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Geschichte des Antisemitismus | Deutschland wiedergutgemacht?
Fragt man die »bürgerliche Mitte«, gibt es Antisemitismus nur in der Linken. Ein Blick in die BRD-Geschichte zeigt: Diese Behauptung ist unhaltbar.
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Im Mai 1985 besuchen Helmut Kohl und Ronald Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg, auf dem auch Mitglieder der Waffen-SS begraben sind. An einer Gegendemonstration beteiligten sich jüdische Studierende aus dem In- und Ausland. Foto: picture alliance/Thomas Wattenberg Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union Mitte Oktober in Bonn wetterte Bundeskanzler Friedrich Merz mit Blick auf die rot-grün-rote Koalitionsanbahnung in Berlin: »Für Antisemitismus ist in Deutschland kein Platz.« Das weist ihn einmal mehr als jemanden aus, der von der Materie im Grunde keine Ahnung hat – dagegen spricht auch nicht, dass Merz martialisch ankündigte: »Wir stehen gegen jeden auf, der in Deutschland das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellt.« Hier erheben ausgerechnet jene die Israel-Doktrin zum Glaubensbekenntnis, die seit der Entstehung der Bundesrepublik für eine fatale Kontinuität antisemitischen Denkens verantwortlich sind. Dies spaltet das Land, ganz ohne Zutun der AfD.
Friedrich Merz bezeichnete eben noch die Staatsfahne Israels als »Judenfahne« und – unter nonchalanter Ausbürgerung aller deutschen Staatsbürger*innen jüdischen Glaubens – Antisemitismus als »die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit«. Wenig überraschend steht der bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder eisern hinter dem Kanzler: »Die Linkspartei ist tief antisemitisch«.
Der aktuelle Furor gegen die Linke kann auf eine lange antikommunistische Tradition zurückgreifen. Das hätte alles also in Bayern seine gestandene, krachlederne Richtigkeit. Söders Vize Hubert Aiwanger von den Freien Wählern wurde vor nicht allzu langer Zeit, im August 2023, in der »Süddeutschen Zeitung« mit einem Flugblatt aus den späten 80er Jahren in Verbindung gebracht, das selbst hartgesottenen Antisemitismuskenner*innen den Boden unter den Füßen wegzog. In dem Flugblatt wird ein »satirischer« Wettbewerb darüber ausgelobt, wer »der größte Vaterlandsverräter« sei. Der erste Preis: »Ein Freiflug durch den Schornstein von Auschwitz«.
Der am 4. November 2026 plötzlich verstorbene Aiwanger war zum Zeitpunkt des drastischen Vorfalls ein Teenager, zum Zeitpunkt der Enthüllung 52 Jahre alt, bayerischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Was nach dem Flugblatt-Skandal anhob, führte weder zur Entfernung aus seinen Ämtern noch zu seiner Ächtung als Politiker im Land der Täter*innen. Nein, der Verweis auf sein jugendliches Alter zur Tatzeit und ähnliche Ausreden genügten. Ein genervter Landesvater Söder legte seinem Vize, der sich zum Opfer einer »Schmutzkampagne« stilisierte, einen Fragenkatalog vor, der nach offenbar halbwegs zufriedenstellender Beantwortung nicht zu dessen Demission führte. Thema erledigt. Deutschland wiedergutgemacht. Für die »Mitte der Gesellschaft« steht fest: Der wehrhafte Verfassungsbogen hat seit Langem seine Lektion gelernt, der postnazistische Antisemitismus ist besiegt. Und wenn es ihn gebe, komme er von »Zuwanderern« oder der Linken. So könnte man Söder, Merz und ihren Chor der zurückliegenden Monate zusammenfassen.
Das Gegenteil ist richtig: Der »normale« Antisemitismus war nie weg. Er hat (nicht nur) in Deutschland eine lange Tradition, die bis weit zurück ins 19. Jahrhundert reicht, als der christliche Antijudaismus von einem rassistischen Judenhass abgelöst wurde, der zum Kernbestand bürgerlicher Wohlanständigkeit gehörte. Darauf konnte die systematische Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Jüd*innen in Nazideutschland aufbauen. Dieser Antisemitismus drückte sich als Schuld- und Erinnerungsabwehr nach 1945 vor allem in der Weigerung der Deutschen aus, den Wahnsinn des Holocaust in seiner singulären Dimension anzuerkennen.
Der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, CDU-Politiker Konrad Adenauer, offenbarte während seiner Amtszeit mit mehreren Äußerungen einen trotz des Zivilisationsbruchs Shoah ungebrochenen Antisemitismus. Davon, dass er Hans Globke, einen der Kommentatoren der antisemitischen Nürnberger Rassegesetze von 1935, zu seinem Kanzleramtsminister machte und trotz des internationalen Befremdens darüber an ihm festhielt, soll hier gar nicht die Rede sein.
Friedrich Merz bezeichnete eben noch die Staatsfahne Israels als »Judenfahne«.
Adenauer beherbergte eigene, offenbar tief sitzende Ressentiments gegen Jüd*innen, die sich immer wieder Bahn brachen. Überliefert sind etwa Äußerungen über den damaligen französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès-France, über den sich Adenauer 1954 im Kontext der Verhandlungen über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) geärgert hatte: »Mendès-France ist ein Spieler ohne feste Konzeption. Sehen Sie mal: Mendès-France ist doch Jude. Wir haben Erfahrungen mit unseren deutschen Juden. Die haben alle einen nationalen Minderwertigkeitskomplex, den sie überkompensieren durch übersteigerten Nationalismus.«
Das mag man noch als antisemitischen »Ausrutscher« verbuchen. Doch auch elf Jahre später mangelt es Adenauer hier nicht an Eindeutigkeit, diesmal gegenüber dem Journalisten Günter Gaus im deutschen Fernsehen: »Und was nun die Judenfrage angeht. … Die Macht der Juden – auch heute noch, insbesondere in Amerika – sollte man nicht unterschätzen, und deshalb habe ich sehr bewusst und sehr überlegt, meine ganze Kraft daran gesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk.« Gaus hakt nicht weiter nach. Was hier formuliert wird, ist die Umdeutung des deutschen Zivilisationsbruchs zur Notwehr – gegenüber den, ja: übermächtigen, Opfern, den Jüd*innen.
Mit anderen Worten: Es hat in Deutschland keine Aufarbeitung des Antisemitismus gegeben. Der Horror von Shoah und Porajmos (dem Genozid an Sinti und Roma), Vernichtungskriegen und Besatzung, Massenmord an vor allem sowjetischen Kriegsgefangenen, der Krankenmord der sogenannten Euthanasie und die Eliminierung politischer Gegner*innen sollten kein Thema sein. Entschädigungen wurden, wenn man sie denn bezahlte, eher als Schweigegeld ausgereicht, und die Mitverantwortung so vieler Deutscher, nicht nur aus den Verbrecherorganisationen, sondern auch von Wehrmachtsangehörigen und Zivilist*innen, sollte nicht erwähnt werden. Sie sollten unter dem »Wir haben selbst genug gelitten«-Narrativ – Vertreibung, Zerstörung deutscher Städte und deutsche Teilung – begraben werden.
Die deutsche Beamt*innenschaft, die gnadenlose NS-Justiz, die geschlagene Soldateska konnten in nahezu vollständiger personeller Kontinuität ihren Antikommunismus und ihren Antisemitismus mehr oder weniger ungebrochen in die neue Zeit von Aufbau, Aufbruch und »Wirtschaftswunder« hinüberretten. Deutschland wurde in der aufbrechenden Blockkonfrontation auch dringend als Frontstaat an der Seite der westlichen Mächte gebraucht. Da sollte mit der Nazi-Vergangenheit auch nicht allzu kleinlich umgegangen werden.
Ein paar groteske Beispiele für diese Verschonung der Deutschen in der Konfrontation mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit listet der ehemalige Staatsanwalt bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und Antifaschist Dietrich Kuhlbrodt in seinem Buch »Deutsches Filmwunder: Nazis immer besser« auf. In der Nachkriegszeit sollte westdeutschen Kinobesucher*innen offenbar nichts zugemutet werden, was ihre geschundene Seele verletzen könnte, schon gar keine Erinnerung an die eigenen Verbrechen. US-Filme wie »Notorious« von Alfred Hitchcock, »African Queen« von John Huston und selbst »Casablanca« wurden zensiert, entschärft, umgeschnitten und von »antideutschen« Stellen bereinigt. Man stelle sich das vor: Noch in den 1950er und 60er Jahren kam in der um 20 Minuten gekürzten Fassung des antifaschistischen Films »Casablanca«, die in BRD-Kinos lief, kein Major Strasser oder sonstiger Nazi vor. Wolfgang Staudtes »Die Mörder sind unter uns« ist eines der seltenen Gegenbeispiele für die Auseinandersetzung mit deutscher Täterschaft in der frühen BRD.
Auch die Entstehung und Programmatik des wichtigen BRD-Schriftstellerbundes »Gruppe 47« war von sprachlicher Kontinuität zum Nationalsozialismus sowie von Antisemitismus geprägt. Geradezu fassungslos machen Beschreibungen der Verhöhnung des jüdischen Dichters Paul Celan, als er vor der Gruppe sein Auschwitz-Gedicht »Todesfuge« vortrug. Oder das antisemitische Grundrauschen und die selbst entlastenden biografischen Retuschen in Alfred Anderschs Büchern, wie sie die Germanistin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger und der Schriftsteller W. G. Sebald nachweisen. Andersch gehörte bis in die 80er Jahre fest zum Oberstufen-Curriculum (West).
Erst der Eichmann-Prozess in Jerusalem, die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main und eine erste Ahnung, welche Dimension die Shoah gehabt hatte, führten zu einer widerwilligen Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Aber unter den Vorgaben eines »Das waren nur wenige, die nur auf Befehl handelten« und »Jetzt muss aber auch mal Schluss sein« fand auch hier nicht wirklich die weltmeisterliche »Aufarbeitung« statt, die sich Deutschland heute zugutehält. »Die ersten postnationalsozialistischen Jahrzehnte«, so fasst es Max Czollek zusammen, »lassen sich einfach nicht mit dem heutigen Selbstbild der guten Deutschen zur Deckung bringen.«
Erst die 60er und 70er Jahre brachten, erzwungen von Student*innenbewegung und außerparlamentarischer Opposition, tatsächlich eine echte Auseinandersetzung mit deutschen Täter*innen und den Dimensionen des Zivilisationsbruchs. Für das Bewusstsein der deutschen Mehrheitsbevölkerung für den Holocaust brachte weniger der Kniefall des Adenauer-Nachfolgers Willy Brandt in Warschau vor dem Mahnmal zu Ehren der jüdischen Ghettokämpfer*innen 1970 den Durchbruch, sondern erst zehn Jahre später die US-Fernsehserie »Holocaust«, die 1979 auch in der BRD ausgestrahlt wurde.
»Wir haben Erfahrungen mit unseren deutschen Juden. Die haben alle einen nationalen Minderwertigkeitskomplex.«
In den 80er Jahren zeitigten die Narrative von »Befreiung« und »Versöhnung« erneut zwiespältige Ergebnisse. Am 8. Mai 1985 erklärte Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) das Kriegsende 1945 zur »Befreiung« Deutschlands von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Im Jahr darauf illustrierte der sogenannte Historikerstreit, dass es mit Relativierung und Einebnung von deutscher Schuld und Verantwortung als einer »Art Schadensabwicklung« (Jürgen Habermas) noch lange nicht vorbei war. Der damals renommierte, später wegen der Nähe zu einer neonazistischen Rechten weitgehend diskreditierte Historiker Ernst Nolte ordnete den deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Folge einer »ursprünglicheren«, »asiatischen Tat« des Stalinismus ein.
Dieser Geschichtsrevisionismus verfestigte publikumswirksam die Tendenz zur »Historisierung« des Holocaust zum Zwecke seiner Entschärfung und Handhabbarkeit. Der niederschmetternde, neunstündige Dokumentarfilm »Shoah« von Claude Lanzmann, der ebenfalls 1985 erschien, war mit seiner Schonungslosigkeit und schieren Länge deutlich weniger handhabbar, ebenso wie die deutsche Übersetzung der monumentalen Gesamtschau des österreichisch-amerikanischen Historikers Raul Hilberg auf die »Vernichtung der europäischen Juden« – 20 Jahre nach ihrem Erscheinen in den USA und für einen Ladenpreis von 128 D-Mark. Zur Mitte der 1990er Jahre trug schließlich noch die Wehrmachtsausstellung zu einer schonungslosen Betrachtung deutscher Verbrechen bei.
Weitere skandalumwitterte Ereignisse zogen sich durch die Jahrzehnte: vom Gedenken des Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan 1985 auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, auf dem auch Tote der als verbrecherisch eingestuften »Waffen-SS« liegen, bis zu den stehenden Ovationen für den Schriftsteller Martin Walser bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998. Walser fabulierte hier von einer »Moralkeule Auschwitz«, mit der die Deutschen immer und immer wieder traktiert würden. Es war auch Walser, der im Kontext der Diskussionen um das Holocaust-Mahnmal in Berlin von einer »Monumentalisierung der Schande« sprach – 20 Jahre vor dem AfD-Nazi Björn Höcke. Mit diesem vehementen »Es muss auch mal genug sein« nahm das deutsche Establishment die Jüd*innen in den Schwitzkasten der »Versöhnung«.
Einer der Vertreter der Jüd*innen in Deutschland, der diesen Vereinnahmungskurs öffentlich durchleben musste, war der langjährige Vorsitzende des Zentralrats, Ignatz Bubis. Er und seine Frau Bea waren die Einzigen, die Walser 1998 in der Paulskirche nicht applaudierten und sich nicht klatschend erhoben. Schon 1992 war Bubis mit offenem Antisemitismus konfrontiert, als er auf Einladung des Stadtrates in Rostock zum Pogrom in Lichtenhagen wenige Wochen zuvor sprechen sollte. Der Vorsitzende des Innenausschusses der Stadt, Karlheinz Schmidt (CDU), fragte ihn: »Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ihre Heimat ist doch Israel. Ist das richtig so? Wie beurteilen Sie die täglichen Gewalttaten zwischen Palästinensern und Israelis?«
Dieser Trip nach Rostock wird Bubis Jahre später von Martin Walser noch einmal aufs Butterbrot geschmiert: »Das können die Leute nicht mehr hören, diesen Generalverdacht. … Schauen Sie, wenn in der Bundesrepublik Brutalitäten gegen Ausländer vorkommen, gegen Asylanten, dann sind unsere Medien sofort bereit, das zurückzubinden an diese deutsche Vergangenheit. … Ich glaube, ich habe Sie im Fernsehen gesehen in Lichtenhagen bei Rostock. Jetzt frage ich Sie: Als was waren Sie dort?« Schließlich waren keine Jüd*innen dort betroffen: Die Botschaft von Schmidt und Walser, dass er sich doch um seinen Kram kümmern solle und nicht um den rassistischen Pogrom gegen Geflüchtete, Vietnames*innen und Roma, weisen Jüd*innen einen neuen Platz im deutschen Selbstverständnis zu, der im Rahmen der »Wiedergutwerdung« des Post-Wende-Deutschland zu vergeben war.
Einen philosemitischen Twist hatte dann wiederum die Gegenüberstellung von jüdischen und muslimischen Einwanderer*innen in einem Beitrag zu dem Millionenseller »Deutschland schafft sich ab« des einstigen Berliner SPD-Finanzsenators Tilo Sarrazin: Auf der einen Seite stünden die »ständig neuen kleinen Kopftuchmädchen«, auf der anderen die vermeintlich hochbegabten jüdischen Menschen als Wunscheinwanderer*innen. Sarrazin steht am Anfang des krassen Rechtsrucks auch in Deutschland, der auf seinem Weg über den Aufstieg der AfD, die sogenannte Flüchtlingskrise, die Pandemie, Inflation und Kriege in der Ukraine und Nahost zur heutigen fatalen politischen Situation geführt hat.
Diese Entwicklung führte im Kern immer antisemitische Verschwörungsnarrative aus dem historischen Bodensatz deutscher Empfindsamkeit mit sich und reaktivierte diese mit öffentlicher Wirksamkeit. Ob nun von »Globalisten« oder gleich namentlich vom jüdischen US-Milliardär George Soros die Rede ist – immer steckt hinter allem das »raffende Kapital«, das »uns« über Impfregime und globale Einflussnahme unter seine Knute zwingen will. Bekannte Bilder, bekannte Ressentiments, bekanntlich jederzeit abrufbar und in Mitte-Studien regelmäßig in besorgniserregenden Zustimmungswerten zu antisemitischen Aussagen dokumentiert.
AfD-Mitbegründer Alexander Gauland, der dem deutschnationalen Flügel der hessischen CDU entstammt, bleibt mit seinen, den Holocaust und deutsche Verantwortung verharmlosenden Aussagen völlig im revisionistischen Rahmen der Christdemokraten. Der NS als »Vogelschiss« in der 1000-jährigen ruhmreichen deutschen Geschichte passt da genauso gut hinein wie Björn Höckes Absage an das Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande«. Hierzu noch einmal der Publizist Max Czollek: »Die Höckes und Kubitscheks, von Storchs und Gaulands sind vielleicht bescheuert, aber blöd sind sie nicht. Darum haben sie längst erkannt, dass man so gut wie alles sagen kann, solange man sich rhetorisch auf die Seite der Juden und Jüdinnen stellt.« Das alles, so Czolleks Fazit, »ist nur der Gipfel der symbolpolitischen Aufladung der leibhaftigen Existenz von Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater.«
Und dies Gedächtnistheater kommt völlig ohne die Anhörung jüdischer Stimmen aus – zumal wenn diese dem Diskurs einer bedingungslosen Solidarität mit der marodierenden, ihrerseits in Teilen faschistischen israelischen Regierung nicht zustimmen. Das ruhmreich wiedervereinigte Deutschland ist für diesen Twist in Aufarbeitung und »Wiedergutwerdung« bereit, in völlig unverhältnismäßiger Weise selbst fundamentale demokratische Rechte zu kassieren, Proteste gegen Völkerrechtsbruch und Kriegsverbrechen in Gaza, den einschlägigen israelischen Gefängnissen, im Südlibanon und in der Westbank von polizeilichen Prügelkommandos plattmachen zu lassen. Jede Kritik daran wird aus dem »Iron Dome der Staatsräson« (Per Leo) heraus beinhart gecancelt und Betroffene wie etwa die »Ulm 5« mit brachialer Repression überzogen.
Aufarbeitung der Geschichte kann bizarre Blüten treiben.
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