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High-Deck-Siedlung Neukölln | Zwischen Bettwanzen und Baustelle
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Die markante Architektur in der High-Deck-Siedlung verfällt zunehmend. Foto: imago/Sabine Gudath »Hier haben wir so eine kleine Perle«, sagt Katharina Birke, als sie die Treppen heraufsteigt. Im ersten Stock deutet sie auf eine Stelle knapp unter der Decke. Zu sehen ist eine Wand, aus der Heizungsrohre herausgucken. Die Dichtung ist zerfetzt, die Rohre liegen an einer Stelle blank. »Dieses Heizungsrohr bespielt die Küchen von vier Mietparteien. Es ist seit Januar 2025 defekt«, erzählt Birke. Ihre eigene Küche ist auch betroffen. Eine Mietminderung oder elektronische Heizgeräte als Ersatz habe es nicht gegeben, sagt Birke. Im November 2025 sei die Heizung einfach eingeschaltet worden, »es lief dann über Tage hier Wasser ins Haus«. Birke hat Fotos und Videos davon, die »nd« vorliegen. Weiter unten im Treppenhaus sieht man an der Stelle des Wasserlaufs gewölbten und abgeblätterten Putz.
Birke ist Bewohnerin der High-Deck-Siedlung in Neukölln. Sie heißt eigentlich anders, ihr echter Name ist der Redaktion bekannt. Die 40-Jährige gehört zur Kiezinitiative High-Deck-Siedlung, die sich in den vergangenen Monaten gegen aus ihrer Sicht unhaltbare Mietzustände eingesetzt hat. Die Siedlung wurde in den 70er Jahren gebaut. »Eigentlich ein richtig cooles architektonisches Projekt«, sagt Birke. Die Mietwohnungen sind in der Mitte über ein »Deck« verbunden, das wie eine Brücke oder eine Hochbahn über der Straße entlangführt und somit ein autofreier Bereich ist. Das Konstrukt erstreckt sich auf zwei Seiten der Sonnenallee und gehört der Hogowe.
Gleich hinter der Wand mit dem kaputten Heizungsrohr deutet Birke auf den Fahrstuhl. Auch der ist außer Betrieb. »Es gab drinnen so Stroboskop-Effekte, ganz ungefährlich war das nicht«, erzählt sie. Erst nach Wochen habe die Hausverwaltung einen Aufkleber angebracht, damit die Menschen nicht irrtümlich dächten, sie könnten den Fahrstuhl in diesem Zustand benutzen. Damit, sagt Birke ironisch, sei das Problem aus Sicht der Howoge »sozusagen gelöst«. Für alte Menschen oder Eltern mit Kleinkindern sei der defekte Fahrstuhl in einem mehrstöckigen Haus eine Belastung.
Ansonsten kommuniziere die Howoge immer nur per Aushang, selbst bei akuten Vorfällen wie Legionellen-Befall – eine sporenbildende Bakterie, die in Wasser lebt und Lungenkrankheiten auslösen kann. Dabei verstünden viele Bewohner*innen kein Deutsch.
»Die denken sich eben: wo kein Kläger, da kein Richter.«
Etwa 7000 Menschen leben hier in der High-Deck-Siedlung – die meisten mit geringem Einkommen und Migrationsgeschichte. In einem Monitoring im Auftrag des Berliner Senats wurde schon 2008 in der Siedlung eine »sehr problematische Entwicklung« festgestellt. Auch das könnte ein Grund dafür sein, dass die Anliegen der Mieter*innen so nachlässig behandelt werden, glaubt Katharina Birke. »Die denken sich eben: wo kein Kläger, da kein Richter.« Viele Menschen würden ihre Rechte nicht kennen oder könnten ihre Anliegen nicht kommunizieren.
Die High-Deck-Siedlung gehört dem Wohnungsunternehmen Howoge, das sich im vollständigen Besitz des Landes Berlin befindet. Auf nd-Anfrage sagt ein Sprecher, dass die Wohnungsgesellschaft »die Sorgen« der Mieter*innen »sehr ernst nehme«. Und er erklärt: »Die Siedlung wurde von der Howoge in einem baulich sehr schlechten Zustand und mit einem erheblichen, über viele Jahre entstandenen Instandhaltungsrückstand übernommen.«
Die Siedlung hatte zuvor dem Immobilienkonzern Vononovia gehört und war 2021 unter undurchsichtigen Bedingungen – nämlich ohne Einbeziehung des Abgeordnetenhauses – und zu einem hohen Preis an Berlin verkauft worden. Das war Teil eines größeren Kaufs, bei dem die Stadt den fusionierten Unternehmen Vonovia und Deutsche Wohnen ingesamt 14.000 Wohnungen abkaufte. Angetrieben wurde der Ankauf damals von der SPD. Kritik gab es daran sowohl von den damaligen grünen und linken Koalitionspartnern als auch von der Opposition. Die damalige Fraktionschefin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, sagte dem RBB in diesen Tagen: Die Fragen zum Zustand, Sanierungsbedarf und zur Lage der Wohnungen seien wohl nicht beantwortet worden, »weil hier auch nicht ordentlich geprüft wurde«. Der Kaufpreis sei vermutlich zu hoch.
Muss die Howoge nun also aussitzen, was der Senat ihr beschert hat? Birke räumt ein, dass es »eine politische Entscheidung von irgendwo ganz oben« gegeben habe und es sich um ein strukturelles Problem handele. »Die haben dann eben diese knapp 2000 Wohneinheiten aufgedrückt bekommen in einem Zustand, der nicht gut ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass die auch nicht unbedingt mehr Personal dafür bekommen haben«, sagt sie. »Das ist aber keine Ausrede. Wir alle bezahlen hier trotz allem Miete. Wir sind auch bei zwölf Euro pro Quadratmeter, und die Neuvermietungen sind natürlich auch noch teurer.«
Birke gelangt von der zweiten Etage aus auf das Deck. Sie weist auf Häuser, die von Gerüsten umgeben sind. »Das ist der Michael-Bohnen-Ring 12, 14 und 16. Hier wird eine ›Modernisierung‹ gemacht, wie sie es nennen. Eigentlich ist es eine Sanierung.« Kein geringfügiger Unterschied: Eine Sanierung wird als notwendig betrachtet und muss vom Vermieter übernommen werden. Eine Modernisierung kann in Form einer Umlage auf Kosten der Mieter*innen vorgenommen werden. Aus Sicht von Birke und ihren Mitstreiter*innen werden hier die Kosten für eine grundlegend notwendige Sanierung unter dem Deckmantel einer Modernisierung auf die Bewohner*innen abgewälzt.
Auf dem Deck begegnen wir dem Nachbarn Andreas. Seine 33-Quadratmeter-Wohnung sei wegen der Baustelle nur noch auf 15 Quadratmetern benutzbar, sagt er. Andreas ist seit zehn Jahren Mieter in der High-Deck-Siedlung. Obwohl er in seiner Einzimmerwohnung mit Baustelle als getrennt Erziehender zusammen mit seiner fünfjährigen Tochter leben müsse, habe die Hogowe ihm keine Ersatzwohnung zur Verfügung gestellt. Er habe sich dann auf eigene Kosten eine Wohnung gesucht. Wegen eines monatelang unbehandelten Bettwanzenproblems hier in der High-Deck-Siedlung habe er jedoch die Möbel in die neue Wohnung nicht mitnehmen können. »Das wird dann morgen endlich mal gemacht«, sagt der Anwohner. »Der Kammerjäger war jetzt endlich drin. Hat natürlich zwei, drei Monate gedauert.«
Ein Stück weiter gehen wir die Treppen vom Deck hinunter, zum ebenerdigen Niveau. Hier sind zwei Container aufgestellt, einer für Männer, einer für Frauen. Darin befinden sich Toiletten und je zwei Duschen, »weil jetzt gerade Strangsanierungen stattfinden, in den Gebäuden mit den Gerüsten«, erklärt Birke. Manche Mieter haben während der Sanierung keine Küche oder kein Bad. Wie viele Menschen genau sich diese Containertoiletten teilen müssten, wisse sie nicht, da manche Mieter*innen mittlerweile Ersatzwohnungen hätten erkämpfen können oder die Bäder von der Strangsanierung nicht betroffen seien. Bei drei mehrstöckigen Gebäuden wirken zwei Container mit je zwei Duschen jedoch ungenügend.
Zu »nd« sagt eine Sprecherin von Howoge, dass das Unternehmen seit der Übernahme »intensiv« daran arbeite, »den baulichen Zustand umfassend zu analysieren und notwendige Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen vorzubereiten und umzusetzen«. Dabei seien auch Abstimmungen mit Behörden und dem Denkmalschutz erforderlich. Auch habe es an die Kiezinitiative eine Einladung zu einem Gespräch im Kundenzentrum gegeben. Birke lacht verbittert, als sie das hört. Sie verlangt, dass die Howoge sich die Probleme vor Ort ansieht und die Leute anhört.
Die Kiezinitiative hat es geschafft, ihren offenen Brief ins Arabische, Türkische, Russische und Englische zu übersetzen. Über 1000 Menschen haben den Brief bereits unterschrieben. Darin werden Mängel vorgestellt, »die wir mit unserer Gesundheit, Lebensqualität und Sicherheit bezahlen«. Neben den Schäden, die Birke in ihrem Rundgang gezeigt hat, werden in dem Brief unter anderem noch Schimmel, Wasserschäden, undichte Fenster und Ratten beklagt.
Am Dienstagnachmittag hängen Menschen aus der Kiezinitiative ein goldenes Transparent vor dem Einkaufszentrum »Sonnen-Center« am High Deck auf: »1000 Leute sagen: Stopp« steht darauf. Zur Kundgebung kommen rund 70 Anwohnerinnen. Die Howoge hat den Termin abgesagt. Doch Berliner Politikerinnen von Grünen, Die Linke und SPD sind gekommen. Das stimmt Birke optimistisch. Da die Howoge als landeseigenes Unternehmen weisungsgebunden ist, »hat die Politik da einen ganz anderen Einfluss als bei privaten Firmen«, sagt sie. »Es wird irgendwie.«
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Source: nd