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Gesundheitsinformation | Eisen im Spinat, Wunderkuren und Impfmythen
Ärzte in Deutschland müssen sich zunehmend mit medizinischen Fake-News auseinandersetzen – nicht zuletzt zum Schutz ihrer Patienten
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Der Comic-Seemann Popeye (r.) isst Spinat, um übermenschliche Kräfte zu bekommen. Diese Propaganda für Kinder soll zeitweise funktioniert haben. Foto: imago/Everett Collection Der fälschlicherweise zu hoch angesetzte Eisengehalt von Spinat könnte als eine frühe Fehlinformation in Medizin oder Ernährungswissenschaft gelten. Die Geschichte ist verwickelter als angenommen, denn es ging nicht einfach um einen Kommafehler, der jahrzehntelang abgeschrieben wurde. Vielmehr hatte Ende des 19. Jahrhunderts ein Physiologe den Wert korrekt für getrocknetes Spinatpulver ermittelt. Dieser wurde dann falsch frischem Spinat zugeordnet, und das wurde immer wieder übernommen. Die Fehlinformation wirkte nachhaltig und führte bei Aufdeckung zu dem ebenfalls falschen Schluss, dass Spinat überhaupt nicht so gesund sei. Ist er wohl doch – immer noch als ergiebige Eisenquelle mit drei bis vier Milligramm pro 100 Gramm.
Immerhin scheint das nun nach Jahrzehnten den meisten klar zu sein. Mittlerweile jedoch hat die Medizin nicht nur mit Fehlinformationen zu tun. »Es geht eindeutig um Desinformation, also um beabsichtigte Fehlinformation«, erklärt Susanne Johna. Die Vorsitzende des Marburger Bundes (MB) ist Internistin, Krankenhaushygienikerin und Gesundheitsökonomin. Bei der derzeit in Berlin stattfindenden Hauptversammlung der Ärztegewerkschaft MB ist die Auseinandersetzung mit den Medizin-Fakes ebenfalls als Thema gesetzt.
»Die Bevölkerung muss in die Lage versetzt werden, Dinge auch zu hinterfragen.«
Wie auch im Spinatfall geht eine Richtigstellung »nicht in einer Minute«, muss Johna zugestehen. Und sie braucht Überzeugungsbereitschaft. In einer auf Effizienz getrimmten Medizin bleibe dafür kaum Zeit. Zwei Aspekte sind der Ärztin und Berufspolitikerin wichtig: Zum einen schaden die Patienten sich selbst, wenn sie den Fakes auf den Leim gehen. Ihre Ängste werden ausgenutzt. Insbesondere kurz nach einer Diagnose wächst offenbar die Neigung, einfachen und eingängigen Botschaften zu glauben. »Sie greifen dann auch nach einem Strohhalm, statt auf wirksame Medikamente zu vertrauen.«
Zum anderen werden mit KI auch sogenannte Deep Fakes erstellt, etwa kleine Werbefilmchen, in denen vermeintlich echte, real existierende Ärzte konkrete Therapieratschläge geben. »Diese kann man mittlerweile nicht mehr als Fälschung erkennen«, sagt Johna. Hier fordert sie mehr politische Unterstützung für alle Betroffenen, nicht nur jene in der Medizin. Sie müssten bei der Löschung von solchen Beiträgen entlastet werden. Zudem müssten die Verursacher wirksam bestraft werden, was die Geschädigten kaum leisten könnten. »Wir brauchen mehr Pflichten für die Plattformen«, also mehr Regulierung.
Außerdem schade Desinformation der Wissenschaft. Nicht immer stecken aus Sicht von Johna finanzielle Interessen dahinter, wie etwa die von Unternehmen, die Nahrungsergänzungsmittel verkaufen. Es gibt auch andere, zum Beispiel »Überzeugungstäter aus den Reihen der Impfgegner«.
Die Varianten der Irreführung sind vielfältig. In der Corona-Pandemie etwa wurde längere Zeit das Entwurmungsmittel Ivermectin als Therapie gegen Sars-Cov2 angepriesen. Die Idee dazu geht auf Laborexperimente an Zellkulturen zurück. Dabei hemmten extrem hohe Dosen von Ivermectin die Vermehrung des Virus. Die verwendeten Mengen sind für Menschen jedoch giftig, und die Viren ließen sich so im Körper auch nicht sicher erreichen. Die Folge waren nicht wenige Vergiftungen von gutgläubigen Anwendern. Dabei ist Ivermectin in der zugelassenen Dosierung und bei ärztlicher Verschreibung ein sicheres Medikament, für Tiere – und auch für Menschen. In der Humanmedizin wird es gezielt gegen bestimmte Parasiten eingesetzt, wie bei Krätze (Skabies) oder der Flussblindheit in den Tropen, die durch Fadenwürmer bewirkt wird.
»Die Bevölkerung muss in die Lage versetzt werden, Dinge auch zu hinterfragen«, wünscht sich Johna, was schon mit Medienkompetenz im Schulunterricht anfängt.
Für die Ärzte selbst gibt es bereits spezielle Angebote, darunter Fortbildungen. Dabei geht es darum, Fehlinformationen überhaupt zu erkennen. Außerdem wird vermittelt, wie in der Praxis, also im Gespräch, Fakes strukturiert korrigiert werden können. Empfohlen wird auch, die eigene Qualifikation transparent darzustellen, etwa auf den Webseiten von Arztpraxen. Aber es geht ebenso um die Dokumentation verdächtiger Inhalte und Meldemöglichkeiten bei den digitalen Plattformen. »Das geht aber alles erst langsam los«, fasst Johna zusammen.
Ein Lichtblick ist immerhin, dass die Generalversammlung des Weltärztebundes im Oktober eine globale Richtlinie zur Bekämpfung medizinischer Fakes und Falschinformationen verabschiedete. Darin werden Tech-Konzerne, KI-Entwickler, Regierungen und auch die Mediziner selbst in die Pflicht genommen, der Welle von Desinformation entgegenzuwirken. So sollen etwa Plattformen Algorithmen zu stoppen, die medizinische Fake News gezielt hochspülen. Ärzte haben demnach die ethische Pflicht, Patienten und Öffentlichkeit mit wissenschaftlich fundierten, leicht verständlichen Informationen zu versorgen.
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