten denkt C., Sozialarbeiter, wenn er von einem Triage-System in der Jugendhilfe spricht. In seinem Bereich geht es um Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung. Acht Jahre lang hat er Kinder und Jugendliche betreut. »Dieser Krisendienst geht an die Substanz. Wenige von uns bleiben mehrere Jahrzehnte dabei«, sagt er. Seit zwei Jahren ist er in der Projektfinanzierung beschäftigt. Auch das mache aktuell nicht sonderlich Spaß, weil sie so viele Projekte kürzen müssten.
»Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit, nicht nur die Verwaltung von Elend.«
Die Priorisierung von Fällen gehöre bei den Jugendämtern inzwischen zum Alltag. In Hamburg gab es über drei Jahre ein Personalbemessungsprojekt, dessen Durchführung ist im Sozialgesetzbuch verankert. Demnach gibt es einen Mehrbedarf an knapp 150 Personalstellen. Aufgrund der Kassenlage sollen weniger als die Hälfte besetzt werden.
Die Konsequenz: »Alles, was nicht unfassbar schlimm ist, wird ausgesessen.« Jugendämter müssen Hausbesuche streichen, Familien mit weniger akuten Problemen sehen sie nur noch einmal pro Jahr – das heiße dann »Standardabweichung aufgrund von Überlastung«. Durch die starke Fluktuation ist immer weniger erfahrenes und gut ausgebildetes Personal im Einsatz. Jugendliche wollen sich nicht mehr auf neue Betreuer*innen einlassen, weil sie ständig neu zugeteilt werden. »Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit, nicht nur die Verwaltung von Elend«, so C., der anonym bleiben möchte und dessen Name der Redaktion bekannt ist.
Die Pläne der schwarz-roten Bundesregierung würden die Situation verschärfen und seien per se »familienunfreundlich«, fürchtet er. Er meint damit etwa die Reduzierung von Elterngeld und der Unterhaltsvorschüsse, die Zusammenführung der Eingliederungshilfe in den Ämtern, um Kosten zu sparen: »Am Ende sind die Leidtragenden die Kinder«.
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Source: nd