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Germany · nd · · 2h

Hans-Otto-Theater Potsdam | »Die Nibelungen«: Die alte Scham ist falsche Scham

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Achtung, Ironiefalle! »Die Nibelungen« nach Friedrich Hebbel am Hans-Otto-Theater Foto: Thomas M. Jauk Potsdams Hans-Otto-Theater meldet sich aus der Spielzeitpause zurück. Mit »Die Nibelungen« nach Friedrich Hebbel hat Regisseurin Alice Buddeberg die neue Saison eröffnet. Germanenkult und Nibelungentreue, Krieg und Blutvergießen auf der großen Bühne also. Hebbel hatte im 19. Jahrhundert das literarische Begleitwerk zum Nationalen Erwachen, das die Gesellschaft längst ergriffen hatte, verfasst. Die Nazis haben sein Schaffen gerne für ihre Zwecke vereinnahmt, auch weil der Autor es ihnen durchaus nicht schwer gemacht hat mit seinen Schriften.

In Zeiten neuerlichen nationalen Stumpfsinns bietet das Trauerspiel ausreichend Angriffsfläche auf dem Theater. Der Stoff ist ja hinlänglich bekannt: Der Drachentöter Siegfried, gesegnet mit Tarnkappe und Balmungschwert, unverwundbar bis auf eine lindenblattgroße Stelle am Schulterblatt, verbündet sich mit König Gunther. Für ihn kämpft er mit Brunhild, freit sie so für ihn und erwirbt selbst die Hand von Kriemhild, des Königs Schwester. Bis Verrat und Tod und Rache alle Bündnisse vergessen machen.

Und wie packt Alice Buddeberg das Drama an? Hier treffen Brunhild und Kriemhild jeweils auf ihr jüngeres Alter ego. Nacherzählung und Spiel wechseln sich ab. Die Rolle des Siegfried teilt sich das Ensemble – mit größtmöglicher Distanz – untereinander auf.

Die dreistündige Potsdamer Inszenierung verfolgt in feiner Lesart des Hebbel’schen Textes die weibliche Perspektive auf die Nibelungensage. Darstellung und Erinnerung derselben Ereignisse werden von Kriemhild abgeglichen, die bloßen Männerfantasien als solche entlarvt. In Buddebergs Fassung benennt Brunhild die Vergewaltigung durch Siegfried als solche. Sie macht Kriemhild zur Mitwisserin der Tat, und diese gibt nicht bloß das Geheimnis des »Helden«, die Stelle seiner Verwundbarkeit, versehentlich preis, sondern wird vielmehr zur Auftraggeberin für den Mord an ihm.

Das ist weit mehr als ein Regieeinfall. Die Frauenfiguren rücken ins Zentrum der Inszenierung und der germanische Mythos um die Nibelungen – mit schönen Worten ausgeschmückt – wird als Vergewaltigungsgeschichte entlarvt. Dabei scheint die weibliche Solidarität zwischen den sehr ungleichen Frauen Brunhild und Kriemhild wie ein Hoffnungsschimmer innerhalb einer denkbar blutigen Konstellation.

Elegant hat Buddeberg Texte von Inge Müller, Ko-Autorin und Ehefrau im Schatten von Heiner Müller, in die Theaterarbeit aufgenommen. »Ich liebe Helden nicht«, bekennt Müller in ihrem Gedicht »Liebe nach Auschwitz«, das an diesem Abend die Verbindung weist von mittelalterlichem Epos, Hebbels düsterem 19. Jahrhundert, zur Nachkriegszeit und bis ins Heute.

»Die alte Scham ist falsche Scham«, heißt es im selben Poem. Das liest sich nicht zufällig wie ein Echo von Gisèle Pelicots Diktum »Die Scham muss die Seite wechseln«. Hier ergreifen die Frauen nicht nur das Wort; sie werden zu Akteurinnen.

An der Unentschiedenheit zwischen Hebbels Psychologismus und einem analytischeren Zugang zu der Sage krankt die Inszenierung allerdings. Die männliche Brutalität, die der Abend anklagt, steht in einem nicht unbedingt fruchtbaren Widerspruch zu dem Humor, der lange Szenen dominiert. Der Mann erscheint als Witzfigur, wo doch seine Monstrosität gezeigt werden soll. Und wieder schnappt die Ironiefalle zu, die schon manchen klugen Theaterabend erledigt hat.

Überhaupt sind es das Demonstrative und Erklärende, mit dem die Inszenierung sich ein wenig selbst im Weg steht. Das Überdeutliche sorgt für eine gewisse Trägheit. Kein Germanenmythos ohne lange blonde Perücken, so scheint es. Die Konflikte, die durch die Regie herausgearbeitet wurden, verschwinden auf diese Weise ungewollt bald wieder aus dem Fokus.

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Source: nd