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Jazztage Leipzig | Dieses G-Moll ist nicht staatsfeindlich
Die Jazztage Leipzig finden zum 50. Mal statt. Ausgiebig feiert man sich selbst – und die Freiheit der Musik. Ein Zwischenbericht.
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Blumen für Bach: der Star der Jubiläumsausgabe Jason Moran in der Thomaskirche Foto: Lukas Diller Instrumentale Musik hat ihre praktischen Seiten. »Es lässt sich schlecht behaupten: Dieses G-Moll ist staatsfeindlich«, meint Stefan König. Der Jazzpianist erinnert sich in einem Audio-Beitrag an seine Jahre an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT).
In der Messestadt tickten die künstlerischen Uhren zu DDR-Zeiten anders als in weiten Teilen der Republik. 1976 fanden die ersten Leipziger Jazztage statt – und schon im zweiten Jahr gelang es den ehrenamtlichen Veranstaltern vom Jazzclub, internationale Bands einzuladen. Keine Texte, keine Zensur – so einfach.
Von Geschichten wie diesen erfährt man im von Caro Behr aufwändig produzierten Audiowalk der Jazztage. Das Format »Jazz im Ohr« zeichnet ein hochspannendes, vielstimmiges Bild des Leipziger Jazz und setzt vergangene, gegenwärtige und zukünftige Perspektiven miteinander in Beziehung.
Die Kongresshalle am Zoo kommt vor, natürlich das Free-Jazz-Zentrum, die Nato, die HMT und deren kurzzeitiger Spielort Telegraph. Als der Besitzer des Kellerclubs pleiteging, schafften die Studierenden über Nacht den Flügel hinaus – kurz bevor der Gerichtsvollzieher auftauchte. Anlass des Audiowalks: das 50. Jubiläum der Jazztage.
Der Jazz ist in diesen Tagen allgegenwärtig in Leipzig. Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra war zweifellos eine hervorragende Wahl für den Eröffnungsabend der Jazztage am vergangenen Samstag im Opernhaus. Der 88-jährige Pianist ebnete in den 60ern den Weg für einen freieren Jazz – nicht nur in Deutschland.
Zudem feiert das Globe Unity Orchestra 2026 seinen 60. Geburtstag. Zu der 13-köpfigen Band gehören Größen wie Evan Parker und Rudi Mahall, die reichlich Zeit für Soli bekommen. Der Abend ist weitgehend frei von dynamischen oder harmonischen Konzepten; unangenehmer noch: Niemand scheint sich dafür zu interessieren, was die anderen spielen. Dennoch gibt es verdiente Standing Ovations für ein Leben im Dienste der musikalischen Freiheit.
Anschließend ein für Leipzig typischer Bruch: Charlie Hunter und Ella Feingold spielen einen reduzierten instrumentalen Funk mit zwei E-Gitarren. Hunters Technik ist besonders verblüffend. Während er Melodien und Akkorde spielt, übernimmt der Daumen seiner rechten Hand auf einer zusätzlichen tiefen Saite die Bassläufe. Die beiden treten selten zusammen auf. Nach einem von Hunters ultralässigen Soli kommentiert Feingold, ehrlich berührt: »Das muss ich erst mal sacken lassen.« Dazu kommt mit Isaac Kizito ein fantastisch feinfühliger Drummer. Ein für Free-Jazz-Freunde sicher gewöhnungsbedürftiger Ausklang des Abends. Wer Joe Pass, James Brown und die Meters schätzt, dürfte seinen Spaß gehabt haben.
Am nächsten Tag atmet das junge Festivalteam auf: Mit dem UT Connewitz, dem wohl schönsten ehemaligen Kino Deutschlands, steht eine typischere, unkomplizierter zu bespielende Spielstätte auf dem Programm. Der Laden ist voll, die Stimmung Connewitz-like entspannt. Das Quartett ADHD hat sein komplettes Equipment aus der Heimat Island mitgebracht, darunter eine tonnenschwere Hammond-B3-Orgel mit Rotationslautsprecher. Der warme, fauchende Klang des Instruments ist prägend für den dichten Sound dieser Post-Jazz-Band. Oder sollte man es Post-Blues nennen? Ausladende Soli sind hier an der Tagesordnung – ein angenehm einlullender Retro-Sound.
Ganz selbstverständlich setzen die Jazztage auf etliche Bands mit rein weiblicher Besetzung – 1976 noch undenkbar. Die fünf Frauen des in Leipzig gefeierten Vokalensembles Sjaella orientieren sich am Barockgesang. Ihre Fusion mit Electronica und Filmmusik in der Patina-reichen Schaubühne Lindenfels funktioniert nur zusammen mit dem Münchner Synthie-Pop-Duo Fallwander. Ohne Begleitung ergeben sich Sjaella dem Bombast-Pop.
Aufregender: der Auftritt des österreichisch-italienischen Quartetts Loaness um Sängerin Laura Zöschg in der Nato. Die geisterhaft anmutenden dreistimmigen Gesangsharmonien passen erstaunlich gut zu Yvonne Moriels Altsaxofon und Ruth Gollers bollerndem E-Bass. Ein anspruchsvoller, poetischer und stets überraschender Abend, an dem anders als bei Schlippenbach alle aufeinander hörten.
Und dann ist da noch Jason Morans Solokonzert. Der US-Pianist ist, neben Bill Frisell und Norma Winstone, der Star der Jubiläumsausgabe. Moran betritt die Thomaskirche mit einem Blumenstrauß in der Hand. Johann Sebastian Bach liegt nur wenige Meter vom Flügel begraben. Eine Verbeugung vor dem Publikum, eine 180-Grad-Drehung, noch eine Verbeugung. Womöglich an den gekreuzigten Jesus gerichtet, wahrscheinlicher noch gilt sie Bachs Grabplatte. Moran legt die Blumen vorsichtig auf den Rand des Flügels und beginnt zu spielen.
Das Programm des Pianisten mit dem Titel »Plays Duke Ellington« lehnte sich eng an das gleichnamige Album an, nur die Zugabe stammt von Moran. Der scheut sich nicht, sowohl die ganz tiefen als auch die hohen Register ausgiebig zu bespielen. »Black and Tan Fantasy« wird gefühlte zehn Minuten lang von dunklem, donnerndem Grollen dominiert. »Der Blues ist ein Spiegel, er ist uns allen nahe. Deshalb passt er so gut in einen Raum wie diesen«, so Moran. Nach dem Konzert platziert er den Blumenstrauß, der die gesamte Zeit über auf dem Flügel gelegen hat, auf Bachs Grabplatte und geht ab. Ein würdevolles Ende eines grandiosen Abends, so stimmig wie jeder dieser Jazztage.
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