Germany nd
Indigene Rechte | »Hunger nach Gerechtigkeit« in Honduras
Mabel Robledo kämpft für die Landrechte der afroindigenen Garífuna in Honduras und gegen die Reichen und Mächtigen.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Foto: Jutta Blume Mabel Robledo, Sie setzen sich dafür ein, die angestammten Territorien der Garífuna zurückzugewinnen. Wie genau funktioniert das?
Ich persönlich war an drei Rückeroberungen von Land beteiligt. In den letzten Jahren haben wir innerhalb unserer Gemeinden etwa 280 Hektar Land zurückgewonnen, das sich in den Händen Dritter befand. Obwohl die Gemeinde Nueva Armenia unter beengten Verhältnissen lebte, gab es nur etwa 500 Häuser, und in jedem Haus lebten bis zu 12 oder 14 Personen. Mütter lebten dort mit ihren Kindern und Enkelkindern.
Mittlerweile konnten auf jedem der zurückgewonnenen Grundstücke Wohnungen geschaffen werden, was jungen Menschen die Möglichkeit gibt, nun ein Haus zu besitzen, ein Stück Land, das sie bewirtschaften können, und ein Erbe, das sie ihren Kindern hinterlassen können.
Sie sind seit Ende 2018 aktiv im Kampf um die Territorien der Garífuna, der auch mit persönlichen Bedrohungen einhergeht. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese Weise zu engagieren?
Ich glaube, dass ich von den Ahnen auserwählt wurde, mich in die Verteidigung des Territoriums einzubringen. Denn ich habe ja mein eigenes Haus, finanziell ging es mir gut, ich hatte meinen eigenen Beruf und studierte Jura an der Universität – es war mein drittes Studium. Doch eines Nachmittags informierte mich ein Mann, dass sich Fremde auf einem unserer Territorien aufhielten, die behaupteten, Bauern zu sein. Ich ging zur Gemeindeverwaltung, und man sagte mir: »Such dir fünf Leute, und sag diesen fünf, sie sollen sich weitere fünf suchen.« Und so ging die Kette weiter. Als wir bei dem Grundstück ankamen, standen dort etwa acht Leute mit Macheten, die uns nicht darauflassen wollten. Aber wir waren mehr als 100 Garífuna.
Mabel Robledo, 39, stammt aus der Garífuna-Gemeinde Nueva Armenia an der honduranischen Atlantikküste. Die Garífuna, Nachfahren von Indigenen und aus Afrika verschleppter Menschen, lebten bereits an der Küste, bevor dort der Staat Honduras gegründet wurde. Als afroindigene Bevölkerungsgruppe verfügen sie über besondere kollektive Landrechte auf ihren angestammten Territorien, die aber in der Praxis weitgehend missachtet werden. Garífuna-Aktivist*innen versuchen ihr Recht daher vielfach durch die Wiederbesetzung von Grundstücken durchzusetzen.Robledo war bis 2018 Inspektorin bei der honduranischen Nationalpolizei. Seit 2018 ist sie Aktivistin für die Rechte der Garífuna und seit 2022 Gemeindepräsidentin von Nueva Armenia. »nd« traf sie bei einem Besuch in Berlin.
Sie waren damals erfolgreich gegen die Invasoren. Aber danach wurden Sie bedroht.
Es war so, dass sie alle Anführer bedrohten; einer ging nach Spanien, andere zogen in die Vereinigten Staaten. Von allen blieben nur noch zwei von uns im Dorf zurück. Also übernahmen wir beide die Führung. Später wurde auch ich bedroht und ging für drei Monate nach Costa Rica. Von dort kehrte ich zurück und blieb schließlich in meiner Gemeinde.
Warum ist es so schwierig, die Garífuna-Gebiete zurückzugewinnen? Gegen welche Interessen kämpfen Sie?
Unsere Gebiete sind wegen ihrer unberührten Strände und der Vielfalt der Natur sehr begehrt. Und genau das möchten Investoren an Ausländer verkaufen, denn Touristen sehnen sich nach einer Gegend, in der sie Ruhe finden und eine Verbindung zum Meer herstellen können. Und die einzigen, die über solche Gebiete verfügen, sind die Garífuna-Gemeinden.
Auch die Drogenhändler haben ein Auge auf unsere Gemeinden geworfen, weil sie weit ab von der Stadt liegen. Sie können sich dort leicht vor dem Gesetz und ihren eigenen Feinden verstecken.
Auch die Cayos Cochinos, ein Archipel vor der Küste von Nueva Armenia, gehören zum Gebiet der Garífuna. Dort gibt es einen besonderen Konflikt, in den die Stiftung Fundación Cayos Cochinos verwickelt ist, die angeblich den Naturschutz in diesem Meeresgebiet gewährleistet.
Die Cayos Cochinos wurden 1993 zum Schutzgebiet und 2003 zum Naturdenkmal erklärt. Die dortige Gemeinde wurde nicht konsultiert. Seit der Einrichtung des Schutzgebiets sind bis heute in der Region mehr als 13 Fischer verschwunden. Dort auf den Cayos Cochinos nahm ich an meinem ersten Protestcamp teil. Anlass dieser Versammlung war, dass Marineangehörige einen jungen Mann ins Visier genommen, ihre Gewehre auf einige unserer Leute gerichtet und anderen Fischern den Fang weggenommen hatten.
Im Jahr 2026 kam der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte zu dem Urteil, dass der honduranische Staat bei der Einrichtung des Naturschutzgebietes Cayos Cochinos das Recht auf freie vorherige und informierte Konsultation verletzt habe. Auch bezüglich der Dreharbeiten zu Reality-Shows auf den Cayos wurde die Gemeinde nicht konsultiert. Dennoch wurde in diesem Jahr weiter die Sendung »Supervivientes« gedreht.
Worum geht es in »Supervivientes«? Ist Ihnen bekannt, wie viel Geld die Stiftung dafür erhält, die Cayos Cochinos als Filmschauplatz zu vermieten?
Die Sendung wird seit 2006 gedreht. Ihre Macher wollen den Menschen in Spanien die Idee verkaufen, dass die Teilnehmer dort auf einer abgelegenen Insel leben, wo es nur Mücken und wilde Tiere gibt. Das ist eine Lüge, denn diese Insel wird von Garífuna wie mir bewohnt. Um dieses Bild zu verkaufen, müssen sie den Fischern verbieten, dort zu fischen, und Booten die Durchfahrt untersagen, die in dem Gebiet im Rahmen des nachhaltigen Tourismus unterwegs sind.
Die Stiftung ist nur eine Fassade – der Vertrag über die Dreharbeiten besteht zwischen der Sociedad de Inversiones Ecológicas S. A., der Sendung »Supervivientes« und dem honduranischen Staat. Nur weil das Gebiet nicht mit einem privaten Unternehmen ausgebeutet werden konnte, wurde ein Schutzgebiet geschaffen. Es ist die schlimmste Form der Korruption, die es auf der Welt geben kann. Wir fragen die Stiftung immer wieder, ob es Studien darüber gibt, wie sich die Dreharbeiten der Reality-Shows auf die Artenvorkommen in der Region auswirken, aber sie behaupten, es gebe keinerlei ökologischen Schaden.
Früher fanden die Dreharbeiten von Februar bis Juni statt, es kamen nacheinander zwei Teams. Seit 2025 reichen zwei Filmdrehs nicht mehr aus. Schon vor der Eiablage der Schildkröten kommen sie wieder zurück. Wir schätzen, dass etwa 1,5 bis 2 Millionen Dollar pro Jahr mit den Dreharbeiten eingenommen werden.
Kommt von diesem Geld etwas bei der Gemeinde an oder fließt in den Umweltschutz?
Nein. Es ist ein lukratives Geschäft. Man muss keine Steuern zahlen, da es sich um ein Schutzgebiet handelt. Sie erhalten Unterstützung von anderen Organisationen, da das Gebiet geschützt werden muss. Die Gemeinden leben unter prekären Bedingungen. Von diesen Dreharbeiten profitieren nur die Hotelbesitzer. Das wirtschaftliche Interesse steht über dem Umweltschutz.
Ihr letztes Protestcamp auf den Cayos Cochinos wurde gewaltsam geräumt. Gegen wessen ökonomische Interessen kämpfen Sie dort?
Einer der größten Investoren dort ist der Eigentümer der Banco Azteca in Honduras und Mexiko, Ricardo Salinas Pliego. Da wird also schnell klar, mit wem wir es zu tun haben. Man stößt auf Namen der mächtigsten Familien in Honduras wie die Kafatis, die Canahuatis, die Rosenthals und die Carrións. Wir haben es hier also nicht mit irgendwelchen armen Schluckern zu tun.
Sie haben erzählt, dass Sie schon einmal für eine Zeit außer Landes fliehen mussten. Welchen Bedrohungen sind Sie aktuell ausgesetzt?
Keine vier Monate nachdem wir unser erstes Protestcamp veranstaltet hatten, bot man mir bereits 380.000 Lempiras an. In meiner jetzigen Position hat man mir sogar Millionen Lempiras (Zehntausende Euro, Anm. d. Red.) angeboten. Aber dies ist kein Kampf, bei dem es um individuelle Interessen geht – es geht um kollektive Interessen.
Ich habe Hunger, aber Hunger nach Gerechtigkeit, Hunger nach Gleichheit, Hunger danach, ein Vermächtnis zu hinterlassen. Ich könnte eine Menge Dinge erzählen, die mir widerfahren sind. Nachdem ich vor Gericht ausgesagt hatte, wurde auf mich geschossen. Die Polizei nahm mich fest, brachte mich ins Gefängnis und schlug mich. Als ich Honduras jetzt verließ, um nach Europa zu kommen, hatten vier Auftragskiller grünes Licht erhalten, und sie sind noch auf mich angesetzt.
Wir kämpfen gegen Leute, die wirtschaftliche und politische Macht haben. Sie haben die finanziellen Mittel, jemanden umbringen und verschwinden zu lassen. Und wir leben in einem Land, in dem die Polizei nicht ermittelt.
Was bedeutet diese permanente Bedrohung für Ihr persönliches Leben, für Ihren Alltag?
Man muss sich bewusst sein, was man tut und welche Risiken dieser Kampf mit sich bringt. Man muss Sicherheitsvorkehrungen treffen und verstehen, dass sich das eigene Leben verändern wird. Einfach Zeit mit Freunden verbringen, in ein Restaurant gehen oder ins Fitnessstudio, das geht nicht. Ich bin Einzelgängerin, bewege mich aber nur im Rudel, wenn ich etwas erledigen muss. Ich muss allen misstrauen.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.