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»Große Liebe« von Nichtseattle | Phrasenlos glücklich

Das tut gut: Die Band Nichtseattle um Frontfrau Katharina Kollmann legt mit »Große Liebe« ein neues Album vor.

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Nie wieder solo: »Große Liebe« klingt wie das Album einer Band. Foto: Sascha Schlegel Katharina Kollmann singt in den Liedern ihrer Band Nichtseattle Zeilen, die manchmal wie Antworten auf all die Fragen klingen, die in der deutschsprachigen Indie-Musik eigentlich niemand stellt. Wie das mit dem Älterwerden ist, was man seinem toten Vater gerne noch gesagt hätte, warum man sich so unvollkommen fühlt.

Obwohl »Antworten« schon zu eng formuliert ist. Nehmen wir den letzten Punkt: Warum einem die verwaltete Welt suggeriert, man sei nicht schnell, nicht produktiv, nicht sexy, nicht gut gelaunt, nicht dünn, nicht erfolgreich genug. Und deswegen vielleicht ja zu Recht einsam oder arm oder prekär.

Das Album der Woche. Weitere Texte unter dasnd.de/plattenbau

Auf ihrem Album »Haus« sang Kollmann eine der vielen assoziativen und zugleich dichten Beschreibungen zu diesem Punkt: »Zu viele Leute sind jetzt Bilder, sehen glänzend aus / Ihre Wohnungen sind in einem alten Haus /Und wenn man sie fragt / Haben sie einfach nur Glück gehabt / Ich find’ sie hauptsächlich fleißig / Und trotzdem / auch hier / reicht’s nicht«.

Keine Antwort, sondern das Anführen eigener Wahrnehmungen und Erfahrungen, aus denen wiederum sehr genaue Zustandsbeschreibungen formuliert werden. Oft ausgehend von Details – Kuchenkrümeln auf dem Tisch, der Quinoa-Bestellung beim ersten Date, durch die ein ganzer Typus Mann beschrieben wird.

Auf dem neuen Album »Große Liebe« hat Kollmann die musikalischen und textlichen Verfahren weiter verfeinert. Oder besser: haben Nichtseattle die Verfahren verfeinert. Der auf »Haus« eingeschlagene Weg wird weitergegangen, nicht als Solokünstlerin, sondern mit mehreren, im Zusammenspiel.

»Große Liebe« klingt wie das Album einer Band. Unüberhörbar zum Beispiel im Liebeslied »Ich mit Brille«, in dem ein Chor einen Zustand besingt, in dem man beim anderen und damit, als Verliebte*r, ganz bei sich und trotzdem immer wieder auf verschiedene Weisen hin- und hergerissen ist, und ihn so als etwas Allgemeines spürbar werden lässt: »Ich denk den ganzen verdammten Tag an dich / In einem Buch / in einem Lied / in einem Like / in einem Feed / in einem Chor / einem Nachbarschaftsraum / in einem Park / oder hinter einem Baum / an einer Kreuzung / in einer Stadt / die keine Zeit für Zufall hat«.

Wie überhaupt auf dem ganzen Album, das nicht umsonst »Große Liebe« heißt, dieses große Versprechen immer wieder mit, oberflächlich gehört, einfachen Bildern besungen wird. Die dann aber so einfach gar nicht sind, sondern, wenn es um Liebe geht (aber eigentlich auch bei allem anderen), immer die ganze Welt mitdenken. Und dann immer wieder zurück zu einem banal wirkenden Satz kommen, der aber nach ein paar Tausend Jahren Patriarchat und heteronormativ zugerichteter Sexualität ein Riesenkompliment ist: »Typen nerven, du aber nicht / Ich denk den ganzen verdammten Tag an dich«.

Die Musik ist kompakter und kaum noch fragmentarisch wie auf den ersten beiden Nichtseattle-Alben »Wendekid« und »Kommunistenlibido«. Melancholisch-hymnische Bläser, Slowcore, wirklich traumhaft schöne Gitarrenmelodien. Überhaupt sollte sich mal durchsetzen, in Kollmann nicht nur eine begnadete Autorin von Texten, sondern auch eine begnadete Gitarristin zu sehen. Wahrscheinlich neben nach wie vor leider gängigem Gender-Bias-Quatsch auch deswegen nicht naheliegend, weil die Texte wirklich singulär sind. Es findet sich auch auf »Große Liebe« keine einzige Phrase.

Trotz all der schweren Themen hat diese Musik nie etwas Schweres. »Meine Ladies«, eines der vielen Liebeslieder des Albums, feiert die Frauen eines Hausprojekts in Mecklenburg-Vorpommern, dem Kollmann angehört: »Meine Ladies finden immer einen Weg / selbst wenn der nur darin besteht / dass man aufgibt, sich davon erzählt / und dann einfach nur baden geht«. Liebe kann vieles sein: Freundschaft, Solidarität und eben auch romantische Liebe.

»Keiner will alleine sein«, hieß es schon 2019 auf dem Debüt »Wendekid«. Ein Satz, von dem aus sich eigentlich alles, was die Musik von Nichtseattle so berührend macht, ableiten lässt: der Bandsound, das Singen über Liebe in all ihren Formen, das feministische Wissen, die Kapitalismuskritik. Eine Sehnsucht, die sich in der Musik von Nichtseattle immer wieder erfüllt: »Ich will bitte noch ein paar von solchen Jahren«. Es tut sehr gut, dieses Album zu hören.

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Originally published bynd
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