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Geschichte des Kapitalismus | Kein Kapital ohne Staat
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McDonald’s in der Sowjetunion: Die uns wohlbekannten Widersprüche des Kapitalismus sind bekanntlich nur das Ende der Geschichte. Foto: AFP/VITALY ARMAND Angesichts globaler Verheerungen wird mit erstaunlicher Eindeutigkeit wieder festgestellt: Der Kapitalismus ist in der Krise. Aber wissen wir überhaupt, worüber wir da sprechen? Um dem Phänomen Kapitalismus auf die Spur zu kommen, hat Sven Beckert immerhin über tausend Jahre ökonomische Geschichte auf über tausend Seiten ausgebreitet. Der Professor für Geschichte an der Harvard-Universität kehrt gut ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung seiner Studie über die Rolle der Baumwolle beim Aufkommen des Kapitalismus zurück, um die Weltgeschichte des Systems, in dem wir heute leben, neu zu ordnen. Ausgehend von Aden im heutigen Jemen und endend bei der »Container-Revolution« von Amazon & Co. beleuchtet er die vielfältigen Aspekte des kapitalistischen Systems. In diesem fast marathonartigen Werk gibt es daher wenig Vereinheitlichung. Stattdessen wirft »Kapitalismus. Eine Weltgeschichte« zwangsläufig die Frage auf, wie sich je nach eigener Perspektive und Erkenntnisinteresse der Fokus legen lässt.
Beckert weist darauf hin, dass Handelstätigkeiten, die bereits in der Antike und später im Mittelalter die Vermehrung des Geldes zum Ziel und zur Folge hatten, nicht automatisch Kapitalismus darstellen. Entscheidende Voraussetzungen dafür, von spezifisch kapitalistischen ökonomischen Aktivitäten zu sprechen, sind die Kommodifizierung der Arbeitskraft sowie die lokal erfolgreichen Bündnisse der Handelsleute mit ihrem Staat. Denn aus diesen entstanden Institutionen, die die Etablierung und den Schutz kapitalistischer Verhältnisse besonders begünstigen – etwa Eigentumsrechte, arbeitsrechtliche Regelungen sowie Mechanismen zur Gewinnung der Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten. Im Gegensatz dazu sieht Beckert in den ersten Kapiteln des Buches »Rinnsale« geldvermehrender Aktivitäten in einem Ozean nichtkapitalistischer Beziehungen. Ganze Jahrhunderte seien vergangen, bis diese Rinnsale anschwollen und die sozialen Beziehungen auf eine Weise durchdrungen haben, die uns heute als natürlich, selbstverständlich und allmächtig erscheint.
Die Äquivalenz der Waren ist für Beckert nur der Gipfel eines unermesslichen Berges aus Gewalt und Zwang.
Bereits seit Marx wissen wir: Im Kapitalismus werden Güter nicht in erster Linie für die Bedürfnisse der Menschen produziert, sondern für den Austausch, der eine Vermehrung des ursprünglich investierten Geldes bewirkt. Aber wie funktioniert das gesellschaftlich? Beckert zufolge herrscht die Ansicht vor, das eigentliche Merkmal des Kapitalismus sei die Freiheit und diese vollziehe sich auf der Grundlage eines freiwilligen Äquivalentenaustauschs. Dies sei aber eine Erzählung, die eine lange Kette von Vermittlungen ausblendet. Die Äquivalenz der Waren sei nur der Gipfel eines unermesslichen Berges aus Gewalt und Zwang.
Demgegenüber zeigt Beckerts Rekonstruktion von tausend Jahren Geschichte des Übergangs zum Kapitalismus, seiner Etablierung und seiner Wandlungen, dass das Kapital sich in keiner Phase als vorherrschende Produktionsweise hätte durchsetzen oder dauerhaft behaupten können, ohne auf Gewalt zurückzugreifen – sowohl im Herzen der Industriezentren als auch in den ursprünglich nichtkapitalistischen Regionen, die seiner Herrschaft unterworfen wurden. Anhand unzähliger Mikrogeschichten aus verschiedenen Teilen der Welt versucht er aufzuzeigen, dass das Kapital alles andere als unabhängig ist, sondern ständig der Unterstützung des Staates bedarf.
Der Hinweis auf die Gewalt, die die kapitalistischen Produktionsverhältnisse prägt, verrät der Leserin schnell das nächste Thema Beckerts: die Ausbeutung von Land und Arbeitskräften im globalen Süden. Beckert betont, dass der Betrieb der im 19. Jahrhundert in Nordeuropa, insbesondere in England, entstehenden Baumwollindustrie ohne ihre Verbindung zur Sklavenarbeit in den Südstaaten der USA und in der Karibik nicht möglich gewesen wäre.
Die Art der Verbindung zwischen der industriellen Revolution und den Plantagen – oder zwischen der formal freien Lohnarbeit und der unfreien Arbeit – ist allerdings seit Jahrzehnten Gegenstand einer umstrittenen Debatte. Andere Forscher*innen wie John Clegg betonen, dass zwar in den oben genannten Regionen Bedingungen der Sklaverei herrschten. Doch als Europa dringend Importe benötigte, um insbesondere die Baumwollproduktion auszuweiten, hatte die industrielle Revolution bereits eingesetzt. Nicht die Plantagen in der Karibik und in den Südstaaten der USA hätten daher den entscheidenden Anstoß für den Kapitalismus gegeben; vielmehr habe der Kapitalismus in den europäischen Zentren bereits eine eigene innere Dynamik und Logik entwickelt, die er erst später auf nichtkapitalistische Räume übertrug und dort durchsetzte.
Ein origineller Aspekt von Beckerts Lesart betrifft die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kapital im aufkommenden Neoliberalismus, den er mit dem Entkolonialisierungsprozess der ehemaligen Kolonien zusammendenkt. Beckert sieht im Neoliberalismus nicht die Umsetzung von »weniger Staat«. Vielmehr beschreibt er ein Kapital, das nun die beneidenswerte Möglichkeit besitzt, sich den für seine Interessen geeigneten Staat auszusuchen, um dort tätig zu werden und zu investieren.
Und hier komme die Rolle der Entkolonialisierung ins Spiel: Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Kolonien begannen, die Forderung nach einem eigenen souveränen Staat zu formulieren – wobei eine große Rolle spielte, dass die Armeen durch große Massen von Soldaten aus den Kolonien verstärkt wurden –, gewann die Forderung nach Unabhängigkeit erheblich an Legitimität. Dieser Prozess bedeutete laut Beckert die Gründung von Nationalstaaten in den ehemaligen Kolonien, die nicht den Kapitalismus ablehnten, sondern einen einheimischen Kapitalismus einem fremdbestimmten vorzogen.
In diesen Regionen erforderte der Aufbau der heimischen kapitalistischen Wirtschaft Schutz vor dem internationalen Wettbewerb. Um ihre Wirtschaft zu entwickeln, mussten Länder wie Ägypten, Ghana und Indien ihre im Entstehen begriffenen Volkswirtschaften schützen. Dieser »wirtschaftliche Nationalismus« der postkolonialen Staaten war Beckert zufolge – gemeinsam mit dem Keynesianismus im Westen, dem Sozialismus im Osten und einer starken Arbeiterbewegung – eine der Entwicklungen, gegen die sich neoliberale Denker wie Hayek wandten.
Der Neoliberalismus betrachtete den »Ressourcen-Nationalismus« des Globalen Südens und seine Forderungen nach einer neuen internationalen Ordnung als Bedrohung für die Funktion der freien Märkte. Sie befürworteten keinen bloßen Rückzug des Staates, sondern eine Neubestimmung seiner Rolle: Anstelle der im 19. Jahrhundert eingeführten staatlichen Eingriffe wurde die Schaffung von supranationalen Organisationen und Verträgen in den Vordergrund gestellt, um »eine zunehmend mündige und mobilisierte Bevölkerung und eine immer größere Zahl seit Kurzem dekolonialisierter Staaten in Schach zu halten«.
Die postkolonialen Staaten versuchten, sich dieser Entwicklung zu widersetzen. Laut Beckert stellte der Nord-Süd-Gipfel von Cancún im Jahr 1981 den »Höhepunkt und das Ende« dieser Bemühungen dar. Ronald Reagan verkündete, »was die Welt brauche (…) sei keine neue internationale Wirtschaftsordnung, sondern Handelsliberalisierung und ein Bekenntnis zur ›wirtschaftlichen Freiheit‹«. In vielen postkolonialen Staaten behauptete ausländisches Kapital eine starke Stellung, und einige der neuen Ökonomien stellten sich seit den 1960er Jahren auf eine exportorientierte Industrialisierung ein, wodurch sie sich zunehmend in eine neue internationale Arbeitsteilung einfügten.
Ab den 1970er Jahren erlangte das Kapital eine immer größere internationale Mobilität. Die »Vervielfältigung der Rechtsräume im Gefolge der Dekolonisierung« eröffnete nun die Möglichkeit, Regulierungen und Besteuerung durch Standortwechsel zu umgehen. Das Kapital konnte zunehmend aus einer wachsenden Zahl konkurrierender Staaten und Produktionsstandorte wählen, wo es sich niederließ und wo einzelne Phasen der Produktion und Zirkulation stattfanden – oder, wie Beckert es formuliert, sich »seinen« Staat aussuchen. Laut Beckert schien der Prozess der Entkolonialisierung damit auch die Vorhersage Werner Sombarts zu bestätigen, dass sich der Kapitalismus zunehmend in Asien und Afrika etablieren und sich zu einem »farbigen« Kapitalismus entwickeln würde.
Sven Beckert ist nicht der Erste, der versucht, die zentrale Rolle des globalen Südens bei der Entstehung, Etablierung und Reproduktion des Kapitalismus gegen eine eurozentrische Erzählung hervorzuheben. Vor ihm taten dies bereits Vertreter des »schwarzen Marxismus« wie C.L.R. James und Eric Williams sowie den anonymen und namentlich weitgehend unbekannten Akteur*innen der Geschichte des globalen Südens selbst. Man denke nur an die von Beckert ebenfalls erwähnte Sklavenrevolution in Haiti oder an die im Jahr 1919 stattgefundenen Arbeiter*innenaufstände in Senegal.
Es ist nichtsdestotrotz ein beeindruckendes Merkmal von Beckerts Beitrag zur Kapitalismusgeschichte, dass er diese enorme geografische und zeitliche Spannweite wagt, die es erwartungsgemäß erschwert, stets eine einheitliche Argumentationslinie nachzuvollziehen. Ein roter Faden schimmert trotzdem durch: Die Geschichte des Kapitalismus ist die der fortwährenden Stützung des Kapitals durch den Staat. Erst dies ermöglicht das Kapital und aus ihr gehen die unterschiedlichen historischen Formen hervor, die diese Beziehung weltweit annimmt – je nach Phase der kapitalistischen Akkumulation und des politischen Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit.
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Source: nd