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Grippe | Impfstoffwerk in Dresden wird geschlossen

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Erst 2007 wurde im Dresdner Impfstoffwerk ein Neubau für über 100 Millionen Euro eingeweiht Foto: imago/momentphoto/Killig An der jüngsten Hiobsbotschaft für das Industrieland Sachsen trägt auch Robert F. Kennedy jr. eine gewisse Mitschuld. Der US-Gesundheitsminister ist bekennender Impfskeptiker und hat unter anderem verpflichtende Schutzimpfungen für Militärangehörige abgeschafft. Das wirkte sich negativ auf den Absatz des Impfstoffwerkes von GlaxoSmithKline (GSK) in Dresden aus; der Absatz eines dort für den US-Markt produzierten Grippeimpfstoffes brach ein. Das war einer von mehreren Faktoren, die jetzt zu einer Entscheidung von erheblicher Tragweite führten. Der Konzern, so wurde der Belegschaft kürzlich mitgeteilt, will die Produktion bis zum Sommer 2027 einstellen und das Werk bis 2028 gänzlich abwickeln. Die Produktion von Grippeimpfstoffen soll künftig in Kanada konzentriert werden.

Das Aus hat nicht nur gravierende Folgen für die 641 Mitarbeiter, die ihre Arbeitsplätze verlieren sollen. Es wäre auch ein Schlag für die europäische Gesundheitspolitik. Das Europaparlament arbeitet derzeit an einem »Critical Medicines Act« (CMA). Das Gesetz hat zum Ziel, die Produktion von Arzneimitteln und Impfstoffen in Europa zu stärken, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern. Damit werden Lehren aus der Corona-Pandemie gezogen. Das Dresdner Impfstoffwerk sei »der einzige Großproduzent in Sachsen und einer von wenigen in Europa«, sagt Stefan Hartmann, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linken im Landtag. Dass er jetzt abgewickelt werden solle, sei ein »europäisches Warnsignal«, sagt der sächsische CDU-Europaabgeordnete Oliver Schenk: »Wir können nicht über pharmazeutische Souveränität und Versorgungssicherheit reden und gleichzeitig bestehende Produktionskapazitäten und jahrzehntelanges Knowhow in Europa verlieren.« Die Dresdner SPD-Bundestagsabgeordnete Rasha Nasr ergänzt, einen solchen Standort aufzugeben, sei »keine beiläufige unternehmerische Entscheidung«. Es betreffe vielmehr »auch strategische Interessen unseres Landes«.

Das Werk, das seinen Sitz mitten in Dresden nur wenige Gehminuten von der Brühlschen Terrasse hat und in dem neben Impfstoffen gegen Grippe auch solche gegen Hepatitis hergestellt werden, blickt auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück. Im Jahr 1908 richtete der Unternehmer Karl August Lingner, Erfinder des Odol-Mundwassers, eine bakteriologische Abteilung in seinem Laborbetrieb ein. Daraus wurde 1911 das Sächsische Serumwerk. Dort wurden Impfstoffe gegen Cholera und Typhus, später auch gegen Tuberkulose und Syphilis produziert. In der DDR war der erst 1972 verstaatlichte Betrieb der wichtigste Anbieter von Impfstoffen. 1992 wurde das Werk von der Treuhand an das britische Pharmaunternehmen SmithKlineBeecham veräußert, das seit dem Jahr 2000 nach einer Fusion unter GlaxoSmithKline firmiert.

»Wer einen ganzen Standort und 641 Beschäftigte vor vollendete Tatsachen stellt, handelt nach Wildwestmanier.«

Wenige Jahre später hatte der Eigentümer noch über 100 Millionen Euro in einen Neubau investiert, der strengsten Sicherheitsvorkehrungen genügte und im Jahr 2007 eingeweiht wurde. Zum 111-jährigen Jubiläum des Dresdner Standorts im Jahr 2022 rechnete GSK vor, dass mit den seit 1992 dort produzierten Impfstoffen »über eine Milliarde Menschen vor Krankheiten geschützt« worden seien.

Zuletzt liefen die Geschäfte aber schlechter. Die Gründe sind vielfältig. Die »Sächsische Zeitung« berichtet, GSK wolle auf eine andere als die in Dresden praktizierte Technologie umstellen, bei der das Virus in Hühnereiern vermehrt wird. Das Dresdner Werk habe bis zu 100 Millionen Eier jährlich benötigt, was ein erheblicher Kostenfaktor ist. Zudem hätten die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zuletzt andere als die in Dresden hergestellten Influenza-Impfstoffe bevorzugt, weswegen diese auch in Deutschland weniger bestellt worden seien. Infolge des Absatzrückgangs gab es bereits interne Einsparvorgaben; die Mitarbeiter mussten ihre Arbeitszeit und damit das Gehalt reduzieren.

Dass jetzt gänzlich Schluss sein soll, trifft die Belegschaft indes unvorbereitet und hart. Man werde »geschlossen, laut und entschlossen« für die Arbeitsplätze kämpfen, erklärte der Betriebsrat. Auch bei der Gewerkschaft IG BCE zeigte man sich erschüttert. »Wir sind tief betroffen, aber wir werden nicht tatenlos zusehen«, erklärt Philipp Zirzow, Bezirksleiter für Sachsen. Er wies darauf hin, dass das Werk tarifgebunden und Teil einer Sozialpartnerschaft der chemischen Industrie sei. »Doch die Entscheidung und die Art des Vorgehens haben mit Partnerschaft nichts zu tun«, fügte er an: »Wer einen ganzen Standort und 641 Beschäftigte vor vollendete Tatsachen stellt, handelt nach Wildwestmanier.« Die Gewerkschaft fordert den Konzern sowie Land und Bund zu Verhandlungen auf.

Für solche Gespräche plädiert auch Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD), der von der Entscheidung zur Schließung nach eigenen Angaben »überrascht« wurde. Die Staatsregierung werde nun das Gespräch mit Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung suchen, »um die Gründe für die Entscheidung und mögliche Handlungsspielräume zu klären«.

Aus Sicht von Stefan Hartmann liegen die Gründe auf der Hand. Zwar sei auch er »fassungslos« über die Entscheidung zur Schließung, mit der sich »ein neuer, breiter Riss im wirtschaftlichen Fundament unseres Landes« öffne, sagte der Linksabgeordnete. Die Ursache sei indes, dass »kapitalistische Unternehmen einzig am Profit interessiert« seien. Von der Landesregierung fordert Hartmann verstärkte Präventionskampagnen, »damit Schutzimpfungen künftig stärker nachgefragt werden«.

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Source: nd