Faultline Faultline Kommando 161

World · nd · · 1h

Großbritannien | Neue rechte Bürgerwehr marschiert in England auf

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Eine Gruppe rechtsextremer, gegen Migranten gerichteter Demonstranten formiert sich vergangenes Wochenende in Dover. Foto: Ay_audits/Youtube Am vergangenen Samstagmorgen meldeten die britischen Medien einen ungewöhnlichen Zwischenfall: Eine Gruppe von Leuten sei am Hafen von Dover an der englischen Südküste aufgetaucht und habe die Zufahrtsstraße blockiert. Kurz darauf kursierten erste Bilder und Videos, die bedrohliche Szenen zeigten: Mehrere hundert Personen waren zu sehen, alle in Schwarz gekleidet und mit Gesichtsbedeckung. Zuerst standen sie regungslos auf der Straße, anschließend marschierten sie durch Dover.

Zunächst war nicht klar, wer die Leute waren oder was sie bezweckten, aber bald wurden Details bekannt. Es war eine neue Gruppe namens Patriot Platform, die mit ihrer Aktion gegen Migration protestieren wollte. »Dies ist erst der Anfang«, sagte ihr Anführer, ein Mann namens Daniel Thomas, der sich Danny Tommo nennt.

Schon am nächsten Tag zeigten sich die Mitglieder von Patriot Platform erneut in der Öffentlichkeit, diesmal in der Küstenstadt Portsmouth. Vor der Ankunft eines Schiffs mit Bootsflüchtlingen hatte sich ein Protest gebildet, und Patriot Platform war mit von der Partie; wieder trugen die Mitglieder schwarze Kleidung und bedeckten ihre Gesichter.

Die Aufmärsche der Organisation markieren eine neue Taktik der britischen radikalen Rechten – eine, die antirassistischen Aktivisten alarmiert. Bislang mobilisierten Rechtsextreme wie Stephen Yaxley-Lennon (»Tommy Robinson«) vor allem Proteste vor Asylunterkünften oder in Stadtzentren, um Stärke zu demonstrieren. Patriot Platform hingegen, erst vor wenigen Monaten gegründet, will gezieltere, direkte Aktionen aufziehen. Daniel Thomas hat einmal gesagt, er wolle eine »patriotische Armee« aufbauen, »die das Vereinigte Königreich unter ihre Kontrolle bringen kann«.

Laut der antirassistischen Organisation Hope Not Hate handelt es sich um eine »rechtsradikale Bürgerwehr«, die als ein Netzwerk von lokalen Gruppen operiert. Besonders besorgniserregend sei, dass sich Patriot Platform mit einem »ungewöhnlichen Maß an Disziplin« organisiere, schreibt Joe Mullhall von Hope Not Hate. Im Unterschied zu bisherigen Mobilisierungen agiere Patriot Platform im Geheimen, über geschlossene Gruppen und direkte persönliche Kommunikation; für den Protest in Dover koordinierten sich die Teilnehmer offenbar per Funkgerät. In diesem Sinn hat die Organisation mehr mit Fußball-Hooligans gemein als mit einer traditionellen Antimigrations-Gruppe. »So haben sie es geschafft, zu Hunderten unbemerkt nach Dover zu gelangen«, schreibt Mulhall. Auch galt offenbar die Anweisung, sich nicht selbst zu filmen – woran sich die Teilnehmer gehalten haben.

Mittlerweile ist bekanntgeworden, dass die örtliche Polizei offenbar am Vortag einen Hinweis über den geplanten Aufmarsch erhalten hatte, aber nicht darauf reagierte.

Was die Personalien anbelangt, so gibt es enge Verbindungen zu bestehenden rechten Netzwerken. Anführer Daniel Thomas war früher der Bodyguard von Yaxley-Lennon; er saß bereits wegen versuchter Entführung im Gefängnis (er und seine Komplizen hatten allerdings den falschen Mann erwischt). Viele andere Beteiligte stammen aus dem rechtsextremen Milieu.

Joe Mullhall bezeichnet die Aktionen von Patriot Platform als eine »gefährliche neue Entwicklung in der radikalen Rechten«. Die Regierung müsse viel robuster gegen diese Art von Vigilantentum vorgehen. Bislang hat sich die Regierung eher verhalten geäußert: Sie verurteile die Taktik der Protestierenden, verstehe aber die »Sorgen« bezüglich der Migration. Auch die Sicherheitsbehörden stehen in der Kritik. Der Aufmarsch in Dover hat sie offenbar völlig auf dem falschen Fuß erwischt – Martin Gallagher, ehemaliger Hauptkommissar und Terrorexperte in Schottland, sprach von einem »nachrichtendienstlichen Versagen«. Mittlerweile ist bekanntgeworden, dass die örtliche Polizei offenbar am Vortag einen Hinweis über den geplanten Aufmarsch erhalten hatte, aber nicht darauf reagierte.

Die Entstehung von Patriot Platform sei zwar besorgniserregend, aber nicht unbedingt ein Zeichen, dass die breitere rechte Bewegung Auftrieb habe, schreibt Daniel Trilling, Buchautor und Kenner der rechten Szene in Großbritannien. Vor einem Jahr organisierte Yaxley-Lennon die größte rechte Demo der britischen Geschichte; zu jener Zeit wurde Nigel Farage, Vorsitzender der Rechtspartei Reform UK, schon als nächster Premierminister gehandelt. Aber in den vergangenen zwölf Monaten mussten sowohl die Straßenbewegung als auch Reform UK viele Rückschläge hinnehmen: Farage verheddert sich immer mehr in Finanzskandalen, und Yaxley-Lennons Mobilisierungen in diesem Jahr waren enttäuschend. Wenn politische Bewegungen auf diese Weise ins Stocken gerieten, dann würfen sie oft extremere Erscheinungsformen ab, schreibt Trilling.

Die »nd.Genossenschaft« gehört den Menschen, die sie ermöglichen: unseren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die mit ihrem Beitrag linken Journalismus für alle sichern: ohne Gewinnmaximierung, Medienkonzern oder Tech-Milliardär.

→ unabhängig und kritisch berichten → Themen sichtbar machen, die sonst untergehen → Stimmen Gehör verschaffen, die oft überhört werden → Desinformation Fakten entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und vertiefen

Jetzt »Freiwillig zahlen« und die Finanzierung unserer solidarischen Zeitung unterstützen. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source →

Source: nd